Leckereien für die Zeit zu Hause Wie Stuttgarter Gastronomen der Corona-Krise trotzen

Von , Eva Funke, Thomas Graf-Miedaner, und  

Zu den Branchen, die von der Corona-Krise besonders hart gebeutelt werden, gehört die Gastronomie. Wir haben uns bei sechs Stuttgarter Betrieben umgehört, die auf Lieferservice umgestellt haben.

Gesund geht es zu im „Vietal Kitchen“: Bei Somjai Gresenz (links) gibt es neuerdings auch Smoothies zum Mitnehmen. Foto: Thomas Graf-Miedaner 7 Bilder
Gesund geht es zu im „Vietal Kitchen“: Bei Somjai Gresenz (links) gibt es neuerdings auch Smoothies zum Mitnehmen. Foto: Thomas Graf-Miedaner

Stuttgart - Die Coronapandemie stellt Stuttgarts Lokale vor eine Herausforderung. Am 18. März erließ die Landesregierung eine umfassende Schließung von Gaststätten. Laut der Umsatzsteuerstatistik aus dem Jahr 2017 sind davon 1131 Restaurants, Cafés und Eisdielen betroffen. Daniel Ohl, Sprecher des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, hält diese Zahl auch heute für realistisch. Eine dem Dehoga unbekannte Anzahl an Restaurants versucht nun, mit Lieferdiensten weiter Service anzubieten. Einige Lokale lieferten auch vor der Pandemie Speisen aus, andere wollen so nun einen Teil ihres Betriebs aufrechterhalten. In der aktuellen Lage helfe jeder Euro, betont Ohl. Wir stellen einige Gastro-Betriebe vor, die nun Essen an die Haustür liefern.

Rezepte aus Kamerun

Das kleine Lokal von Vanessa Obi an der Böblinger Straße 96 ist noch neu, da trifft sie der Shutdown besonders hart. Aber die junge Frau meckert nicht, sie kocht: vegan und westafrikanisch. In diesen Tagen gibt es Kochbananen-Burger, Jollof-Reis, Süßkartoffeln oder Yams bloß nach Bestellung zum Abholen. Die meisten Rezepte hat Obi von ihrer Großmutter geerbt: „Fast alle Gerichte, die ich bei Patacon Obi koche, stammen aus ihrem Rezeptbuch. Für mich ist jedes Gericht ein Stück Heimat.“ Allerdings lässt die Enkelin dabei das Fleisch weg, ergänzt die Karte stattdessen mit „eigenen Kreationen, die eine Brücke zwischen meiner alten Heimat Kamerun und meiner neuen Heimat Stuttgart schlagen“.

Das Geschäft läuft derzeit kläglich – am Tag kleckerten kaum mehr als eine Handvoll Bestellungen herein, mehr als 50 Euro Umsatz mache sie derzeit nicht, sagt die 26-Jährige. Die Miete sei zwar günstig, trotzdem werde es knapp. Wie lange wird Vanessa Obi das durchhalten können? „Ich weiß es nicht“, sagt sie mit wehem Blick zu ihrer Küche. (kay)

Kontakt: Telefon 0176/36399454, Internet http://patacon-obi.de

Lieferservice ausgebaut

Michael Schmücker ist der Chef des Catering-Unternehmens Schmücker Gastro & Catering GmbH an der Siemensstraße 48. Normalerweise beliefert er Veranstaltungen. Zu seinen Stammkunden gehört das Friedrichsbau Varieté in direkter Nachbarschaft. Und dort fällt wie bei allen Veranstaltern das gesamte Programm aus und damit die Aufträge für den Unternehmer weg. Deshalb hat er umgedacht. In dem zum Unternehmen gehörigen Bistro Selgros im Selgros-Markt an der Heilbronner Straße 385 können sich Kunden jetzt auch Salate, Wraps, Burger oder das Tagesessen nach Hause liefern lassen – für 2,50 Euro Aufschlag. Selbstabholer, die auch für ihre Nachbarn dort das Essen abholen, bekommen hingegen einen Rabatt von zwei Euro.

Außerdem hat sich Michael Schmücker noch etwas einfallen lassen: Er und seine Mitarbeiter bieten einen Einkaufsservice an. Schmücker: „Die Leute können uns per E-Mail oder telefonisch eine Einkaufsliste übermitteln. Wir kaufen die Waren dann in dem Geschäft ein, das der Kunde uns nennt.“ Geliefert werden die Produkte vor allem in den Stadtbezirk Stuttgart-Nord und nach Feuerbach. Der Aufschlag auf den Lieferservice macht 15 Prozent des Warenwertes, aber mindestens sechs Euro aus.

