Leonberg Von der Schulbank direkt auf die Showbühne

Von Laura Schmittinger 

Der Leonberger Rapper Agon Istrefaj: In der Ruhe des Engelbergs oder in der S-Bahn kommen ihm die besten Text-Ideen.

Der Leonberger Rapper Agon Istrefaj: In der Ruhe des Engelbergs oder in der S-Bahn kommen ihm die besten Text-Ideen. Foto: factum/Granville
Der Leonberger Rapper Agon Istrefaj: In der Ruhe des Engelbergs oder in der S-Bahn kommen ihm die besten Text-Ideen. Foto: factum/Granville

Leonberg - Braune Lacklederschuhe, die auf einer dreckigen Bank ruhen. Eine schwarze Jeans, an den Knöcheln hochgekrempelt, die Knie ausgebleicht. Unter der Lederjacke ein graues T-shirt. Ein freundlicher Blick und ein sanftes Lächeln. Das ist Agon Istrefaj, 1,92 Meter groß und 17 Jahre alt. In seiner Freizeit schreibt er Texte und rappt. Mit seinem Song „Altes Leben“ hat er es sogar auf den zweiten Platz beim Songwriting-Wettbewerb der Pop-Akademie Mannheim geschafft. Damit gewann er nicht nur 3000 Euro, sondern auch ein professionelles Coaching.

Doch der Preis ist für den Jugendlichen nicht das Wichtigste. „Es geht mir vielmehr darum, Gleichgesinnte zu treffen, die auch Musik machen wollen“, sagt er. Mit den Gewinnern des Contests steht er seitdem regelmäßig in Kontakt. Sie überlegen sogar, bald etwas gemeinsam aufzunehmen.

Mit dem gewonnenen Geld möchte er die Songwriting-AG des JKG unterstützen, in der er Mitglied ist. „Ich habe sehr davon profitiert“, meint der Rapper, „sie ist eine tolle Möglichkeit, sich musikalisch zu entfalten“. Der Leiter der AG, Alex Terrazzano, hat die Schüler nicht nur auf den Wettbewerb aufmerksam gemacht und sie unterstützt, er hat sogar den Refrain von Agons Istrefajs Lied eingesungen. „Als ich ihm beim Texten helfen wollte, meinte er bald, ich solle lieber beim Gesanglichen bleiben“, erzählt der Lehrer lachend. Er ist begeistert, wie gut das Lied geworden ist: „Es ist interessant zu sehen, wie ein junger Mann so kritisch-reflektierend auf dieses Thema zugeht.“

Der Rap handelt von der aktuellen Flüchtlingsproblematik. Im ersten Teil erzählt Agon Istrefaj von einem Durchschnittsbürger, der beobachtet, wie die Flüchtlinge immer mehr werden. Er setzt sich jedoch nicht damit auseinander und seine Intoleranz wird zu Hass. Nach dem ersten Re­frain – oder Hook, wie man im Hip-Hop-Jargon sagt – dreht sich der Spieß um. Nun muss er selbst das Land verlassen und erlebt, was es heißt, Flüchtling zu sein. Am Ende des Songs kommt er in einem neuen Land an und wird dort mit offenen Armen empfangen. „Agon wollte mit seinem Lied auf keinen Fall den moralischen Zeigefinger erheben oder jemanden direkt angreifen“, merkt Alex Terrazzano an. Agon Istrefaj sei es nur um die Aussage gegangen: „Man kann nie wissen, was passiert, es kann einen immer selber treffen.“

Den Song dazu hat er in der S-Bahn geschrieben. „Es war relativ kurzfristig, nur noch zwei Tage bis zur Abgabefrist“, erinnert sich der junge Musiker. Er habe sich an diesem Tag mit Alex Terrazzano und einem Freund getroffen, um den Song aufzunehmen. „Das Einzige, was zu der Zeit stand, waren der Beat und der Refrain“, erzählt Agon. „Auf dem Weg dorthin ist mir dann erst der Text eingefallen.“ Die besten Ideen hat er meistens bei Fahrten mit dem Auto oder mit der Bahn. „Da habe ich Zeit dafür und muss nichts nebenher machen“, erläutert der Jugendliche. Auch der Engelberg oder andere ruhige Plätze zählen zu seinen Lieblingsorten. Dabei könne er nicht steuern, wann die Ideen kommen, „sie sind einfach plötzlich da“.

Musik hört der Gymnasiast schon lange sehr viel. „Immer wenn ich mich mit meinen Freunden getroffen habe, ließen wir ein paar Beats laufen und haben dazu gefreestlyt“, erzählt der Leonberger. „Mich aber tatsächlich hinzusetzen und zu schreiben, das hat erst vor zwei Jahren begonnen.“ Ein richtiges Liebeslied hat er noch nicht geschrieben. „Dazu bin ich einfach noch zu jung“, sagt er und lacht.

Der 17-Jährige scharrt mit dem Fuß über den schmutzigen Boden des Reiterstadions. Überall liegt Müll herum. Glasscherben und Zigarettenstummel verunstalten die Holzdielen. Er schaut zu Boden. „Meine Lieblingsstelle des Songs ist die letzte Zeile“, erklärt er lächelnd: „Hass hatte keine Macht, man gibt sich gegenseitig Kraft und sagt: Willkommen in der Nachbarschaft.“