Leichtathletik-Präsident Kessing „Ein Sportministeriumwäre ein Signal“

Von und Dirk Preiss 

Jürgen Kessing, der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), kritisiert vor der Heim-EM in Berlin die Spitzensportreform und fordert ein Umdenken in der Politik.

Funktionär und Politiker: Verbandschef Kessing ist zugleich OB von Bietigheim-Bissingen. Foto: Baumann
Funktionär und Politiker: Verbandschef Kessing ist zugleich OB von Bietigheim-Bissingen. Foto: Baumann

Stuttgart - Am 7. August fällt der Startschuss für die Leichtathletik-EM in Berlin. Der Verbandschef Jürgen Kessing ist überzeugt, dass die Veranstaltung ein Erfolg wird. Dennoch bemängelt er die fehlenden Stadien in Deutschland für weitere internationale Meisterschaften.

Herr Kessing, der DLV startet mit 128 Athleten in die Heim-EM, das sind so viele wie noch nie. Ist das nicht zu viel Masse statt Klasse?
Das sehe ich nicht so. Wir haben etablierte Athleten, die Medaillen holen können; und wir haben viele junge Kräfte, die für Überraschungen gut sind. Es geht auch darum, internationale Wettkampferfahrungen zu sammeln. Nach der EM hört es ja nicht auf. Dann kommen WM und Olympia. Und wer in Berlin noch nicht gut genug ist, wird es vielleicht dort sein.
Sie haben doch sicher schon mal heimlich durchgerechnet: Wie viele Medaillen erhoffen Sie sich in Berlin?
Sie werden von mir keine ­Medaillenzahl hören. Meine Erwartung ist, dass unsere Sportler am Saisonhöhepunkt ihre besten Leistungen bringen. Dann wird es zu vielen Finalteilnahmen und einigen Medaillen reichen. Wir müssen in Deutschland aber aufpassen, dass nicht ­alles ab Platz vier als Enttäuschung gilt.

Kessing will auf keine Disziplin verzichten

Medaillen sind aber wichtiger denn je. Nach den Vorgaben der Leistungssportreform ­sollen künftig nur noch Sportarten gefördert werden, die Edelmetall versprechen.
Das ist eine politische Vorgabe, die da gemacht wurde. Daran merkt man, dass am grünen Tisch manchmal Dinge entwickelt werden, die in der Realität zu massiven Problemen führen.
Der DLV war doch an der Reform beteiligt.
Der DLV war einer der Verbände, die große Bedenken angemeldet haben.
Zugestimmt hat Ihr Verband trotzdem.
Am Schluss marschiert man halt mit. Wenn Sie da eine Mindermeinung vertreten, kommen Sie nicht durch.
Und jetzt müssen Sie Medaillen liefern . . .
. . . was für Leichtathleten viel schwerer ist als für andere Sportler. Vergleichen Sie doch einmal die Konkurrenzsituation eines 100-Meter-Sprinters oder eines ­Marathonläufers mit einem Biathleten oder Bobfahrer. Das sind komplett andere ­Voraussetzungen. Trotzdem werden jetzt alle in einen Topf geworfen.
Gibt es als Konsequenz im DLV Überlegungen, nur noch jene Disziplinen zu fördern, in der Ihre Athleten international konkurrenzfähig sind?
Wo nehmen Sie denn die Garantie her, in diesen Disziplinen dauerhaft erfolgreich zu sein? Das Schöne an unserer Sportart ist doch die Vielfalt. Ich würde freiwillig auf keine Disziplin verzichten wollen.
Mit einem deutschen Olympiasieg über 100 Meter könnte es aber schwer werden.
Aber denken Sie doch mal an das Frauen-Laufen vom Sprint bis zur Langstrecke: Vor ein paar Jahren hätte in diesem Bereich keiner einen Pfifferling auf uns gesetzt. Und jetzt haben wir viele junge Topkräfte. So soll es auch in anderen Disziplinen ­laufen. Deshalb ist für uns die Heim-EM in Berlin so wichtig. Wir können einer breiten Öffentlichkeit zeigen, wie schön unsere Sportart ist.

