Leonberg Die zauberhafte Ästhetik eines Unwetters

Von Florian Mader 

Wenn sich am Himmel was zusammenbraut, schwärmen Hobby-Meteorologen sofort aus und beobachten.

Hier in Stuttgart-Luginsland ist es am Mittwochnachmittagtrocken geblieben. Der Blick auf die Gewitterwolke über Leonberg ist dafür umso eindrücklicher. Foto: Peter Holzhauser
Hier in Stuttgart-Luginsland ist es am Mittwochnachmittagtrocken geblieben. Der Blick auf die Gewitterwolke über Leonberg ist dafür umso eindrücklicher. Foto: Peter Holzhauser

Leonberg - Blinkt sein Chat-Room im Internet, heißt es aufgepasst. Ewald Thoma hat zwar eine eigene, hochprofessionelle Wetterstation, dass sich aber was zusammenbraut, weiß er schon lange, bevor deren Parameter ausschlagen. Denn dafür ist der rüstige Leonberger mit vielen anderen Wetterverrückten im ständigen Internetaustausch, deren Eilmeldungen ständig hin und her zwitschern.

Zum Beispiel am Mittwochnachmittag. „Zelle weiter ziemlich stark im Schwarzwald östlich von Baden-Baden“, schreibt da etwa ein „Norwester“ um 16.37 Uhr. Vier Minuten später vermutet Norwester, dass diese Gewitterzelle „gleich etwas südlich Richtung Enzklösterle anbauen“ wird.

Auch Jörg Kachelmann diskutiert mit

Um 16.50 Uhr schließlich schaltet sich ein gewisser „Jörg Kachelmann“ in die Diskussion ein. „Sehr starke Rotation zwischen Forbach und Bad Wildbad“, teilt er mit. Die Richtung der Gewitterwolke ist also klar. Anscheinend hat sie es auf Stuttgart abgesehen. Ewald Thoma in der Gartenstadt in Leonberg spitz die Ohren und schärft den Blick. Tatsächlich: nachdem sich die Gewitterwolke hinter Baden-Baden wieder abgeschwächt hat, nimmt sie kurz vor Leonberg wieder volle Puste auf, packt alles aus, was sie zu bieten hat.

Es ist 17.38 Uhr, da greift ein gewisser „Ewald“ in die Tasten und protokolliert auf wzforum.de: „Hier jetzt Gewitter mit Hagel bis 2 cm.“ Auch ein anderer Hobby-Meteorologe sitzt vor seinen vielen Wetterstationen. „Ja, rotiert sehr munter“, bestätigt Jörg Kachelmann zehn Minuten später. Ewald Thoma nickt zufrieden. „Das ist das Schöne an diesem Hobby“, erklärt er. „Es gibt da ein richtiges Netzwerk und man ist eben nie allein.“

Zu diesem Netzwerk gehört auch Peter Holzhauser, der ebenfalls vor dem Bildschirm sitzt, sich aber sofort aufmacht, als er die Nachrichten von Norwester, Ewald und Jörg Kachelmann liest. Sein Ziel: Luginsland in Stuttgart, von wo man einen guten Blick auf die Wolke haben müsste. Glück gehabt! Klick, klick – und die große Gewitterwolke ist im Fotoapparat verewigt. Und ein paar Minuten später auf der Wetterzentralen-Homepage zu sehen.

„Herrlich“, staunt der Leonberger Ewald Thoma, als die Hagelkörner auf sein Dach donnern. „Wetter kann doch wirklich auch ästhetisch sein“, sagt er und bedankt sich bei Peter Holzhauser. Der sitzt in Stuttgart, im Trockenen, denn bis hierher schafft es die Gewitterwolke nicht mehr.

Das Wetter bleibt schlecht

„Takt 17,9° C und wolkig. Niederschlagsmenge 0,0 mm“ verkünden daher einige Wetterbeobachter in der Landeshauptstadt. Auch auf dem Schnarrenberg, der Residenz des Deutschen Wetterdienstes (DWD), kommt nichts an. Aber Clemens Steiner ist ohnehin ganz entspannt. „So ein Gewitter ist im Juni wirklich nichts Außergewöhnliches“, sagt der DWD-Meteorologe. „Auch Hagel darf da durchaus rausfallen, ohne dass wir uns Sorgen machen müssten.“ Außergewöhnlich sei dagegen die derzeitige „Lage mit einem sehr hohen Flüssigwassergehalt“, wie sie der Meteorologe nennt.

„Sie dauert schon seit zwei Wochen an“, sagt Steiner. „Wir haben nämlich gerade keinen Westwind, deshalb kann die feuchte Masse nicht abziehen.“ Und hierfür gebe es auch keine Entwarnung. „Die Unwettergefahr könnte zwar ein bisschen abschwächen, aber ein stabiles Hoch ist zurzeit noch lange nicht in Sicht“, sagt Clemens Steiner vom Deutschen Wetterdienst.