Krawalle in London Erst Unruhen bringen sie aus dem Takt

Von Markus Reiter 

Als "krank" beschreibt Cameron die englische Gesellschaft nach den Krawallen. Damit erntet er, was Thatcher und Reagan einst säten.

David Cameron am Montag in einem Jugendzentrum in Witney: er ermahnte Eltern und Lehrer des Landes. Foto: Getty Images Europe 2 Bilder
David Cameron am Montag in einem Jugendzentrum in Witney: er ermahnte Eltern und Lehrer des Landes. Foto: Getty Images Europe

London - Am 23. September 1987 gab die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher dem Journalisten Douglas Keay von der Frauenzeitschrift "Women's Own", einer Art englischer "Brigitte", ein Interview. In diesem Gespräch fiel ein Satz, der die Grundüberzeugung der neoliberalen Bewegung im letzten Viertel des vergangenen Jahrhunderts zusammenfasste. "Menschen wälzen ihre Probleme auf die Gesellschaft ab", erklärte die konservative Regierungschefin. "Wissen Sie was? So etwas wie Gesellschaft gibt es gar nicht. Es gibt nur einzelne Männer und Frauen und Familien."

Reparatur der egoistischen Gesellschaft

Fast ein Vierteljahrhundert später, nach den schweren Krawallen in London und anderen englischen Städten, verkündet der britische Premierminister David Cameron in einer Rede: "Eine meiner ersten Amtshandlungen, nachdem ich Führer der Konservativen wurde, war es, deutlich zu machen, dass wir unsere zerbrochene Gesellschaft reparieren müssen.

Meine Überzeugung ist heute stärker denn je." Hat sich in den vergangenen 25 Jahren also die sozialphilosophische Haltung der Konservativen zur Gesellschaft verändert? Gibt es doch so etwas wie Gesellschaft?

Es geht bei Cameron in Wirklichkeit nur um eine Akzentverschiebung. Thatcher hatte, ähnlich wie der amerikanische Präsident Ronald Reagan, der andere große Protagonist eines hemmungslosen Egoismus in den 1980er Jahren, den Sozialstaat für weitgehend überflüssig erklärt.

Sie sprach jedem Einzelnen selbst die Verantwortung für sein Wohlergehen zu und negierte, dass es außerhalb der Familien, eben in der Gesellschaft, Strukturen geben müsse, die das Individuum unterstützen. Dabei ignorierte sie, dass sich die Voraussetzungen zur Selbstentfaltung bei jedem Einzelnen unterscheiden - und eben diese Voraussetzungen abhängig sind von seiner Stellung in der Gesellschaft.

"Soziale Ungerechtigkeit" ist nicht "soziale Ungleichheit"

Rund 25 Jahre später holt uns diese Haltung von damals wieder ein. Sie findet ihren Widerhall in einer Debatte über "soziale Ungerechtigkeit" und "soziale Ungleichheit", die es auch vor den Krawallen in London schon gab, die aber jetzt bei der Debatte über deren Ursache und beim Erforschen möglicher gesellschaftlicher Missstände noch an Kraft gewinnt.

Als Kampfbegriffe in der politischen Debatte werden "soziale Ungerechtigkeit" und "soziale Ungleichheit" oft synonym verwandt. Das ist falsch - und wäre damit als Kritik an Cameron, Thatcher & Co. zu kurz gegriffen. Die schlichte Tatsache, dass es in einer Gesellschaft sehr reiche und weniger reiche Menschen gibt, stellt an sich noch kein Problem dar. Im Gegenteil: die Bürger in den modernen Wohlstandsgesellschaften wollen sogar soziale Ungleichheit.

Der Wunsch nach sozialer Distinktion

Das klingt irreal? Im Rahmen eines sozialpsychologischen Experimentes wurden Testpersonen vor folgende Wahl gestellt: Stellen Sie sich vor, Sie verdienen rund 50000 Euro im Jahr, in etwa genauso viel wie alle Ihre Nachbarn in Ihrem Wohngebiet. Nun möchte Sie Ihr Chef wegen guter Leistungen befördern und das Gehalt anheben.

Er stellt Sie vor eine Alternative. Entweder Sie erhalten 20000 Euro Zuschlag pro Jahr und dürfen weiterhin in ihrem Stadtteil wohnen bleiben. Oder er verdoppelt Ihr Jahresgehalt; dafür müssen Sie aber in einen Villenvorort umziehen, wo das Durchschnittseinkommen bei 200000 Euro liegt. Die Mehrheit der Befragten entschied sich für die 20000 Euro, wollte also bleiben, wo sie war, und verzichtete so auf real 30000 Euro im Jahr.

