Landesgartenschau in Überlingen Rosenkrieg um die Überlinger Blumenschau

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Im Jahr 2020 soll die Landesgartenschau am Bodensee gastieren. Doch jetzt gibt es Ärger um 160 alte Bäume, die dem Blumenmeer zum Opfer fallen sollen.

Zwischen Bahnlinie und See erstreckt sich das Überlinger Gartenschaugelände. Ein Großteil der Bäume müssen für die Umgestaltung gerodet werden. Foto: Jürgen Heppeler
Zwischen Bahnlinie und See erstreckt sich das Überlinger Gartenschaugelände. Ein Großteil der Bäume müssen für die Umgestaltung gerodet werden. Foto: Jürgen Heppeler

Überlingen - Am Überlinger Hafen herrscht Gedränge. Das Kursschiff zur Mainau legt an. Es mag ein gewagtes Unterfangen sein, in Sichtweite zu der berühmten Blumeninsel eine Landesgartenschau vorzubereiten. Doch Roland Leitner ficht das nicht an. „Die anderen Orte am See schlafen ja nicht“, sagt der Geschäftsführer der Laga 2020. Auch den treuesten Stammgästen müsse ab und zu etwas Neues geboten werden. Zudem gehe es ja nicht nur um die Touristen. „Überlingen liegt zwar am See. Aber zugängliche Seeflächen, an denen die Bürger einfach so reinspringen können, gibt es kaum“, sagt Leitner.

Das soll sich mit der Landesgartenschau ändern. Die Stadt hat sich entlang der alten Ausfallstraße in Richtung Sipplingen den Campingplatz und ein ehemaliges Baumarktgelände gesichert. Dort lagerten Paletten mit Seeblick. Nun soll dort eine kleine, aber feine Blumenschau entstehen. Es gehe um sechs Hektar Fläche. Doch rechne man den direkt angrenzenden See hinzu, „sind es 53 000 Hektar“, sagt Leitner. Nur spricht momentan in der Stadt niemand von den Blumen und auch keiner vom Baden. Alle reden nur von den Bäumen, die diesem Ziel geopfert werden sollen. Es gehe um eine Allee mit 160 stattlichen Platanen, sagt Dirk Diestel. 50 seien schon gefallen. Die anderen will er vor der Kettensäge retten.

Diestel ist ein Mann wie ein Baum. Und er hat viele Mitstreiter. Innerhalb von drei Wochen habe man mehr als 3000 Unterschriften gesammelt. Knapp 2000 seien gültig, hat die Prüfung im Rathaus ergeben. Das ist mehr als genug für ein erfolgreiches Bürgerbegehren in der 22 000-Einwohner-Stadt am See. Einen Bürgerentscheid wird es aber trotzdem nicht geben. Das hat die Oberbürgermeisterin Sabine Becker (parteilos) schon klar gestellt. „Wir haben da keinen Spielraum“, sagt Becker, ohne dies zu bedauern. Das Bürgerbegehren komme zu spät und richte sich zudem gegen eine Bauleitplanung. Die liege aber allein in der Kompetenz des Gemeinderats.

Der Rückhalt in der Bevölkerung schwindet

Juristisch dürfte die Argumentation der Verwaltungsspitze wasserdicht sein. Politisch liegt der Fall etwas anders. Denn für eine erfolgreiche Landesgartenschau braucht es den Rückhalt in der Bevölkerung. Das sei in Schwäbisch Gmünd, wo die Gartenschau 2014 gastierte, ja gerade das Faszinierende gewesen, hat der Gmünder Oberbürgermeister Richard Arnold (CDU) kürzlich bei einem Vortrag in Überlingen vorgeschwärmt. „Die Bürgerschaft ist zusammengewachsen“, sagte Arnold. Am See scheint sich der Zusammenhalt hingegen gerade zu verflüchtigen. Das hat auch die OB gemerkt. „Wir müssen die Bürger enger informieren“, sagt Sabine Becker selbstkritisch.

Dabei hatten die Überlinger eigentlich alles richtig gemacht. Ehe die Bewerbung für die Blumenschau abgeschickt wurde, ließ der Gemeinderat die Bevölkerung abstimmen. Satte 59 Prozent votierten für das Projekt. Anderswo hätten die Gegner ein solches Votum akzeptiert und ihren Widerstand eingestellt, sagt der Laga-Chef Leitner säuerlich. In Überlingen gebe es nun ständig Querschüsse. Allerdings sehen sich die Baumfreunde gar nicht als Gegner. „Wir wollen ja auch, dass die Schau stattfindet“, versichert Diestel und gibt sich kompromissbereit. Vielleicht ließe sich ja ein Weg finden, wenigstens einen Teil der Bäume zu erhalten.

„Die Bäume müssen weg, sonst ist das Projekt tot“

Die OB hält davon nichts. „Dann ist das Projekt tot“, sagt sie. „Dann gibt es keinen Strand, keinen Seezugang, keine Gartenschau.“ Das hätten die Gegner beim Unterschriftensammeln bewusst verschwiegen. Den Vorwurf, Halb- und Unwahrheiten zu verbreiten, hält derweil auch die Gegenseite bereit. So sei von dem versprochenen Sandstrand schon lange keine Rede mehr. Damit das Laga-Gelände nicht langsam in den Überlinger See abrutscht, muss es mit Kies und großen Granitsteinen aus Südtirol gesichert werden. Auch die gefallen den Kritikern nicht. Die alte Steinmauer aus Rohrschacher Sandstein sei viel schöner und zudem ein kulturhistorisches Kleinod. „Wenn das Wasser dort hinein plätschert, klingt das wie eine Sinfonie“, sagt Diestels Mitstreiterin Kirstin Müller-Hauser.

Was die Bäume betrifft: da hatte es zunächst geheißen, sie seien ohnehin krank. Weil das so wohl übertrieben war, argumentiert Becker inzwischen anders. „Wir müssen generativ denken“, sagt die Mutter von zwei Teenagern. In 20 Jahren würden auch die neu gepflanzten Bäume Schatten spenden. Allerdings hatte die beauftragte Landschaftsplanerin Marianne Mommsen vor dem ersten Bürgerentscheid versprochen, dass – wie in der Ausschreibung gewünscht – fast keine Bäume fallen müssten. Ein entsprechendes Video hat die „Bürgergemeinschaft für Überlinger Bäume“ ins Internet gestellt. Später schwärmte Mommsen dann von freien Plätzen wie in Siena.

In Öhringen fand sich ein Kompromiss

„Das ist die erste Landesgartenschau, für die nicht Bäume gepflanzt, sondern Bäume gefällt werden“, ätzt inzwischen sogar Johann Senner. Der Überlinger Landschaftsarchitekt hatte die erfolgreiche Laga-Bewerbung vorbereitet. Doch er liegt falsch. Auch im Vorfeld der aktuellen Laga in Öhringen hatte es eine Baumdebatte gegeben. Sie endete mit einem Kompromiss. Von 180 Bäumen wurden 60 gerettet. Inzwischen herrsche eitel Sonnenschein, sagt die dortige Laga-Sprecherin Silke Amann. Von den gefällten Bäumen spreche angesichts der erfolgreichen Schau keiner mehr.

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