Lesung im Stuttgarter Westen Geheimnisse, die nur der Wind erzählen kann

Von Georg Linsenmann 

Im Merlin Kulturzentrum hat der Stuttgarter Autor und Journalist Björn Springorum sein neues Buch vorgestellt, zeichnerisch begleitet von Stefan Dinter.

Björn Springorum Foto: Georg Linsenmann
Björn Springorum Foto: Georg Linsenmann

S-West - Nach eher düsteren Fantasy-Romanen wie „Spiegel des Bösen“ oder „Der Ruf des Henkers“, die im nebligen England spielen, hat sich Björn Springorum mit seinem fünften Buch an die Costa de la Luz begeben, an die Küste des Lichts. An den südlichsten Zipfel des Kontinents, wo das Licht nicht nur hell wie Glas, sondern auch „dick wie Sirup“ sein kann, wie er in seiner kurzen Einführung im Kulturzentrum Merlin im Stuttgarter Westen sagt, wo er erstmals aus seinem druckfrischen Buch gelesen hat. An guten Tagen reicht der Blick hinüber bis nach Afrika. An bösen aber fällt der trocken-kalte Mistral aus dem Norden herab als wilder Widerpart der milden Levante- und Poniente-Winde. Mächtige Naturgewalten, die in „Kinder des Windes“ um die Vorherrschaft streiten.

Besondere Fähigkeiten und starke Freundschaften

Mitten drin die zwölfjährige Lola, der die Winde Geheimnisse flüstern, die sie in Abenteuer stürzen, die nur mit besonderen Fähigkeiten und starken Freundschaften zu bewältigen sind. Abenteuer, in die das Buch gleich mit dem ersten Satz umstandslos hineinzieht: „Etwas war hinter mir her.“ Gerade jetzt, da sie von Santiago kommt, dem alten Fischer, bei dem sich die Außenseiterin so wohlfühlt! Der sie nicht fragt: „Wie war die Schule?“, sondern: „Was hast du geträumt?“ Und der ihr andalusische Legenden und arabische Märchen erzählt. Nun aber gilt es, Haken zu schlagen durch die Gassen der alten Stadt, die ihre eigentliche Heimat sind. Eine panische Flucht, in der die streunenden Katzen des Quartiers, die sie liebevoll versorgt, zu ihren Rettern werden. Auch wenn sie so noch nicht gleich erfährt, was es es mit ihren Verfolgern mit diesen wie glühende Kohle leuchtenden Augen auf sich hat.

Der Comic-Künstler zeichnet nebenbei live an der Wand

Aber dafür hat das Buch ja auch volle 300 Seiten, in denen es noch viele weitere Geheimnisse zu klären gilt. Viel zu viele für eine kurze „Familienlesung“, für die sich der 37-Jährige eine knappe Stunde Zeit nimmt, mit Lola aber immerhin einmal hinüberführt nach Afrika, auf der Suche nach dem verschwundenen Fischer und nach Pablo, einem weiteren, von Geheimnissen umwitterten Freund. Ein tolles Kapitel, das noch nicht in die Wüste und in die Kathedrale des Windes führt, aber immerhin in eine fantastisch fremde, andere Welt, während der Stuttgarter Zeichner und Comic-Künstler Stefan Dinter, live und an die Wand projiziert, seine Szenerie am Meer immer weiter verdichtet. So, dass das sturmgezauste Lola-Haar und das stoppelige Fischergesicht sich für immer einprägen.

Selbstredend verrät Springorum nicht wie, sondern nur „dass die Geschichte gut ausgeht“. Denn wie jeder Autor, ist auch er so eine Art Fischer. Mit der Hoffnung gewappnet, im Schlepptau der Kostproben die Zahl der Leserinnen und Leser weiter zu mehren. Eine Hoffnung, für die auch der Thienemann-Verlag steht. Schließlich gehört es zur Qualität des Stuttgarter Verlages, nicht einfach zahllos Autoren zu sammeln, sondern solche auch perspektivisch „aufzubauen“ und sich entwickeln zu lassen.

Am Ende wird alles so wie es vorher war

Und Springorum, in Calw geboren und in Stuttgart lebend, hat vieles, was diese Hoffnung nährt. Vor allem hat er Sprache. Eine farbige, plastische, anschauliche, reiche Sprache, die er in seiner flinken Prosa überaus rhythmisch ins Werk zu setzen weiß. Und auch die Dialoge sitzen! Nicht zuletzt: Seine Fantasie ist mit Anschauungskraft gepaart. So entfleucht er mit der Gattung Fantasy in „Kinder des Windes“, diesem fantasiestarken, spannenden Abenteuerroman für junge Leute ab zehn aufwärts, auch nicht in reine Fantasieräume, sondern siedelt seine Figuren lebensnah in der realen Welt an. Außenseiter, die um ihre Identität und ihren Platz in der Welt kämpfen – und dabei auch aus ihrer Freiheit ihrer die sogenannte Realität kontrastierenden Fantasie- und Vorstellungsräume Kraft schöpfen.

Und am Ende zeigt sich hier – soviel darf verraten werden – dass zwar alles wieder so ist, „wie es vorher war“. Zum ersten Mal aber fühlt es sich gut an für Lola. Und sie weiß jetzt, wer sie ist und wo sie hingehört.

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