Es geht mithin nicht um objektiven Wohlstand. Denn sonst hätten die Befragten für das verdoppelte Jahreseinkommen optieren müssen. Vielmehr strebten sie nach einem Status von Ungleichheit, mit dem sie sich von ihren Mitmenschen abheben. Sie wollten besser dastehen als die Nachbarn. Diesem Sozialverhalten begegnen wir überall im Alltag. Exklusive Handtaschenhersteller, Modelabels und Fabrikanten edler Sportwagen leben davon.

Der Wunsch nach sozialer Distinktion eint alle Bevölkerungsschichten. Die englischen Plünderer, die in Sportschuhläden teure Sneakers haben mitgehen lassen, taten dies nicht, weil es sich darin bequemer laufen lässt. Sie erwarteten vielmehr, dass andere Jugendliche keine solchen Turnschuhe besitzen und sie dadurch an Status gewönnen.

Insofern waren die Krawalle von England kein Protest gegen soziale Ungleichheit. Diese ist vielmehr eine gesellschaftliche Triebkraft - in diesem abschreckenden Falle für kriminelle Energie, in vielen anderen, produktiven Fällen für wirtschaftliche Anstrengung.

Ignorierter Wunsch nach sozialer Ungleichheit

Die Vorstellung von Sozialisten und Kommunisten war stets, dass Staat und Gesellschaft soziale Ungleichheit abbauen müssten, indem sie Einkommen so weit umverteilten, bis allen Menschen mehr oder weniger gleich viel zur Verfügung stünde. Solche Wirtschaftsmodelle sind von Russland bis Kuba auch deshalb durchweg gescheitert, weil sie den Wunsch nach sozialer Ungleichheit ignorierten.

Um was geht es dann aber in der aktuellen Debatte wirklich? Es geht, zugespitzt formuliert, um den Zugang zu einer Gesellschaft, in der positive soziale Distinktion aus eigener Kraft erreichbar ist. Die Neoliberalen wie Thatcher und Reagan in den achtziger Jahren sowie die US-Tea Party heute setzen dem Sozialismus einen radikalen Individualismus entgegen, demzufolge jeder Einzelne einfach seines Glückes Schmied ist.

"In einem anderen Leben wäre er sicher Rechtsanwalt geworden"

Sie erwiesen sich als blind für die Erkenntnisse der Sozial- und Hirnforschung, wonach Kinder aus armen und sozial randständigen Familien ihre womöglich reich vorhandene Intelligenz und ihre Talente zum Wohle der Gesellschaft gar nicht entwickeln können.

"Er ist so pfiffig und intelligent", sagte in einem Radiofeature eine englische Lehrerin über einen ihrer Schüler in einem Londoner Problemviertel, der in die Bandenkriminalität abzurutschen droht. "In einem anderen Leben wäre er sicher Rechtsanwalt geworden." Oder in einer anderen Gesellschaft.

Eben darin besteht die Rolle von Staat und Gesellschaft: den Menschen das Tor zu einem anderen Leben zu öffnen. Das ist Chancengerechtigkeit. Diese wiederum setzt einen Sozialstaat voraus, der Armut und Elend als Regelfall für ganze Gruppen verhindert und der gute Kindergärten und hervorragende Schulen bereitstellt; der den Betroffenen also ein auskömmliches Dasein und Planungsoffenheit sichert.

Es gibt immer eine Gesellschaft

Die Neoliberalen hatten also insofern recht, als es nicht um einen Sozialstaat gehen kann, der den Menschen die eigene Verantwortung für ihr Leben aus der Hand nimmt. In ihrem Interview mit "Women's Own" sagte Margaret Thatcher 1987: "Ich denke, hinter uns liegt eine Zeit, in der zu viele Menschen glaubten: Wenn ich ein Problem habe, dann muss es die Regierung lösen. Die Menschen laden ihre Probleme bei der Gesellschaft ab."

Diese Beobachtung war sicher nicht falsch. Falsch war aber Thatchers Schlussfolgerung in diesem sozialphilosophischen Diskurs. Es gibt immer eine Gesellschaft. Und wenn sie gut ist, dann gibt sie den Menschen die Werkzeuge in die Hand, damit diese ihre Probleme selbst lösen können. Das ist dann in ihrem Interesse - und im allgemeinen.