Marbacher gewinnt auf dem Nürburgring Christoph Magg: Von der Playstation ab aufs Siegerpodest

Von Andreas Hennings 

Nur sieben Jahre nach seinem Einstieg in den Motorsport hat Christoph Magg das 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring gewonnen. Eine Erfolgsgeschichte.

Im Motorsport hat Christoph Magg seine neue Leidenschaft gefunden. Foto: Werner Kuhnle
Im Motorsport hat Christoph Magg seine neue Leidenschaft gefunden. Foto: Werner Kuhnle

Marbach-Rielingshausen - Der Werdegang von Christoph Magg liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen. Eines, das zeigt, was im Leben mit Leidenschaft, Eigeninitiative und einer Zielsetzung möglich ist. Eines, das auch Menschen, die mit Motorsport nichts am Hut haben, Inspiration sein kann. Es ist die Geschichte eines Rielingshäusers, der – wie das in Marbach Rielingshausen im Kreis Ludwigsburg oft ist – mit Handball aufwächst und der diesen Sport auch bis kurz vor seinem 30. Geburtstag bei der heimischen HSG als begeisterter Spieler und Jugendtrainer ausübt. Der dann aber wegen Schulterproblemen einen neuen Weg einschlägt.

Einen Weg in eine Welt, in der er niemand kennt, in der er null Erfahrung hat, in der er aber ein, wie er sagt, „ultimatives“ Ziel verfolgt: Einmal beim 24-Stunden-Rennen auf dem Nürburgring dabei sein. Als Fahrer.

Gänsehaut pur

Heute, sieben Jahre später, hat Christoph Magg dieses Ziel erreicht. Und mehr: Mit seinem Team Adrenalin Motorsport konnte er im Sommer das 24-Stunden-Rennen in seiner Amateur-Leistungsklasse mit großem Vorsprung gewinnen. Wie das möglich ist? Beim Treffen in der Marbacher Altstadt gibt der 34-Jährige einen lebhaften Einblick in den Motorsport. Er sprüht vor Begeisterung, immer wieder lacht er strahlend. Und er spricht von Momenten, bei denen sich ihm nur beim Gedanken daran die Haare aufstellen.

Gänsehaut bekommt er etwa bei der Erinnerung an die Einführungsrunde seines ersten 24-Stunden-Rennens 2017. „Wenn der Kurs langsam abgefahren wird, dürfen die Fans direkt an die Strecke. Beim 24-Stunden-Rennen ist alles voller feiernder Menschen, es werden Raketen abgeschossen, es ist ein großes Fest. Darüber fliegt der Hubschrauber fürs Fernsehen. Und ich denke mir: Ich darf hier jetzt am Steuer sitzen und mitfahren.“

Erst ein Unfall, dann eine Geburt, dann der Sieg

20 Stunden später, vier Stunden vor Rennende, fällt das Auto seines Teams wegen eines Unfalls aus. „Wir hatten die Nacht schon überstanden“, blickt Magg geknickt zurück. Ihm ist direkt klar, einen neuen Versuch zu starten. Ein Jahr später steht ihm aber erst ein anderes Highlight ins Haus: Tochter Valentina wird geboren. Also verzichtet er auf den Start. 2019 schließlich reicht es für den Sieg. „Unser Ziel war, vorne dabei zu sein, vor allem aber ins Ziel zu kommen“, so der Rielingshäuser. „Ich war also auf vieles vorbereitet – nicht aber auf den Sieg.“ Die Absprache innerhalb der drei Fahrer sah vor, dass Magg den Schlussfahrer macht und ins Ziel fahren darf. Aber als Erster? Wieder überkommt ihn Gänsehaut. „Das ganze Team, das sind beim 24-Stunden-Rennen an die hundert Leute, stand am Zaun und jubelte. Mein Mitfahrer Lee hatte eine Konfettikanone und schoss sie im richtigen Moment ab. Das ist unvergesslich.“

Da steht er also, auf dem Siegertreppchen. Obwohl er erst wenige Jahre zuvor mit Handball aufgehört und eine neue Herausforderung gefunden hat. Im Rennsport wird er damals fündig. „Ich hatte immer Michael Schumacher in der Formel 1 verfolgt. Für Rennen wie in Japan bin ich nachts aufgestanden“, erinnert er sich. Als dann bei der Übertragung des 24-Stunden-Rennens die Rede davon ist, dass sowohl Profi- als auch Amateurfahrer Teil des Rennens sind, kann er das erst gar nicht glauben. „Das sind doch bestimmt alles Profis.“ Also informiert er sich, stößt auf die Amateurklasse und leckt Blut.

