Machtwechsel im Elysée-Palast Ein Erneuerer zieht in den alten Palast

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Mit Pariser Prunk und Symbolen militärischer Stärke tritt Emmanuel Macron sein Amt an. Der Erfolg des Senkrechtstarters hat Frankreichs Politik durcheinandergewirbelt.

Große Inszenierung: Begleitet von Reitern der Ehrengarde und Polizeimotorrädern fährt der neuefranzösische Präsident Emmanuel Macron  in einem Militärfahrzeug  über die Champs-Elysees. Foto: AP 12 Bilder
Große Inszenierung: Begleitet von Reitern der Ehrengarde und Polizeimotorrädern fährt der neuefranzösische Präsident Emmanuel Macron in einem Militärfahrzeug über die Champs-Elysees. Foto: AP

Paris - Im Festsaal des Elysée-Palasts steht er. Seit ein paar Augenblicken ist er Frankreichs neuer Staatschef. Und die ersten Worte, die Emmanuel Macron nun an die sich unter Barockengeln, Stuckgirlanden und Kronleuchtern drängende Ehrengäste richtet, dürften ihm aus der Seele sprechen. Er sei sich der Bürde der Verantwortung bewusst, die er übernommen habe, sagt er. Es folgt das Versprechen, entschlossen weiterzumachen, zu sämtlichen Verpflichtungen zu stehen, die er gegenüber den Franzosen eingegangen sei. Passendere Worte hätte Macron in diesem Momment kaum finden können.

Als Erneuerer tritt er an, 39 Jahre jung. Doch um ihn herum ist nur Altes. Da steht die Republikanische Garde mit aufgepflanzten Bajonetten. Auf rotem Samt glitzert der knapp ein Kilogramm massives Gold bergende Orden des Großmeisters der Ehrenlegion, mit dem ein neues Staatsoberhaupt auszuzeichnen ist. Kammermusiker stehen bereit, Barockes anzustimmen. Beamte signalisieren Brigitte Macron, wo sie als Première Dame der Antrittsrede des Gatten zu lauschen hat.

Hollande gefällt sich in der Rolle des politischen Ziehvaters

Das Protokoll lässt für Veränderung, für Improvisation gar, keinen Raum. Jahrhunderte alte Traditionen bestimmen den Machtwechsel. Was nicht heißt, dass der vom scheidenden Staatschef Francois Hollande im Palast empfangene Nachfolger dem Protokoll nicht zu genügen wüsste. Nicht ein Fauxpas ist Macron unterlaufen. Dabei ist er erst seit fünf Jahren im politischen Geschäft, ist gemessen an den überwiegend in Ehren ergrauten Gästen ein Novize. Auch hat es an Stolperfallen nicht gefehlt. Schon bei der Begrüßung durch Hollande am Sonntagmorgen hätte Macron straucheln können. Wie schon in den vergangenen Tagen gefiel sich der Sozialist in der Rolle des politischen Ziehvaters, der den früheren Berater und Wirtschaftsminister gönnerhaft in die Geschäfte einweist, auf Kontinuität einschwört. Auf dem quer durch den Innenhof des Palastes verlegten roten Teppich hieß der alte Präsident den neuen willkommen, lächelte, klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter. Als sei es für den Erneuerer Macron nicht wichtig, sich demonstrativ vom unpopulären Vorgänger abzusetzen.

Ohne auf die vertraulichen Gesten einzugehen, aber auch ohne Hollande zu brüskieren, schüttelte der Ankömmling die Hand des Gastgebers, freundlich, aber eben auch nicht mehr als freundlich. Unter vier Augen händigte der alte Präsident dem neuen dann den Code für den Einsatz der französischen Atomwaffen aus, eines der letzten Geheimnisse der Republik, wie ein General befand.

Hollande hat den Elysée-Palast mittlerweile verlassen. Der Nachfolger steht am Rednerpult, kommt auf die Herausforderungen zu sprechen, denen er sich stellen will: der an sich zweifelnden französischen Nation Selbstvertrauen zurückgeben, gesellschaftliche Gräben schließen, Europa stärken, den vom Volk gewünschten tiefgreifenden Wandel einleiten.

Macrons erste Auslandreise führt zu Kanzlerin Merkel nach Berlin

Vom Invalidendom dringt Kanonendonner herüber: 21 Schüsse – wie zu Zeiten der Monarchie, als zum Ruf „Der König ist tot, es lebe der König“, ein neuer Herrscher ins Amt eingeführt wurde. Seiner Rolle als Oberbefehlshaber der Streitkräfte Tribut zollend, steigt Macron in einen Militärjeep. Auf dem Rücksitz stehend fährt der neue Präsident die Champs-Elysées hinauf, dem Triumphbogen entgegen, wo er am Grab des unbekannten Soldaten die ewige Flamme neu entfachen wird. Ein Lächeln andeutend, winkt Macron seinen sich hinter Absperrgittern drängenden Landsleuten zu.

„Manu, Manu“, schallt es zu ihm herauf. Verzückte Mienen lassen ahnen, welch große Hoffnungen auf diesem Mann ruhen. Die letzten Schritte zum Triumphbogen geht er zu Fuß. Auf regennassen, glatten Pflastersteinen schreitet er, vermeidet auch hier erfolgreich den Fauxpas. Kaum im Amt, will Macron an diesem Montag verkünden, wen er als Premierminister auserkoren hat. Noch am gleichen Tag wird der Präsident dann Paris und dem Palastleben den Rücken kehren und der Bundeskanzlerin einen Antrittsbesuch abstatten. Wenn es nach Macron geht, werden Merkel und er bald Neuland beschreiten, die EU zu neuen Ufern führen.