Kreis Esslingen Die Klinik kommt jetzt zum Kind

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Das Krankenhaus Esslingen betreut Kinder und Jugendliche mit psychischen Problemen auch zu Hause.

Das Klinikum Esslingen erweitert sein Angebot. Foto: Horst Rudel
Das Klinikum Esslingen erweitert sein Angebot. Foto: Horst Rudel

Kreis Esslingen - Im Kreis Esslingen werden die eigenen vier Wände zum Krankenhaus. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Esslingen verfügt seit neuestem über fünf Plätze für die sogenannte Stationsäquivalente Behandlung (StäB). Das bedeutet, dass Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren zu Hause dieselbe Behandlung bekommen, die sie auch stationär im Krankenhaus erhalten würden.

Angehörige werden in den Ablauf eingebunden

Das Kind wird nicht in der Klinik aufgenommen, sondern die Klinik kommt zum Kind – auf diese Formel lässt sich das neue Angebot bringen, das es laut dem Esslinger Finanzbürgermeister und kommissarischem Geschäftsführer des Klinikums, Ingo Rust, so erst dreimal in Deutschland gibt.

Der Chefarzt Gunter Joas nennt die Vorteile des innovativen Konzepts: „Die Möglichkeit, Kinder und Jugendliche in ihrem häuslichen Umfeld zu behandeln, ist für alle Beteiligten ein großer Gewinn. Die Patienten können in ihrem gewohnten Umfeld bleiben, Angehörige sind eng in den Ablauf eingebunden und somit auch beteiligt.“ Indem die Therapeuten die Kinder und Jugendlichen täglich in ihrem Umfeld sehen, bekämen sie einen tieferen Einblick, als es in der Klinik möglich ist. „Die Hilfe kann direkt im Alltag verankert werden. Wir sind einfach lebensnäher dran und können somit bessere Lösungen anbieten“, sagt Gunter Joas.

Wenn Kinder das Haus nicht mehr verlassen

Mit den StäB-Plätzen hat die Klinik gerade auch solche Kinder und Jugendliche im Blick, die mit den bisherigen stationären Behandlungsansätzen nur schwer erreichbar gewesen sind – Betroffene, die sich wegen ihrer psychischen Probleme vollständig zurückgezogen haben und häufig das Haus nicht mehr verlassen.

Die Sozialpädagogin Andrea Zug vom Team der Kinder- und Jugendpsychiatrie nennt ein Beispiel aus der Praxis. Andrea Zug übte mit einer Jugendlichen, die unter Angstzuständen litt, das Bahnfahren. Sie fuhr sie mit dem Auto zum Bahnhof, setze sie in die S-Bahn und erwartete sie eine Station später. Am Treffpunkt sei das Mädchen sehr glücklich gewesen, dass sie diese Prüfung geschafft hat.

Hilfe bei Depressionen und Angstzuständen

Diesem Behandlungserfolg ging freilich eine längere, abgestimmte Therapie voraus. Im Team von Gunter Joas arbeiten Ärzte, Psychologen, Pflegepersonal und Kunsttherapeuten eng zusammen. „Eine genaue Diagnosestellung und Einordnung am Anfang sind entscheidend. Dann entscheiden wir gemeinsam mit dem Kind oder Jugendlichen und der Familie, ob diese Behandlungsform passt“, erklärt die fachärztliche Leiterin Bettina Koßmann. Beispielsweise gibt es auch die Möglichkeit, dass Patienten von Teammitgliedern im Schulalltag begleitet werden.

Das StäB-Angebot richtet sich an Kinder und Jugendliche im Alter von sechs bis 18 Jahren. Häufig leiden die Betroffenen unter mittelgradigen Depressionen, auch Angstzustände und Persönlichkeitsstörungen kommen vor.

Chronische Erkrankungen sollen vermieden werden

Eine frühzeitige Therapie soll vermeiden, dass sich psychische Probleme zu einer chronischen Krankheit auswachsen. Etwa die Hälfte aller psychischen Erkrankungen, so Gunter Joas, zeigten sich bereits vor dem 14. Lebensjahr.

Im Rahmen von StäB seien Hilfeleistungen rund um die Uhr abgedeckt. Das hohe Maß an Flexibilität sei mit Aufwand verbunden. 5,4 Vollzeitstellen stehen derzeit zur Verfügung. Dies erlaubt es dem Klinikum, Patienten in einem Umkreis von 30 Fahrminuten zu behandeln.