Krankenhäuser in Baden-Württemberg Personalnot gefährdet Gesundheit der Patienten

Von Willi Reiners 

Immer deutlicher spüren die Krankenhäuser im Land den Mangel an Pflegekräften. Die neuen gesetzlichen Personaluntergrenzen verschärfen den Druck auf den Stationen noch. Das kann auf Kosten der Patientengesundheit gehen.

Es fehlt an Personal im Krankenhaus. Foto: dpa/Philipp Schulze
Es fehlt an Personal im Krankenhaus. Foto: dpa/Philipp Schulze

Stuttgart - Angesichts des anhaltenden Mangels an qualifizierten Pflegekräften schlagen die Kliniken immer vernehmlicher Alarm. Laut der jüngsten Umfrage der Landeskrankenhausgesellschaft (BWKG) äußern 86,5 Prozent der Klinikchefs, dass es „schwierig“ oder „eher schwierig“ sei, Fachkräfte zu finden. Das ist der höchste Wert, der im Rahmen der 2011 aufgelegten Umfragereihe jemals gemessen wurde.

Detlef Piepenburg, Heilbronner Landrat und zugleich BWKG-Vorstandschef, sprach am Montag in Stuttgart von einer „dramatischen“ Situation – mit unmittelbaren Folgen für die Patienten. Fast 70 Prozent der Akutkliniken im Südwesten hätten 2019 Betten oder ganze Abteilungen zeitweilig schließen müssen. Viele Patienten seien deshalb verlegt, planbare Eingriffe verschoben worden. In einigen Fällen hätten Kliniken sogar Notfallpatienten an weiter entfernte Häuser verweisen müssen.

Notfallpatienten droht Abweisung

Die Sperrung von Betten und Abteilungen ist eine direkte Folge der seit Jahresbeginn auf ausgewählten Stationen geltenden Personaluntergrenzen. Auf Intensivstationen beispielsweise liegt der Richtwert tagsüber pro Pflegekraft bei maximal 2,5 Patienten, nachts bei 3,5 Patienten. Häuser, die den Richtwert wegen der Personalnot nicht einhalten können, müssen dies melden und ihr Leistungsangebot auf den betreffenden Stationen zurückfahren. Neue Patienten können dann nicht mehr aufgenommen werden, und Patienten, die bereits dort liegen, müssen unter Umständen verlegt werden. Sie kommen dann früher als sonst beispielsweise von der Intensivstation auf normale Stationen oder werden sogar auf andere Klinikstandorte verteilt, was insbesondere bei Klinikverbünden einen längeren Transport zur Folge hat.

Piepenburg räumte ein, dass sich dies zum Nachteil der Patienten auswirken könne. Zugleich versicherte er, die Häuser setzten alles daran, medizinische Qualitätseinbußen zu vermeiden.

Lange hatten sich die Dachverbände der Kliniken im Land und im Bund gegen die Personaluntergrenzen gewehrt, letztlich aber vergebens. Die schwarz-rote Bundes­regierung sieht die Vorgaben als Maßnahme der Qualitätssicherung. Piepenburg kritisierte am Montag erneut, die Krankenhäuser würden für den Personalmangel bestraft, obwohl die Kliniken nicht für den wie leer gefegten Arbeitsmarkt verantwortlich seien. Im Gegenteil, die Häuser hätten kräftig ausgebildet und dafür gesorgt, dass es in Baden-Württemberg seit 2007 rund 2500 Fachkräfte zusätzlich auf den Stationen gebe.

Bürokratie lastet auf Pflegekräften

BWKG-Hauptgeschäftsführer Matthias Einwag appellierte in diesem Zusammenhang an die Verantwortung des Gesetzgebers. Mit seinen bürokratischen Vorgaben sorge er dafür, dass nicht nur die Ärzte, sondern auch die Pflegekräfte immer weniger Zeit für Patienten hätten. Wenn 40 Prozent ihrer Arbeitszeit etwa von Dokumentationspflichten aufgefressen werde, schade das der Attraktivität des Pflegeberufs, sagte Piepenburg. Die Politik müsse dringend etwas dagegen tun.

Auch auf einem anderen Gebiet sehen sich die Kliniken im Land von Vorgaben der Politik drangsaliert. Piepenburg verwies auf die Praxis des Medizinischen Dienstes der Krankenkassen (MDK), Rechnungen für die Behandlung vor allem betagter Patienten zu kürzen, wegen angeblich zu langer Liegezeiten. Dabei werde vollkommen ignoriert, dass es den Kliniken oft nicht möglich sei, Patienten schneller zu entlassen, weil es an Plätzen für die Anschlussbehandlung in geriatrischen Einrichtungen oder in der Kurzzeitpflege von Heimen mangle. Dass den Kliniken ab dem kommenden Jahr durch das jüngste Reformgesetz von Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) dafür sogar nun Strafen von geschätzt 60 Millionen Euro drohen, sei unverschämt. Notfalls werde man dagegen klagen, so Piepenburg.

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