Und noch eine Besonderheit: Wer telefonisch bestellt, und das Stichwort „Friedrichsbau“ sagt, unterstützt mit einem Euro auch das Varieté, das jetzt in der veranstaltungsfreien Zeit auf jede Unterstützung angewiesen ist. Wird der neue Lieferservice gut angenommen, kann sich Michael Schmücker vorstellen, ihn nach der Krise als weiteres Standbein seines Unternehmens beizubehalten.

Vor der Kurzarbeit schützen die neuen Ideen die Mitarbeiter des Caterers trotzdem nicht. „Diesen Monat konnten alle noch ihr Gehalt aufstocken, in dem sie bei Selgros Regale eingeräumt haben. Aber von April an führt kein Weg mehr an der regulären Kurzarbeit vorbei“, bedauert der Gastronom. Die beiden Lieferservice – zum einen für die Gerichte, zum anderen für den täglichen Einkauf – bezeichnet Schmücker als „Strohhalm, der aus dem Wasser ragt und einem etwas Luft verschafft“. (fu)

Kontakt: Telefon 07 11 75 85 83 90, Internet www.schmuecker.eu

French Toast für die Seele

Madeleine Al Sahuri-Schwer fällt auf Anhieb ein, was ihre Kunden derzeit gerne bestellen: French Toast mit Nutella werde gern geordert, sagt die 33-jährige Betreiberin des „The Gardener’s Nosh“ an der Calwer Straße. Die Menschen sehnten sich in der Coronakrise offenbar nach „Soul Food“, Nahrung für die Seele, vermutet sie.

Das Lokal verlegte sein Geschäft am 20. März ins Internet. Al-Sahuri-Schwer freut sich seitdem über jede Bestellung. „Das hilft uns, ein Stück Normalität zu leben“, sagt sie. Obwohl das Lokal nur auf sozialen Medien im Internet auf ihren Lieferservice hinweist, beurteilt die Betreiberin ihn als Erfolg. Die Kunden könnten aus einer reduzierten Karte Speisen auswählen, erklärt Al Sahuri-Schwer. „Nicht alles eignet sich für die Auslieferung“, meint sie. Al-Sahuri-Schwer setzt dabei auf Kunden, für die Frühstück den ganzen Tag genossen werden kann. Auch wenn derzeit nicht ans Ausgehen zu denken ist, bestellten viele nachmittags, verrät Al-Sahuri-Schwer. „Viele schauen jetzt bis spät in die Nacht Serien am Wochenende“, meint sie. Das klassische Katerfrühstück kann so wohl mit weniger Brummschädel genossen werden, ist zu vermuten. (cr)

Kontakt: Telefon 07 11/28 04 82 11, Internet unter www.thegardenersnosh.com

Schwäbische Gerichte und Klopapier

Ugur Ceyhan hat das, was sich zur Zeit viele Menschen sehnlichst zu wünschen scheinen: Unmengen an Klopapier. Der Inhaber des Steak- und Brauhauses am Feuersee im Stuttgarter Westen hat zig Rollen Klopapier auf Vorrat und daraus ist seine Idee für die Krisenzeit entstanden. Statt seine Gäste im Restaurant zu bedienen, liefert er seine Gerichte aus – etwa im Umkreis von zehn Kilometern. „Aber wenn jemand in Not und hungrig ist, dann fahre ich auch 30 Kilometer“, sagt Ceyhan. Sein Service: Für jedes Hauptgericht gibt es eine Rolle Klopapier gratis dazu. Wer in der Nähe wohnt, kann die Gerichte auch im Restaurant selbst abholen.

Auch andere begehrte Produkte wie Mehl und Hefe hat der Stuttgarter Wirt im Angebot. Kurzerhand hat er sein Restaurant nämlich nicht nur in einen Lieferservice umfunktioniert, sondern auch einen Mini-Supermarkt daraus gemacht. Im Gastraum können Kunden dort Nudeln, Eier oder Milch kaufen. Auch diese Waren liefert er auf Anfrage aus. „Falls jemand in Quarantäne ist oder eine Mutter mit Kind, die nicht raus kann“, sagt er.

