Kritik zu Jan Böhmermanns neuer ZDF-Show Jetzt geht’s den Reichen an den Kragen

Jan Böhmermann ist im ZDF-Hauptprogramm angekommen Foto: ZDF/Jens Koch
Jan Böhmermann ist im ZDF-Hauptprogramm angekommen Foto: ZDF/Jens Koch

Das Zweite traut sich was: Von diesem Freitag an bekommt der Satiriker Jan Böhmermann jede Woche eine halbe Stunde nach der „heute-show“ ganz für sich allein. Und schon die erste Ausgabe vom „ZDF Magazin Royale“ macht deutlich: Hier kann’s künftig den Deutschen richtig weh tun.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Mainz - Er ist zurück! Nach fast einem Jahr Sendepause taucht Jan Böhmermann wieder im TV-Programm auf. Künftig darf er jeden Freitagabend gleich nach dem Satire-Evergreen „heute-show“ noch eine kräftige Schippe drauf legen. „ZDF Magazin Royale“ heißt das neue Format – und gleich die erste Ausgabe zeigte, dass der inzwischen 39-jährige Moderator und Polit-Entertainer in seiner kreativen Pause ganz sicher nicht handzahm geworden ist. Mal sehen, wie lange das Zweite das aushält!

Die Corona-Pandemie geht natürlich auch am Böhmermann-Restart nicht spurlos vorbei: kein Publikum im Saal, keine Studiogäste, das Rundfunkorchester Ehrenfeld komplett im Homeoffice und nur per Zoom-Konferenz zugeschaltet. Da fehlt es in den ersten Minuten deutlich an der gewohnten Atmosphäre; man merkt Böhmermann die Anstrengung an, seine Gags abzufeuern, ohne direkte Reaktionen vom Publikum zu bekommen.

Das größte Problem neben der Klimakatastrophe

Und auch sonst dauert es, bis der Zuschauer versteht, worauf das Magazin eigentlich hinauswill, was sein Thema ist. „Verschwörung“ steht als Motto über allem; seit Tagen treibt sich Böhmermann mit seinem Team beim Messengerdienst „Telegram“ mit einem eigenen Kanal und kryptischen Botschaften herum. Ein Muppet-ähnliche Puppenmoderator wird eingeführt, den die älteren Zuschauer der Sendung noch aus ihren Kinderprogramm-Tagen kennen: Spencer. Irgendwie wird eine Michael-Wendler-Parodie daraus; der Schlagerstar ist ja bekanntlich seit einigen Wochen ins Reich der Corona-Leugner eingetreten und klagt die Bundeskanzlerin der Grundgesetz-Verletzung an. Aber alles wirkt hier ein bisschen zäh und ziellos.

Erst im zweiten Teil der halben Stunde wird ein Schuh aus alledem – dann geht aber wirklich die Post ab und Jan Böhmermann findet zurück zur alten Aufklärer-Form. Er macht sich lustig über die Verschwörungstheoretiker bei „Telegram“, die hinter allem Bösen in der Welt inklusive der Pandemie eine jüdische Kinderschänder-Elite am Werk sehen. „So ein Quatsch! Dabei ist das größte Problem in der Welt neben der Klimakatastrophe keine jüdische Verschwörung, sondern die Verteilung des Reichtums.“

Warum zahlt Döpfner angeblich keine Steuern?

Was folgt, ist ein Feuerwerk an Zahlen und Fakten: Wie viel hat Amazon-Chef Jeff Bezos in den letzten Monaten dank Corona zusätzlich verdient? Warum konnte BMW an seine Anteilseigner hohe Dividenden auszahlen und zeitgleich von der Bundesagentur für Arbeit Kurzarbeitergeld für die Beschäftigten abkassieren? Welche Rolle spielt der Fahrzeugteile-Unternehmer Michael Stoschek in der Kommunalpolitik Coburgs und in der CSU? Warum kann seine Schwester und Kunstsammlerin Julia den linken Kultursenator Klaus Lederer unter Druck setzen? Und warum musste Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner für das Milliardengeschenk, das er jüngst von Friede Springer erhielt, keine Steuern zahlen?

Huijuijuijuijui, da wird vieles schnell angerissen, was vermutlich alles eigentlich eine ausführliche und sorgfältig recherchierte ZDF-Reportage erfordern würde. Hier geht das einfach zack-zack-zack. Jan Böhmermann ist wieder ganz im Element seiner besten ZDF-Neo-Zeiten. Er verspricht jede Menge weiterführendes Material eben in seinem neuen Telgram-Kanal, präsentiert – Aha! siehe oben – vom Puppenmoderator Spencer. Und wenn wir den Sinn von alledem ganz richtig verstanden haben, dann ist tatsächlich seine Hoffnung, so in dieser Telegram-Millionenschar an Verschwörungsgläubigen das Interesse an den wahren Problemen dieser Welt wecken zu können.

Der ZDF-Intendant muss aufpassen

Am Ende der halben Stunde ist man ein bisschen erschlagen von der Info-Flut – aber Jan Böhmermann wäre nicht Jan Böhmermann ohne einen netten Kehraus für die Zuschauer. Er kündigt zum Abschluss „einen hochtalentierten Singer-Songwriter aus Norddeutschland“ an – und schon darf per Zoom-Konferenz das Techno-Urgestein Scooter („Hyper Hyper!“) zusammen mit dem Rundfunkorchester Ehrenfeld den Titel „Fuck 2020“ zu Besten geben. Ach, sie haben ja so Recht! Herrlich!

Fazit: Bei Oliver Welkes „Heute-Show“ muss der ZDF-Intendant Thomas Bellut ja nicht wirklich Angst vor Folgen haben, denn Welke und seine Crew teilen gerecht an alle Parteien und Seiten aus. Das wird in der nachfolgenden Böhmermann-Show offenbar anders. Der Schlaks aus Bremen-Vegesack, inzwischen in Köln daheim, der inzwischen auch graue Schläfen im Schopf bekommt, bleibt seiner politischen Linie treu. Das könnte noch sehr spannend werden – auch für den Sender. Seine Fans werden es lieben.




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