Korruption in der Formel 1 Der Diktator gibt sich unbeeindruckt

Bernie Ecclestone ist ein Stratege. Foto: dapd
Bernie Ecclestone ist ein Stratege. Foto: dapd

Bernie Ecclestone regiert die Formel 1 seit 40 Jahren. Alle fürchten ihn, kaum einer übt Kritik. Doch jetzt könnte ein Staatsanwalt ihn stürzen. Er soll einen Ex-Banker mit 45 Millionen Euro bestochen haben, lautet der Vorwurf.

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Valencia - Das Klima hat sich abgekühlt in Valencia. Am Donnerstag noch waren die Fahrer mit Regenschirmen zu ihren Formel-1-Autos gelaufen, um sich vor der brennenden Sonne zu schützen. Und jetzt: 20 Grad, leichte Bewölkung. Ein Sinnbild gar für die Stimmungslage im berühmtesten Wohnmobil der Welt, in dem Bernie Ecclestone an den Rennwochenenden residiert? Grund zum Grübeln hätte der bisher allmächtige Chef der Formel 1, denn sein Schicksal liegt seit dieser Woche in den Händen der Münchner Justiz. Aber Ecclestone denkt nicht daran, sich auch nur beeindruckt zu zeigen.

Nachdem Gerhard Gribkowsky, ein ehemaliges Vorstandsmitglied der Landesbank BayernLB, am Mittwoch sein Schweigen gebrochen hat, sieht sich der 81-jährige Engländer mit dem Vorwurf konfrontiert, den Ex-Banker mit 45 Millionen Euro bestochen zu haben, damit der Verkauf der Formel-1-Beteiligung der BayernLB an die Investmentfirma CVC Capitals reibungslos über die Bühne geht. Ecclestone hatte dies in seiner Zeugenaussage vor dem Landgericht München im November vehement bestritten. Er tischte dem Gericht damals die Geschichte auf, dass er die 45 Millionen Dollar als eine Art Schweigegeld an Gribkowsky bezahlt habe. Ecclestone habe verhindern wollen, dass Gribkowsky bei der britischen Steuerbehörde vorstellig wird, was dem Chefbroker der Formel 1 Unannehmlichkeiten bereitet hätte. Man kann dabei im weitesten Sinne von einer Erpressung sprechen.

So gesehen findet Ecclestone geradezu sanfte Worte für Gribkowsky. In einer Reaktion auf die Aussage erklärt er der Presse: „Der arme Kerl ist seit 18 Monaten eingesperrt. Der würde doch alles sagen, um sich zu retten. So bekommt er vielleicht sieben Jahre Haft statt 14.“ Und er beteuert noch einmal: „Ich habe nichts zu verbergen.“

Ecclestones Wort ist Gesetz in der Formel 1

Ecclestone ist der starke Mann der Formel 1. Sein Wort ist Gesetz. Wenn „Bernie“ auftaucht, nehmen alle Habachtstellung an. Man bekommt keinen Termin, sondern man wartet. Bei Bernie sind alle gleich: ­Mechaniker, Teamchefs, Wirtschaftsbosse und Politiker. Wer mit ihm sprechen will, wird in einem kleinen Vorraum seiner mobilen Schaltzentrale zwischengeparkt, als stünde ein Zahnarzttermin an. Keiner läuft neben dem kleinen Mann durch das Fahrerlager, sondern immer einen halben Schritt dahinter. Normalerweise hat Bernie alles im Griff.

Doch wenn die Münchner Richter den Ausführungen von Gerhard Gribkowsky Glauben schenken, könnten ernsthafte juristische Probleme auf den Chef der Formel 1 zukommen. Jetzt liegt der Ball bei der Staatsanwaltschaft in München. Wird sie auch gegen Ecclestone vorgehen? Die Versuchung liegt nah, sich damit zu profilieren. Verfahren mit prominenten Angeklagten in der jüngeren Vergangenheit haben gezeigt, dass auch Juristen scharf auf ein bisschen Publicity sind.

Die Münchner Rechtsvertreter könnten Ecclestone wegen uneidlicher Falschaus­sage vor Gericht zitieren. Darauf kann in Deutschland eine Gefängnisstrafe stehen. Sollte der Banker wegen Bestechlichkeit verurteilt werden, könnten auf Ecclestone Zivilprozesse zukommen. Der ein oder­andere auf der Verkäuferseite mag argumentieren, dass er um Geld geprellt wurde. ­Ecclestone wird an seiner Version fest­halten, es auf Aussage gegen Aussage ankommen lassen und die Frage stellen: Wem glaubt man mehr? Einem offensichtlichen Straftäter, der in 18 Monaten Untersuchungshaft weichgekocht wurde oder einem, der bis jetzt ein unbescholtener Bürger ist? Ecclestones Anwalt Sven Thomas jedenfalls beteuert: „Mein Mandant hat diesem Verfahren von der ersten Minute an zur Verfügung gestanden und wird das selbstverständlich wieder tun.“

Bei Gribkowskys Geständnis jedenfalls sind Zweifel angebracht. Vor sechs Jahren sollte der Manager die Anteile der F1-Group, immerhin 47 Prozent, die der Bank als Pfand für die Pleite des Medienunternehmers Leo Kirch zugefallen war, verkaufen. Der Ex-Vorstand der BayernLB hat eingeräumt, dass Ecclestone für etwas Geld bezahlt habe, das er auch umsonst bekommen hätte. Der 54-Jährige habe, getarnt in einem Beratervertrag, fast fünfmal so viel Geld von ­Ecclestone erhalten, wie er erwarten durfte. Der österreichische Geschäftsmann Toto Wolff, der sich vor drei Jahren in den Williams-Rennstall eingekauft hat, wundert sich: „So etwas passiert dem Bernie nicht. Der hat noch nie freiwillig für irgendetwas mehr Geld bezahlt als nötig.“

Wozu Korruption?

Nach Gribkowskys Aussage war die Landesbank mehr als glücklich, dass es mit der Privat-Equity-Firma CVC einen Käufer gab, der bereit war, viel Geld auf den Tisch zu legen. Die Rede ist von einer Milliarde Dollar. Der Angeklagte erwähnte auch nichts von einem Konkurrenzangebot. Die BayernLB wiederum stand im Winter 2005/2006 unter Zugzwang, das ungeliebte Kind Formel 1 wieder loszuwerden. Die bayerische Landesregierung musste eine schnellen Rekapitalisierung der schon im Vorfeld kritisierten Kreditvergabe an die Kirch-Gruppe vorweisen. All das war Ecclestone bekannt. Wozu also Bestechung? Damals wurde auch gemunkelt, dass die Rennställe Interesse an dem Anteilen hätten, um Ecclestone zu entmachten. In Formel-1-Kreisen vermutet man, dass die Wahrheit irgendwo in der Mitte zwischen Ecclestones und Gribkowskys Aussagen liegt. Der Banker hatte bei der Geschäftsprüfung von Ecclestones Firmen vermutlich Dinge erfahren, die für den Formel-1-Chef unangenehm hätten werden können.

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