Reich wird Ceyhan damit aber sicher nicht. Er habe einen Umsatzverlust von rund 80 Prozent. „Das muss man tragen können. Noch mal zwei Monate und dann bist du kaputt“, sagt er. Aber er habe sich fest vorgenommen, keinen einzigen Mitarbeiter zu entlassen. „Das mache ich nicht, auch nicht zum Sparen. Ich will ja nicht auf meiner Kohle schlafen.“ Wenn, dann gehe er mit seinen Leuten unter. Er hoffe aber, dass dies nicht passieren wird, auch weil er immer viel gespart habe. „Das ist gesunder Unternehmerverstand“, betont er. Und der soll ihn nun auch einigermaßen gut durch die Krise bringen. (nay)

Kontakt: Telefon
0711/ 62 14 41, Internet www.trollinger-stuttgart.de

Pizza und Pasta sind gefragt

Nima Nafeei freut sich, dass der Lieferservice des Italienischen Lokals Oh Julia immer besser angenommen wird. Bereits vor dem Ausbruch der Coronapandemie habe das Italienische Restaurant mit dem Lieferdienst Lieferando Speisen ausgeliefert. Seit der Zuspitzung der Lage Mitte März seien auch eigene Fahrer nach 17 Uhr unterwegs, meint er. Ein Onlineshop stehe in den Startlöchern, der Zahlen über das Internet ermögliche, erläutert Nafeei weiter. Zu Beginn der Krise sei die Resonanz auf die Lieferangebote verhalten gewesen. „Viele waren ja durch die Hamsterkäufe gut versorgt“, sagt der Geschäftsführer. Inzwischen vertrauten aber offenbar weniger Menschen auf die eigenen Kochkünste bei der Zubereitung gehorteter Nudeln. „Pizza ist sehr gefragt, aber auch Pastagerichte und Bowls“, sagt er. Der Lieferservice ist aus Sicht ein Signal an die Mitarbeiter. „Wir zeigen damit, dass wir nicht aufgeben“, sagt Nafeei. (cr)

Kontakt: Telefon 07 11 / 51 89 01 64, Internet www.ohjulia.de

Gesundes Essen für das Immunsystem

Essen soll nicht nur satt machen, sondern ist auch zum Genießen da und um den Körper zu stärken. Dieses Motto hat im „Vietal Kitchen“ am Ostendplatz schon vor Corona eine wichtige Rolle gespielt. „Gerade jetzt ist es umso wichtiger, das Immunsystem mit gesundem Essen zu stärken“, sagt Somjai Gresenz, Geschäftsführerin des asiatischen Restaurants, das neben Fleischgerichten eine große Auswahl an vegetarischen und veganen Speisen hat. Darum war für Gresenz von Anfang an klar: Wenn das Restaurant schließen muss, gibt es einen Lieferdienst. Ein weiteres wichtiges Argument: „Bei asiatischem Essen ist es oftmals besonders schwierig, es selbst zuzubereiten, da man enorm viele Zutaten braucht.“ Mit dem Lieferdienst will man nun für etwas Abwechslung sorgen. Vor allem weil es gerade für Veganer und Vegetarier oft nicht so leicht sei, per Lieferdienst an vielfältiges Essen zu kommen.

Einen Mitnahme-Service gibt es im „Vietal Kitchen“ schon seit der Eröffnung vor rund zwei Jahren. Nun kommt auch noch ein Lieferdienst dazu. In Kürze soll eine Bestell-App folgen.

Gesund wird es auch bei den Getränken: Seit ein paar Tagen kann man auch Smoothies zum Mitnehmen bestellen. „Die werden frisch zubereitet und können abgepackt in kleinen Fläschchen zu Hause jedes Essen ergänzen“, sagt Gresenz, die ihren Optimismus nicht verliert. Denn obwohl der Abhol- und Lieferservice gut angenommen werden, muss sie Umsatzeinbußen von rund 70 Prozent in Kauf nehmen. Hinzu kommt, dass einige Lebensmittel wegen Lieferproblemen teurer werden. Am meisten leidet Gresenz jedoch unter den fehlenden sozialen Kontakten. „Kommunikation gehört zum Essen auch dazu.“ Das versucht sie nun digital auszugleichen. „Über Instagram und Facebook versuchen wir, in engem Kontakt zu unseren treuen Kunden zu bleiben.“ (tmi)

Kontakt: Telefon 0711/72 23 35 78, Internet www.vietal-kitchen.de/stuttgart/

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