Lasst uns über ... Sex als Konsumgut reden Höher, schneller, weiter – im eigenen Schlafzimmer

Von Claudia Huber (aufgezeichnet von

Unser Sexleben wird immer mehr zu einem Statussymbol. Wir setzen uns unter Druck, um mit anderen mithalten zu können. Warum man dieser Spirale gar nicht so leicht entkommt, erklärt unsere Kolumnistin Claudia Huber.

Wer heute nicht ein bisschen kinky ist, gilt in einigen Kreisen schnell als langweilig, beobachtet Claudia Huber. Foto: AdobeStock/adobestock.com
Wer heute nicht ein bisschen kinky ist, gilt in einigen Kreisen schnell als langweilig, beobachtet Claudia Huber. Foto: AdobeStock/adobestock.com

Stuttgart - Wer kenn es nicht, wenn wieder so geprahlt wird: So viele Menschen hatte ich schon! So viel hab ich schon ausprobiert! Beim Thema Sex gilt mittlerweile in vielen Kreisen: Krasser, schneller, besser – sonst was. Genuss ist schön. Wichtiger ist mithalten.

Eine traurige Wahrheit ist: Keiner will ein richtig schönes, langweiliges Sexleben. Für wen der aufregendste Ort, an dem man es gemacht hat, das Sofa ist, wer sich mit der Hand selbst befriedigt und nicht mal einen Vibrator benutzt, wird oft angeguckt wie ein Auto. Sex wurde zum Konsumgut und wer kein vorzeigbares Sexleben hat, wird schnell zum Außenseiter. Sex hat mit Status zu tun.

Ewig durchhalten, nie langweilig sein

Ich glaube gar nicht, dass das nur eine Frage des Zeitgeists ist. Auch nicht in der vermeintlichen 50-Jahre-Prüderie. Ich bin sicher, dass sich auch damals schon Männer nach verruchten Frauen verzehrt haben. Nur waren Ausschweifungen früher eher Menschen vorbehalten, die sich das auch leisten konnten. Das Zelebrieren von Sexualität war Sache der Oberschicht.

Heute haben alle Zugriff auf Pornos. Außerdem sind Verhütungsmittel da und wir hatten sexuelle Revolutionen. Aber es ist vor allem das Thema Porno, das uns und unsere Sexleben vor uns hertreibt. Die Performances dort führen uns weg davon, Dinge zu genießen und wecken falsche Erwartungshaltungen. Übrigens auch bei Männern. Ewig durchhalten, nie langweilig sein und ein Penis, hart wie eine Eisenstange; Männer müssen leisten.

Die Probleme fangen beim Mindset an. Die Spirale beginnt beim Nachdenken über das eigene Sexleben zuhause und im Sexshop greift man dann zu Handschellen und dem Supervibrator, obwohl viele von uns einfache Dessous vielleicht mehr anmachen würden. Denken wir das weiter, kommen wir an den Punkt, wo wir uns schnell den Spaß am Sex selbst verderben.

Keine Videos nachhampeln

Richtige Fragen wären: Wie geht es mir mit meinem Sexleben? Was habe ich für Fantasien, woran bin ich interessiert? Eine Partnerschaft ist – nicht nur im Bett – immer etwas, wo zwei Willen aufeinanderprallen. Und hinter dem Sex stehen immer Bedürfnisse. Wenn der Partner auf Netzstrümpfe steht, wecken diese Assoziationen bei ihm – es geht nicht um den Strumpf an sich.

Denn dass man sich dem Druck von außen nicht beugen sollte, keine Videos nachhampeln sollte, bedeutet ja nicht, dass man manche Dinge nicht mal ausprobieren sollte. Warum auch nicht? Neugier ist gut – so wird das eigene Sexleben spannender, ganz ohne dass das Liebesspiel zum zweifelhaften Konsumgut verkommt.

Unsere Kolumnen-Reihe „Lasst uns über ... reden“ über Liebe, Sex und Intimes – alle Folgen im Überblick




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