Kreis Böblingen Ein Zirkus sitzt wegen Corona fest

Von Felix Heck 

Sie leben von ihren Zuschauern und Gastspielen in der Region – doch nun droht der Totalausfall. Auch der „Bravissimo“ steckt in seinem Winterquartier in Schönaich fest.

Der Vorhang bleibt unten: Walter Frank hat keinerlei Einnahmen mehr. Seine 50 Tiere wollen trotzdem versorgt werden. Foto: factum/Jürgen Bach
Der Vorhang bleibt unten: Walter Frank hat keinerlei Einnahmen mehr. Seine 50 Tiere wollen trotzdem versorgt werden. Foto: factum/Jürgen Bach

Kreis Böblingen - Hufe trappeln durch die Manege, Kinder schreien vor Entzückung auf, mit dem triumphalen Tusch braust ein ohrenbetäubender Applaus das Zirkuszelt empor – so hört sie sich normalerweise an, die Geräuschkulisse am Arbeitsplatz der Familie Frank. Bis in das Jahr 1812 ließe sich das Wirken der Zirkusdynastie zurückverfolgen, berichten die Franks stolz. Schon ihre Altvorderen brachten Freude und Staunen in die entlegensten Orte des Landes – dort, wo sonst nur trister Alltag herrschte.

Doch mit dieser Zirkusnostalgie ist vorerst Schluss: Kein Kinderlachen, kein Applaus, selbst das Trappeln der Hufe hört sich auf der Weide dumpfer an als in der Manege. Familie Frank sitzt fest.

Eigentlich hätte der Zirkus Bravissimo, wie sich das kleine Familienunternehmen nennt, schon längst das Winterquartier an der Steinenbronner Straße in Schönaich verlassen und gen Stuttgart ziehen sollen. Die Plakate in Vaihingen waren geklebt, die Vorfreude auf eine neue Saison bei den vier Erwachsenen und ihren drei Kindern stieg von Tag zu Tag.

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Doch dann kam Corona. „Unsere ganze Planung war auf einmal futsch“, sagt Walter Frank, während er in seinem Wohnwagen sitzt. Das Virus stürzt derzeit viele Branchen in eine Krise, mit jedem weiteren Infizierten, jeder weiteren Einschränkung werden die Forderungen nach staatlicher Unterstützung lauter. Die Franks können in diesem Chor nur leise mit rufen – dabei dürften die Auswirkungen für kleine Familienzirkusse besonders dramatisch sein. Noch vor etwas mehr als zehn Jahren gab es zwischen 200 und 300 von ihnen in Deutschland. Die Branche klagt seit Jahren über das Massensterben alteingesessener Betriebe – diese Situation dürfte sich mit dem Ausbruch des Coronavirus weiter verschärfen.

Homeoffice im Zirkus?

Der Branche helfen weder Homeoffice noch Kurzarbeitergeld im Kampf gegen den Totalausfall. Die Corona-Krise reduzierte die Einnahmen für den Zirkus Bravissimo auf null, während die rund 50 Tiere der Familie weiterhin mit Futter versorgt werden möchten. Hinzu kommen die Kosten des Strom- und Wasseranschlusses, das Geld für den Tierarzt, die Pacht in Schönaich sowie der Unterhalt der beiden Familien. „Als kleiner Zirkus leben wir ohnehin von der Hand in den Mund. Wir haben kein eigenes Quartier und auf der hohen Kante haben wir schon dreimal nichts liegen“, sagt Giuliano Frank, Walters jüngerer Bruder. In der Mange des Zirkus Bravissimo übernimmt er normalerweise die Rolle des Clowns, bringt mit seinen Gaukeleien bis zu 150 Zuschauer pro Vorstellung zum Lachen. Wenn er an die Zukunft des Familienbetriebs denkt, ist davon nichts zu sehen.

Eine Situation wie diese, da sind sich alle vier Franks einig, habe der Zirkus in seiner 208-jährigen Historie noch nie erlebt. Selbst während der Kriege hätten Vorstellungen stattgefunden, in schwierigen Zeiten seien die Großeltern mit Essen für ihre Darbietungen entlohnt worden, erzählt Walter Frank. „Aber das unser Zirkus nicht auftreten durfte, obwohl er gekonnt hätte, das gab es noch nie“, sagt er. Ein Novum der Familientradition – wieder wird es still um den großen Tisch im Wohnwagen.

Niemanden in Gefahr bringen

Verteufeln möchte die Familie das Auftrittsverbot trotzdem nicht. „Natürlich wissen wir, wie ernst das Virus zu nehmen ist, wir verstehen die Maßnahmen und wollen auch unsere Zuschauer nicht in Gefahr bringen“, sagt Sabrina Frank, die mit Giuliano verheiratet ist und in der Manege als Hula-Hoop-Artistin auftritt. An der wirtschaftlichen Notlage ändert das allerdings nichts. Ob sie für eine staatliche Finanzspritze in Frage kommen würden, wissen sie nicht.

In Schönaich stößt die Zirkusfamilie schon jetzt auf viel Kulanz. Der Bauer verlängerte die Pacht der Wiese ohne Umstände, auch die Stadt sagte ihre Unterstützung zu und drehte die Anschlüsse der Wohnwagen nicht wie geplant ab. Die Kinder der Franks scheinen sich mit der neuen Realität zu arrangieren, doch auch die nächste Generation der Zirkusfamilie hat Fragen. „Die Kinder sagen selbst, sie könnten das Wort Corona langsam nicht mehr hören. Sie sind gewohnt, herumzureisen und immer viele Nachbarskinder im Wohnwagen zu Gast zu haben. Das alles fällt jetzt weg“, sagt Jessica Frank, die mit Walter Frank verheiratet ist.

Wie lange es für den Zirkus Bravissimo so weitergehen muss, weiß keiner. Von einstmals 15 Gastspielen sind nur noch wenige im Herbst übrig. Bis dahin bleibt der Familie die Betreuung der Tiere und die Suche nach Unterstützern. Der Spaß am Auftreten ist bis auf Weiteres eingemottet – das Trappeln der Hufe hören die Franks nur noch auf der Weide in Schönaich, lachende Kinder mit ihren applaudierenden Eltern werden erst einmal nicht mehr unter dem Zeltdach Platz nehmen.

Selbst wenn im Sommer das Virus besiegt sein sollte, bleibt die große Unsicherheit und die Frage nach dem Danach: Wird die Bevölkerung ihre Freude an Veranstaltungen ohne Probleme wiederfinden? Für kleine Familienzirkusse wäre das überlebenswichtig.

Wer möchte helfen?

Um seine Zukunft zu sichern, hat der Zirkus Bravissimo eine Spendenaktion ins Leben gerufen. Wer spenden möchte, kann sich telefonisch an Jessica Frank wenden: 0177 / 88 25 000. Wer sich an der Aktion beteiligt, erhält bei künftigen Gastspielen einmalig freien Eintritt.