Kinder und Jugendliche für den Sport begeistern

Das könnte noch besser funktionieren, wenn die Leichtathletik nicht so viel Leerlauf ­bieten würde wie die deutschen Meisterschaften zuletzt in Nürnberg.
Bei der EM wird das anders sein. Sie hat einen stärkeren Meetingcharakter. Es gibt kompakte Zeitpläne, an den Abenden geht es Schlag auf Schlag. Deshalb bin ich überzeugt davon, dass die EM ein großer Erfolg wird und viele Kinder und Jugendliche für unseren Sport begeistert.
Mag sein, dass es durch die EM einen kurzfristigen Effekt geben wird. Aber sehen Sie für internationale Meisterschaften in Deutschland eine langfristige Perspektive?
Es wird nach der EM die Aufgabe von uns Funktionären sein zu überlegen, welche Großveranstaltung wir als Nächstes nach Deutschland holen können und welche ­Stadien es dafür gibt.
Das Thema müsste schnell besprochen sein: Es bleibt doch nur noch das Berliner Olympiastadion.
Das nächstgrößte Stadion ist in Nürnberg. Eine EM oder Team-EM kann dort sicherlich durchgeführt werden.
Nicht aber eine WM. Und in Berlin wird darüber diskutiert, die Laufbahn herauszureißen.
Das wäre das Ende der internationalen Leichtathletik in Deutschland. Wir werden als DLV alles unternehmen, um dies zu verhindern. Hierzu habe ich mich schon mehrmals klar positioniert.
Wie groß ist Ihre Hoffnung?
Es ist ein generelles Problem in Deutschland, dass nicht nur in der Leichtathletik die Infrastruktur für Spitzensport fehlt. Wo sollten denn die Schwimmer eine WM austragen? Wir haben nicht einmal eine Halle, in der wir eine Leichtathletik-EM durchführen könnten. Das ist in Frankreich oder Großbritannien ganz anders. Birmingham zum Beispiel hat die Commonwealth Games 2022 bekommen – dort werden im großen Stil neue Sportstätten gebaut.
Warum ist das in Deutschland nicht möglich?
In anderen Ländern wird der Sport vom Staat zentral gesteuert. Wir hingegen haben den Föderalismus und verzetteln uns.

Plädoyer für ein Sportministerium

Wie meinen Sie das?
Über die Zukunft des Olympiastadions entscheidet der Berliner Senat. Dabei wäre es nach meinem Dafürhalten eine nationale Frage. Oder nehmen Sie das neue Sportbad, das in Stuttgart gebaut werden soll. Aus Kostengründen wird darauf verzichtet, es so groß zu machen, dass es auch für internationale Meisterschaften taugen würde. Die Stadt allein wäre damit überfordert.
Und das Land . . .
. . . hat sich davon verabschiedet, den Bau von überregionalen Sportstätten zu fördern. Ausnahmen sind die neuen Stadien in Freiburg und Karlsruhe. Dabei müsste der Fußball genug Geld haben und dürfte nicht auch noch Steuergelder in Anspruch nehmen. In Ulm oder Sindelfingen könnten stattdessen mit begrenztem Aufwand die vorhandenen Leichtathletik-Stadien auf Vordermann gebracht werden.
Sie vermissen in Baden-Württemberg das Bekenntnis zum Spitzensport?
Spitzensport ist kein grünes Thema. Aber auch das ist ein generelles Problem in Deutschland. Wir haben nicht die Lobbyisten im Bund, die sich für den Sport starkmachen würden.
Braucht es ein Sportministerium?
Ein eigenes Ministerium wäre ein deut­liches Zeichen, dass man dem Sport eine größere Bedeutung als in der Vergangenheit beimisst. Es geht ja auch nicht allein um den Hochleistungssport und darum, mit Nationen mitzuhalten, die viel mehr in den Sport investieren und ihre Athleten viel besser bezahlen. Sondern auch um den Gesundheitsaspekt des Sports, dessen Bedeutung immer größer wird. Es bedarf der Spitzensportler als Vorbilder, um auch den Breitensport zu mobilisieren.
Themen gäbe es auch sonst genügend. Auch den Antidopingkampf könnte ein Sport­minister übernehmen.
Sollte er sogar. Das ist von gesamtgesellschaftlicher Bedeutung. Wir haben das bislang alles an die Nationale Antidopingagentur übertragen, eine unabhängige Institution, die von uns Sportverbänden bezahlt wird. Zwar bekommen wir Zuschüsse, doch wäre es eine Aufgabe, die der Bund komplett finanzieren sollte.