Leonberg: Krankenschwester in Uganda Wer nicht bezahlt, wird nicht behandelt

Von red 

Melisa Sanchez, Wundmanagerin im Krankenhaus Leonberg hat in einem Hospital in Uganda Bedrückendes und Elend, aber auch viel Herzlichkeit erlebt.

Melisa Sanchez  hat bei  ihrem ehrenamtlichen Hilfseinsatz  in Uganda viel Dankbarkeit  und Herzlichkeit zurückbekommen. Foto: privat
Melisa Sanchez hat bei ihrem ehrenamtlichen Hilfseinsatz in Uganda viel Dankbarkeit und Herzlichkeit zurückbekommen. Foto: privat

Leonberg/Kampala - Mit über 50 Kilogramm Gepäck – darunter viele chirurgische In­strumente, die der Verein Partnerschaft gesunde Welt aus Weil der Stadt bereitgestellt hat – kam Melisa Sanchez in Uganda an. Sie arbeitet sonst im Krankenhaus Leonberg in der Notaufnahme. Doch sie opferte ihren Urlaub und zahlte die Flug- und Verpflegungskosten selbst, wie alle im Verein, um vier Wochen lang im Lubaga-Hospital, einem Krankenhaus in Kampala in Uganda, zu wirken.

Melissa Sanchez war als zertifizierte Wundmanagerin prädestiniert für diesen Einsatz. In Uganda gibt es vergleichsweise viel mehr Verkehrsunfälle als hierzulande, zusätzlich werden viele Menschen, vorwiegend Kinder, mit schweren Brandwunden eingeliefert. „Das kommt davon, dass häufig auf dem Boden über offenem Feuer gekocht wird“, erläutert Wolfgang Fischer, der Vorsitzende des Vereins. Er hatte die Helferin zwar vor dem Einsatz auf viele Besonderheiten vorbereitet, doch die Realität in Afrika sieht anders aus.

Der Kulturschock schlägt erbarmungslos zu

„Die Krankenschwestern des Hospitals leisten hier großartige Arbeit“, sagt Melisa Sanchez im Rückblick. Die Menschen auf dem Land hätten gar nichts, weder ausreichend zu essen, zu trinken, noch Kleidung. Sterbenskranke werden von den Krankenschwestern zu Hause besucht und von Angehörigen gepflegt. Krankenwagen oder gar Notarztwagen gibt es nicht. Am ersten Arbeitstag in der Notaufnahme habe der Kulturschock erbarmungslos zugeschlagen, erinnert sich Melisa Sanchez. „Ich habe normalerweise keine Probleme, eine professionelle Distanz zu meiner Arbeit und den Patienten zu wahren. Wir behandeln schließlich in Deutschland jeden Tag verletzte und kranke Menschen“, schildert sie. „Hier aber sah ich, wie Menschen in der Notaufnahme verbluteten, weil niemand handelte, bevor nicht gezahlt wurde. Das ist in Afrika die grausame Realität.“ Viele Patienten gingen – wenn möglich – ohne Behandlung wieder nach Hause.

Doch die Realität war noch schlimmer: „Zu meinen Patienten gehörte ein einjähriges Kind, das mit dem Gesicht in einen Topf mit heißem Öl gefallen war. Ich höre die Schreie des Kleinen heute noch, denn wir hatten nur sehr wenig Schmerzmittel“, berichtet Melisa Sanchez und fährt fort: „In der ersten Woche sah ich allein fünf tote Kinder, die entweder schon tot waren, als sie ins Krankenhaus gebracht wurden oder in der Notaufnahme starben. Meist an einfachen fieberhaften Infekten, die in Deutschland ohne Probleme mit einfachen Medikamenten behandelt werden können.“ Viele könnten sich eine medizinische Versorgung nicht leisten und kämen erst, wenn es bereits zu spät sei.

Mehr als 1900 Tage in Kranken- und Waisenhäusern

„Aber es gab auch Erfolge“, sagt die Helferin lächelnd. So konnte sie die Streitigkeiten zwischen dem Lagerverwalter und den Stationen schlichten. Dieser gab nämlich nicht das gute Spendenmaterial heraus, das die Stationen dringend benötigten. Dazu gehörten auch ein Notfallkoffer sowie spezielle Wundverbände. Melisa Sanchez hatte so die Möglichkeit, die afrikanischen Kollegen in der Handhabung zu schulen. „Tatsächlich waren bisher Dinge, wie der Einsatz einer Halswirbelstütze oder von Beatmungsbeuteln unbekannt“, musste sie feststellen. „Ich habe mir vorgenommen, dafür zu sorgen, dass bei jeder zukünftigen Container-Entladung die Sachen nicht mehr im Lager verschwinden, sondern die potenziellen Nutzer sofort eingewiesen werden.

Der vom Weil der Städter Grünen-Stadtrat Wolfgang Fischer 2011 gegründete gemeinnützige Verein „Partnerschaft Gesunde Welt“ besteht in der Zwischenzeit aus fast 340 Mitgliedern. Nachhaltige Investitionen, zum Beispiel in Medizintechnik und Fotovoltaikanlagen in Höhe von mehr als 600 000 Euro, wurden seitdem getätigt. Vor allem aber haben die aktiven Vereinsmitglieder allein in Uganda und Nigeria bis heute mehr als 1900 Tage insbesondere in Kranken- und Waisenhäusern gearbeitet. Das bedeutet, dass fast ununterbrochen ein Vereinsmitglied bei einem Projekt arbeitet – 2017 waren es bisher 19 Mitglieder. „So können wir auch garantieren, dass Spenden zu 100 Prozent sicher und direkt ankommen“, sagt Fischer.

Eine vom Verein gespendete Fotovoltaikanlage arbeitet auf dem Dach des Lubaga-Hospitals. Mit der könnten für die dortigen Verhältnisse die enorme Summe von 1000 Euro pro Monat eingespart werden. Zehn Prozent davon fließen in den „Poor Patient Fund“. Der kommt Menschen mit niedrigem Einkommen, älteren Menschen und Müttern mit Kindern zugute.

„Durch den Einsatz über meinen Verein hatte ich die Möglichkeit, einen Einblick in eine andere Art von Arbeitsalltag zu bekommen“, sagt Melisa Sanchez heute. Sie sei sehr froh, dass sie diese Erfahrung habe machen können und die herzlichen und freundlichen Menschen kennen lernen durfte. Die ehrenamtliche Helferin mahnt zu Dankbarkeit: „Unabhängig ob arm oder reich – hierzulande bekommt jeder Mensch die Hilfe, die er braucht. Das ist in vielen Ländern der Welt nicht der Fall. Wir können uns glücklich schätzen, hier in Deutschland eine optimale Gesundheitsversorgung genießen zu können.“




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