Gewissenhafte Vorbereitung

Vor seinem ersten Ausflug zum Nürburgring, für den er ein Auto mieten möchte, um ein paar Runden zu drehen, bereitet er sich gewissenhaft vor. „Ich habe mir extra eine Playstation gekauft, um darauf beim Rennspiel die Strecke kennenzulernen.“ Er schaut sich YouTube-Videos an, wie der Kurs gefahren wird. Und dann sitzt er selbst in einem Suzuki Swift. „Die erste Runde kam mir so vor, als wäre ich schon mal hier gewesen. War ich aber nie.“ Wenige Wochen später absolviert er die nächste Touristenfahrt. „Da war klar, dass ich dranbleibe und sehen möchte, wie weit ich komme.“

2012 war das. Da ihm die Motorsportszene unbekannt ist, absolviert er Fahr- und Drifttrainings, um ein Gefühl fürs Auto zu bekommen, fährt Kart. Schon 2013 legt er die Lizenz ab, um Rennen fahren zu dürfen. Er lernt das Reglement und die Flaggen kennen, verbessert sich darin, das Auto zu bewegen. 2014 mietet er sich bei einem Rennfahrer ein, um mit ihm bei der Rundstrecken Challenge Nürburgring (RCN) zu starten. „Er hatte Leute gesucht, die er beim Einstieg in den Rennsport unterstützen kann. So wurde er mein erster Coach.“ Bei der RCN geht es nicht darum, dauerhaft Vollgas zu geben, sondern vorgegebene Zeiten und Rundenzahlen einzuhalten. Den Kopf einzuschalten. Magg und sein Teamkollege werden auf Anhieb Dritter. „Ab diesem Punkt gab es kein Zurück mehr.“ An sechs der acht RCN-Rennen sind sie am Start. „Da habe ich mithilfe von Daten und Videos auch die Feinoptimierung gelernt. Eine wichtige Erfahrung für meine Entwicklung.“

Auf der Suche nach dem nächsten Ziel

In der Folge ist er für weitere Teams im Einsatz, ehe er 2016 den Sprung zum ambitionierten Adrenalin-Team schafft. Die Suzuki-Zeit liegt da schon zurück, jetzt sitzt er in einem BMW E90 325i. Und dank guter Ergebnisse und einer weiteren Lizenz für die Nordschleife darf er noch im selben Jahr in die darüber stehende VLN-Serie schnuppern, die echte Rennen beinhaltet. Bereits 2017 ist er nur noch – bis heute – in ihr aktiv. Über sie gelingt ihm auch der Sprung ins Starterfeld des 24-Stunden-Rennens. Zwei Jahre später der Sieg. „Da passte alles: Das Konzept, das Fahrerteam, die Mechaniker, die Ausrüstung, alles. Nur kam der Sieg gefühlt zu früh – ich war doch erst so kurz dabei.“

Sich ein neues Ziel zu setzen, ist seither nicht einfach – das Ultimum hat der sich in Elternzeit befindende Magg, der ab dem neuen Jahr als selbstständiger Webmaster arbeiten möchte, schließlich erreicht. „Und Profifahrer werde ich nie werden“, bleibt er realistisch. Den Ehrgeiz, in der VLN-Serie erfolgreich zu sein, hat er aber weiterhin. „Wenn, dann mache ich es richtig“, verdeutlicht er. Schließlich unterstützt ihn seine Familie nicht nur moralisch, sondern auch finanziell. „Ein Zurücklehnen wird es bei mir nicht geben. Vorher höre ich auf.“

Taxifahrten auf dem Ring

Aus dem Rennsport Einnahmen zu generieren gestaltet sich schwierig, Sponsoren gibt es aber. „Je besser man selbst fährt, desto niedriger sind die eigenen Kosten“, so Magg, der als weiteres Standbein als Coach von Rennfahrer-Neueinsteigern wirken und Taxifahrten auf dem Nürburgring anbieten möchte. Seinem Vater hat er ein solches Erlebnis bereits bereitet. „Das alles geht ja auch nicht ohne das passende Umfeld. Ich bin dankbar für die Unterstützung, gerade auch dafür, dass meine Frau hinter der Sache steht.“ Wie viel Zeitaufwand der Sport mit sich bringt, wird am Jubiläum deutlich, das Christoph Magg am Wochenende feierte: Er fuhr seine 1000. Runde auf dem Nürburgring. Jene auf der Playstation nicht eingerechnet.




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