Kreis Ludwigsburg Krank zu sein wird zur Geduldsfrage

Von jsw 

Der Landkreis hat zu wenige Allgemeinmediziner, vor allem im westlichen Teil. Immer mehr Kommunen überlegen deshalb, wie sie Nachwuchs locken können.

Schon jetzt gibt es in einigen Kommunen Klagen über lange Wartezeiten  – künftig wird sich das wohl verschärfen. Foto: AP
Schon jetzt gibt es in einigen Kommunen Klagen über lange Wartezeiten – künftig wird sich das wohl verschärfen. Foto: AP

Ludwigsburg - Glaubt man den Zahlen, geht es den Hemmingern gut, wenn sie krank sind. Vier Hausärzte – ohne die Unterscheidung nach Voll- oder Teilzeit – weist der Versorgungsbericht der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) auf. Doch nun ist eine Ärztin in Elternzeit. „Ich werde dann eben meinen Arbeitstag von jetzt schon zwölf Stunden erweitern müssen“, sagt Robin Maitra, bei dem die Ärztin angestellt ist. Und die Patienten werden für Vorsorgeuntersuchungen länger warten müssen, damit nicht die Akuttermine leiden.

Mit nun nur noch drei Ärzten würde Hemmingen mit seinen rund 7300 Einwohnern deutlich den als ideal angesehenen Wert von 1683 Einwohnern pro Arzt verfehlen. Die Statistik von 2013 weist für den Mittelbereich Ludwigsburg/Kornwestheim zwar mit maximal 2700 Einwohnern pro Arzt (Remseck) noch relativ gute Werte auf. Schlechter sieht es dagegen im westlichen Kreis aus. In Eberdingen und Oberriexingen kommen mehr als 3200 Bürger auf einen Arzt, auch Vaihingen liegt mit 1870 noch leicht über dem Idealwert.

Schon jetzt ist klar: Der Ärztemangel wird sich verschärfen

Neuere, aber nicht so detaillierte Zahlen weisen für den Mittelbereich Vaihingen einen Versorgungsgrad von 85,2 Prozent, Bietigheim-Bissingen/Besigheim liegt bei 82,7 Prozent. Nur für Ludwigsburg/Kornwestheim sieht es mit 108,9 gut aus.

Doch schon jetzt ist klar: Der Ärztemangel wird sich verschärfen. „Das Durchschnittsalter der Ärzte im Landkreis beträgt 58 Jahre“, weiß Maitra. In Hemmingen steht einer nah an der Altersgrenze, ein Nachfolger trotz langer Suche nicht in Sicht. „Im Augenblick ist die Versorgung gut. Aber zwei Ärzte in Markgröningen und der Dorfarzt in Unterriexingen erreichen bald das Rentenalter. Die Nachfolge könnte sich schwierig gestalten“, so die Einschätzung von Bürgermeister Rudolf Kürner.

Die Gründe sind vielfältig. Das Interesse für das Studium sei größer geworden, sagt der KV-Sprecher Kai Sonntag. Aber weniger wollen Hausarzt werden, von 100 in der Facharztausbildung wählen nur neun die Allgemeinmedizin, sagt Michael Friederich, der Vorsitzende der Ärzteschaft Ludwigsburg. Ein Grund sei das vergleichsweise schlechte Image, aber auch, weil die Selbstständigkeit abschreckt, die im Vergleich zu früher mit höheren Anforderungen verbunden sei. Zudem überwiegen nun Frauen in dem Beruf. Und die wollten – wegen der Familie – lieber im Team und in Teilzeit arbeiten. Gemeinschaftspraxen seien deshalb immer mehr im Kommen.

Ist der Numerus clausus zu hoch?

Doch es gibt auch Stellschrauben, an denen sich etwas drehen lässt, findet Robin Maitra, der sich eine höhere Attraktivität für den Beruf hierzulande wünscht. In den vergangenen zehn Jahren hätten schließlich 3000 Fachärzte Baden-Württemberg verlassen. Doch das Problem setzt schon viel früher ein: Der Numerus clausus sei zu hoch und würde viele davon abhalten, Medizin zu studieren. Zumal der hohe NC die Spezialisierung fördere, viele mit exzellentem Abi hätten den Anspruch, Professor zu werden, sagt auch Kai Sonntag.

Und als dritten Grund für den Hausarztmangel führt er die Ausbildung an. Das Studium sei bislang komplett krankenhausgeprägt, die Studenten erst mal nur an Unikliniken tätig. Projekte wie der unlängst gegründete Weiterbildungsverbund im Kreis Ludwigsburg sollen das aber ändern (siehe unten). Maitra setzt darauf zwar Hoffnungen, sagt aber auch: „Wenn Sie zu wenig Ärzte haben, haben Sie einfach zu wenige.“ Selbst Stuttgart drohe ein Mangel, weiß er.

Umso mehr müssen sich auch die Kommunen im Kreis anstrengen. In Remseck wirbt die Stadt seit Kurzem auf einem Internetportal um Nachwuchs. Die Ärzte sind dort ungleich verteilt, wer in Neckargröningen wohnt, hat schon lange keinen Arzt mehr. Das trifft nun auch die Hochdorfer: Der Arzt, der bislang dort praktizierte, wechselte in die Räume eines Kollegen nach Neckarrems, der in Rente ging.

Sind Ärztehäuser eine Lösung?

In anderen Orten gibt es Unterstützung für Ärztehäuser. In Gemmrigheim werden die bestehenden Praxen und eine Apotheke in ein Gesundheitshaus einziehen. Der Gemeinde war das 2,3 Millionen Euro-Projekt „sehr wichtig“, um die Ärzte im Ort zu halten, sagt der Hauptamtsleiter Michael Greineck. Dass moderne und gut erreichbare Räume wichtig sind, um die Attraktivität zu steigern, sieht man auch in Münchingen so. Dort gibt es Überlegungen für ein Ärztehaus. Mit 1680 Bürgern pro Hausarzt steht man zwar gut da, doch der Generationenwechsel sei absehbar, so die Stadt. Ähnliches gilt für Bietigheim-Bissingen. Dort verhandelt die Stadt nicht nur mit der Klinik über eine Integration, damit die vor allem jungen Ärzten wichtige Notarztpraxis langfristig Bestand hat. Die Tochter Bietigheimer Wohnbau plant zudem ein medizinisches Dienstleistungszentrum.

Ein Ärztehaus hätte auch Kornwestheim gern in Pattonville (7000 Einwohner, eine Ärztin) gebaut. „Wir haben aber aktuell von der Ärztekammer die Rückmeldung bekommen, dass die Ansiedlung nicht möglich ist, nur, wenn woanders im Kreis ein Arzt aufhört“, berichtet die Oberbürgermeisterin Ursula Keck. Der Hintergrund ist die eingangs erwähnte Bedarfsplanung, in den Neunzigern eingeführt, um die Überversorgung abzubauen. „Aber die ist nun wirklich nicht mehr unser Problem“, heißt es bei der Kassenärztlichen Vereinigung. Da sei nun die Bundespolitik gefragt.




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