Krimi mit Sandra Borgmann Sterben, um zu leben

Von Tilmann Gangloff 

In „Mörderische Tage - Julia Durant ermittelt“, dem packenden dritten Krimi mit Sandra Borgmann, steht die Titelheldin auf der Todesliste eines Serienmörders.

Durant (Sandra Borgmann, li., mit Elif Kaymaz) in der Pathologie Foto: SAT.1/Christian Lüdeke
Durant (Sandra Borgmann, li., mit Elif Kaymaz) in der Pathologie Foto: SAT.1/Christian Lüdeke

Stuttgart - Die Filmgeschichte wimmelt geradezu von mordlüsternen Monstern, deren tödliches Treiben nur ein Ziel hat: immer und immer wieder die Frau umzubringen, die sie zur Welt gebracht hat. Schon deshalb ist „Mörderische Tage“ ein Thriller, der aus dem Rahmen fällt. Und noch etwas macht den dritten Fall für Julia Durant (Sandra Borgmann) interessant: Viel reizvoller als die bloße Jagd nach Serienkillern sind die Geschichten, in denen ein hochintelligenter Täter die Ermittler zum intellektuellen Zweikampf fordert. Endgültig ungewöhnlich wird der Film, weil Durant erst sterben muss, um den Mörder überführen zu können.

Sehr geschickt verknüpft das Drehbuch von Andreas Bareiss und Kai Uwe Hasenheit, die maßgeblich auch an den beiden bisherigen Adaptionen der Romanvorlagen von Andreas Franz beteiligt waren, die berufliche mit der privaten Ebene der Hauptfigur; und das nicht nur, weil der Gegenspieler mit der Frankfurter Kommissarin Katz und Maus spielt. Jetzt offenbart sich auch, warum im letzten Film („Kaltes Blut“) so ausführlich vom Tod von Durants Mutter die Rede war. Die Frau ist ertrunken, als Julia zehn Jahre alt war. Ihr Vater (Germain Wagner), ein katholischer Priester, erzählt nun die ganze Geschichte, und es zeigt sich, dass die Kommissarin ein ganz wesentliches Element des Erlebnisses verdrängt hat.

Schon allein dieser Hintergrund sorgt dafür, dass die Identifikation mit der Hauptfigur eine völlig andere ist als in konventionellen Krimis. Das unterscheidet „Mörderische Tage“ auch von „Kaltes Blut“ und rückt den Film wieder näher an den Auftakt der Sat.1-Reihe, „Jung, blond, tot“ (2018), als Durant unter den gerade erst überstandenen Folgen eines Mordversuchs litt. Daran knüpft die Geschichte an: Die Kommissarin hat regelmäßig Termine bei einer Psychologin (Katharina Schlothauer). Ohne es zu ahnen, schafft sie damit überhaupt erst die Voraussetzung für ein Finale, das in dieser filmischen Intensität Seltenheitswert hat und Sandra Borgmann an ihre physischen Grenzen geführt haben dürfte. Trotzdem sind die entsprechenden Bilder von einer morbiden Schönheit.

Folter durch Wechsel von Dunkelheit und gleißendem Licht

Der Mörder quält seine ausnahmslos weiblichen Opfer mit „weißer Folter“. Bei Geheimdiensten ist diese Methode beliebt, weil sie keine körperlich sichtbaren Spuren hinterlässt. Regisseur Nicolai Rohde und sein Team haben das auf unangenehm effektvolle Weise umgesetzt: Die entführten Frauen werden in einem nüchternen Betonraum gefangen gehalten, der sich auf Knopfdruck in eine albtraumhafte Szenerie verwandelt, weil die Deckenbeleuchtung für einen enervierenden Wechsel von Dunkelheit und gleißendem Licht sorgt. Zwischendurch pulsieren die Lichtwellen, als würde hinter der Deckenverkleidung ein lebendiges Wesen hausen; gelegentlich wird der Raum auch in blutiges Rot taucht. Diese Methode treibt Menschen in Kombination mit Schlafentzug langsam, aber sicher in den Wahn. Auf ähnlich perfide Weise fordert der Entführer Durant heraus: Das erste Opfer hängt unter einer Mainbrücke, die zu ihrer Joggingstrecke gehört. Eine zweite Frau taucht zwar lebendig wieder auf, stirbt jedoch, als die Kommissarin sie berührt; die entsprechende Szene hat Rohde wie eine Reminiszenz an den Horrorklassiker „Der Exorzist“ inszeniert. Spätestens jetzt ahnt Durant, dass sie die eigentliche Adressatin der Taten ist. Dank der „Signatur“ weiß sie auch, wo sich der mutmaßliche Täter (Bernd Hölscher) derzeit aufhält; schließlich hat sie ihn eigenhändig vor fünf Jahren verhaftet. Dank des kunstvollen Lichts (Kamera: Henner Besuch) wirken die Besuche der Kommissarin im Gefängnis wie Stippvisiten in die Unterwelt.

Julia Durant ist eine traumatisierte Ermittlerin, die wenig zu lachen hat

Erneut zeigt sich zudem, wie klug die Wahl Sandra Borgmanns als Hauptdarstellerin war. Eine Art Markenzeichen der Schauspielerin ist ein Lächeln, das sie in ihren Filmen gern auch dann zeigt, wenn es eigentlich gar keinen Anlass für Freude gibt. Zu Julia Durant passt das ausgezeichnet, und das keineswegs bloß, weil die traumatisierte Ermittlerin generell wenig zu lachen hat, schließlich lässt sich ein Lächeln auch als Zähnezeigen interpretieren; selbstverständlich verbirgt sich hinter der freundlichen Fassade eine Hartnäckigkeit, die Durant im Reigen der diversen Ermittlerinnen zu einer besonderen Figur macht. Dank ihrer Mischung aus Verletztheit und Stärke trifft auch auf die Kommissarin jene Janusköpfigkeit zu, mit der sie zu Beginn bei einem Vortrag im Institut für Forensik den typischen Serientäter charakterisiert, dem das mörderische Treiben ähnlich wie bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde nicht ins Gesicht geschrieben sei; und selbstredend verbirgt sich in diesem Prolog der Schlüssel zur Lösung.

Wie packend Rohde den Thriller inszeniert hat, zeigt sich nicht zuletzt an jenen Szenen, bei denen ein versiertes Krimipublikum ahnt, was gleich passieren wird; und trotzdem erschrickt. Ein Manko gibt es dennoch: Schon in den beiden anderen Filmen passte die Figur des Durant-Kollegen Schulz nicht recht ins Ensemble. Auch diesmal ist die Nebenebene mit dem Privatleben des Kommissars, der Ärger mit seiner Ex-Frau hat und sich während einer Besprechung einen Rüffel fängt, weil er mit seiner Tochter Textnachrichten tauscht, komplett überflüssig. Schulz-Darsteller Guido Broscheit ist ein charismatischer Typ, der besseres Spielmaterial verdient hätte.

Sat 1, 20.15 Uhr