Leichtathletik Der Leonberger Weg führt über 42 Kilometer

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Für Jürgen Fähndrich ist das ausdauernde Laufen mehr Meditation als Sport. Der 70-Jährige hat 16-mal den Berlin-Marathon absolviert und gehört damit zum Jubilee-Club mit lebenslangem Startrecht.

Über 40 000 Teilnehmer sind jährlich beim Berlin-Marathon am Start. Foto: dpa
Über 40 000 Teilnehmer sind jährlich beim Berlin-Marathon am Start. Foto: dpa

Leonberg - Normalerweise sind ihm die Zeit und das ganze Drumherum nicht so wichtig. Diesmal allerdings hat sich Jürgen Fähndrich doch tatsächlich die offiziellen Fotos eines Anbieters bestellt. Nach gut einer Woche waren sie endlich da. Für den Leonberger sind sie ein ganz besonderes Erinnerungsstück. Anlässlich seines 70. Geburtstages in diesem Jahr ist er noch einmal den Berlin-Marathon gelaufen. Insgesamt 16mal war er nun in der Hauptstadt am Start.

Der Entschluss ist gefasst. „Nach vielen letzten Malen war das jetzt wirklich das aller-, allerletzte Mal“ (Fähndrich). So ganz kann er es fast selbst nicht glauben und schränkt ein: „Man soll ja nie nie sagen.“

Nach 4:23 Stunden kam der Pensionär ins Ziel. Seine Bestzeit, die er vor etwas mehr als zehn Jahren gelaufen ist, liegt bei 3:15 Minuten. Unerheblich. „Die letzte Stunde stand unter dem Motto: leiden und genießen“, sagt Fähndrich. Die Waden fühlten sich ab Kilometer 35 an wie Beton. Vor dem Kaufhaus des Westens ließ sich der Dauerläufer erstmals bei einem Marathon massieren. „Ich hatte Angst, dass ich mir womöglich einen Muskelfaserriss hole“ (Fähndrich).

Denn genau das will der 70-Jährige nicht. Seine Motivation: „Für mich ist das Laufen mehr Meditation als Sport. Da lerne ich mich besser kennen. Ich möchte zeigen, was für eine Lebensqualität das Laufen bringen kann.“

Der Slogan als Lebensmotto

Vor rund 30 Jahren war Jürgen Fähndrich als Führungskraft der damaligen Leonberger Bausparkasse beteiligt, als der Slogan „Der Leonberger Weg – so geht’s“ kreiert wurde und übernahm ihn als persönliches Lebensmotto.

Als er ein paar Jahre später in Berlin für den Aufbau des Außendienstes in den neuen Bundesländern zuständig wurde, war ihm klar, dass der Leonberger Weg in Berlin nur über den dortigen Marathon führen konnte. Und zwar in dem Jahr, als er zum ersten Mal durchs Brandenburger Tor führte, als starkes Sinnbild für eine wiedervereinigte Stadt und Nation.

Durchaus eine Herausforderung für einen Nichtsportler, der vorher noch nie länger als eine Stunde im Wald joggen war. Als er nach fünfjährigem Berlin-Aufenthalt zurück nach Leonberg kam, schloss er sich den Lauftreffs in Warmbronn und Höfingen an. Dort ist er auch heute noch zu den entsprechenden Terminen jeweils einmal pro Woche aktiv.

Mit 50 zum Marathon nach New York

Der nächste Schritt folgte nach mehreren erfolgreichen Berlin-Marathons im Jahr seines 50. Geburtstags: die Teilnahme am legendären New York Marathon. Eigentlich sollte das der Abschluss einer Freizeit-Laufkarriere sein. Aber die Faszination Marathonlauf ließ Jürgen Fähndrich nicht mehr los. Und beflügelte ihn auch beruflich.

Unter dem Motto „Laufen lernen und laufend lernen“, vermittelte er seinen Mitarbeitern in der Leonberger Zentrale und später in Ludwigsburg, wie man über das Laufen zu sich finden und in allen Lebenslagen erfolgreich werden kann.

Unter anderem bewältigte er auch die Originalstrecke in Griechenland von Marathon ins Olympiastadion nach Athen (gebaut für die ersten Olympischen Spiele der Neuzeit 1896) – aber seine „große Liebe“ blieb der Berlin-Marathon. Dort ist er inzwischen Mitglied des Jubilee-Clubs (mindestens zehn erfolgreiche Teilnahmen) mit einem lebenslang garantierten Startrecht unter der Startnummer 1328.

Die läuferische Zukunft ist offen

Der gebürtige Ulmer wird weiter laufen – so viel ist klar. In welcher Form, wird sich weisen. „Vielleicht brauche ich auch neue Ziele. Vielleicht komme ich mit 73 auf die Idee, dass ich mit 75 nochmal Berlin laufen will“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln. Der Vater von drei Söhnen braucht diesen Sport für seinen Leonberger Weg hin zu sich selbst, zu seiner körperlichen und geistigen Fitness und Stabilität. Schließlich weiß er ganz genau: „So lange ich Marathon laufen kann, geht’s mir gut.“