Krimikolumne

Kriminächte: Laudatio auf Friedrich Ani Die Angst vor der Lücke im Leben

Friedrich Ani hat bei den Stuttgarter Kriminächten für „M“ den Hypovereinsbank-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi Foto: dpa
Friedrich Ani hat bei den Stuttgarter Kriminächten für „M“ den Hypovereinsbank-Preis für den besten deutschsprachigen Krimi Foto: dpa

Mit „M“ hat Friedrich Ani erneut bei den Stuttgarter Kriminächten den Hauptpreis gewonnen – wie schon 2012 mit „Süden“. Wir drucken die Laudatio von Thomas Klingenmaier, in der er prüft, ob es sich die Jury zu einfach gemacht hat.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)
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Stuttgart - Wer hat da an der Uhr gedreht? Friedrich Ani erhält bei den Stuttgarter Kriminächten für „M“, einen Roman aus der Reihe um den Privatermittler Süden, den Hypovereinsbank-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Jahres. Ist Ani nicht schon 2012 für einen anderen Roman aus der Reihe um Tabor Süden dieselbe Ehrung widerfahren? Ja, und diese rasche Wiederholung liegt gewiss nicht daran, dass in Deutschland sonst nur fade Krimis geschrieben würden.

Sind also auch die Stuttgarter Kriminächte dazu übergegangen, die Immergleichen auszuzeichnen, weil nicht der Preis dem Preisträger Glanz bringen soll, sondern ein möglichst bekannter Preisträger Aufmerksamkeit auf den Preis lenken soll? Diese Feedbackschleife, bei der Ruhm automatisch immer mehr Ruhm bringt, ohne Ansehen des tatsächlich noch Produzierten, plagt ja weite Teile des Lorbeerbekränzungsgewerbes.

Diese Frage muss man ungehörigerweise in einer Laudatio stellen, weil sie auch den weniger Boshaften im Publikum unweigerlich durch den Kopf schießen wird. Zumindest in der Form: „Hat es sich die Jury mit dem Lesen ein wenig bequem gemacht? Sollte man ihr im nächsten Jahr rechtzeitig ein paar Pötte Aufweckkaffee brühen?“ Zur Klärung dieser Frage muss nun eine der bei solchen Anlässen sehr gefürchteten Abschweifungen folgen. Sie beschäftigt sich mit einem prägenden Wahn des Menschen.

Besitz und Mangel

Egal, wie viel wir besitzen mögen, unser Denken wird nicht von dem bestimmt, worüber wir verfügen. Es ist auf die Lücken gerichtet, auf das Fehlende, auf das noch nie Besessene oder das uns auf die ein oder andere Weise wieder Entzogene. Man muss nicht existenziellen Mangel leiden, um das Abwesende stärker zu spüren als das Vorhandene. Man kann im Überfluss leben und doch vom Zwang zur ständigen Inventur des noch nicht Erreichten, des noch nicht Kontrollierten, des noch nicht auf Vorrat Vorhandenen geplagt werden.

Diese Eigenart führt in unserem Gefühlsleben zu jener leicht reizbaren Promiskuität, die Vertrauen untergräbt und Geborgenheit zersetzt. In der Sphäre der Ökonomie hält sie ein System aus Unzufriedenheit, Bedürfniskitzel, Befriedigungskonsum und erneuter Unzufriedenheit am Laufen. In der Welt des Denkens aber hat uns diese Unruhe von den Bäumen getrieben, hat uns Werkzeuge schaffen, wissenschaftliche Systeme ertüfteln und aus einer trüben Suppe des Aberglaubens Wahrheiten über das Universum destillieren lassen. Wir wollen nicht nur haben, was wir noch nicht haben. Wir wollen wissen, was wir noch nicht wissen.

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