Mario Adorf liest in Stuttgart Eine Lebensgeschichte in Anekdoten

Von Rupert Koppold 

Der 85-jährige Mario Adorf hat in der Stuttgarter Liederhalle sein neues Buch „Schauen Sie mal böse!“ vorgestellt. Seine „Schauspielergeschichten“ kreisen ums Theater.

Der 85-jährige Mario Adorf blickt mit Heiterkeit zurück. Foto: dpa
Der 85-jährige Mario Adorf blickt mit Heiterkeit zurück. Foto: dpa

Stuttgart - Die einleitende Bilderschau zu seiner Karriere ist gerade mit einem Kinderfoto zu Ende gegangen – ein Junge mit Pagenfrisur auf einem Holzroller – da betritt der 85-jährige Mario Adorf die Bühne des Mozartsaals, geht lächelnd in eine aufklatschende Woge der Sympathie hinein, setzt sich hinter ein Art-Deco-Tischchen auf einen gepolsterten Stuhl und fragt stellvertretend für das Publikum: „Warum macht der das überhaupt noch?“ Nun, es ist für ihn die Zeit der Erinnerung gekommen, schreibt er im Vorwort seines Buchs „Schauen Sie mal böse!“, mit dem er gerade durch die Lande tourt. Wobei diese „Geschichten aus meinem Schauspielerleben“ nicht um die Erfolge in Film und Fernsehen kreisen, sondern um Adorfs Liebe zum Theater. Was die Kamera aufgezeichnet habe, sei nur „Konserve“, auf der Bühne aber „wird frisch gekocht und gegessen!“

Mit einer stummen Rolle als siebter „Schneewittchen“-Zwerg hat alles begonnen, dem vierjährigen Adorf gerät der Wattebart in Mund und Nase, er reißt ihn ab und beginnt zu weinen, was im Saal „für viel Heiterkeit und etwas Mitleid“ sorgt. „Mein erster Bühnenerfolg“, sagt er lapidar. In den nächsten Kapiteln erzählt der in der Eifel aufwachsende Adorf von seinem Eintritt in die Hitler-Jugend, von Nächten im Bombenkeller oder von dem kleinen Zimmer, über das die alleinerziehende Mutter sagt: „Wenn die Sonne reinkommt, müssen wir raus!“ Aber das ist kein Blick zurück im Zorn, da schmeckt nichts bitter, da scheint kein Schmerz (mehr?) zu rumoren. Der weißhaarige Adorf, der seit Jahrzehnten wie sechzig aussieht, will nichts aufarbeiten. Er löst sein Leben lieber in Heiterkeit auf und bringt es in Anekdotenform.

Mit der Welt im Reinen

Und das macht er gut. Die Sätze, die auf Papier bieder wirken, brechen aus dem Buch aus und werden im Vortrag lebendig. Wenn Adorf von seiner Zeit als Klassenclown erzählt oder von jenen Tagen, in denen er als Student den Spagat zwischen Bühne und Boxring versucht, tut er dies nun als Schauspieler, füllt mit seinem warmen Bariton den Raum, variiert Tempo und Lautstärke, imitiert Dialekte und singt auch mal vor. In Zürich, wo er vor Hunger zu klauen beginnt, lernt er die ersten Berühmtheiten kennen, es fallen Namen wie Therese Giese, Will Quadflieg oder Walter Richter, aber das wird nicht zur protzigen Schaut-her-wen-ich-alles-kenne-Show, sondern zur Hommage.

Während Götz George, in der Altersklasse wohl sein einziger Konkurrent, meist beleidigt ist oder es gleich sein wird, lächelt Mario Adorf und sieht aus, als wäre er mit sich und der Welt im Reinen. Ohne Häme berichtet er von den „sechs Pullen Schampus“, die sich Georges Vater gegönnt habe, und spielt ihn in einer Filmszene nach. Auch Hans Albers wird zitiert („Was Krupp in Essen bin ich im Trinken“), und die Aufforderung des aus Sachsen stammenden Filmregisseurs Robert Siodmak, die zum Buch- und Veranstaltungstitel wurde, hört sich nun noch lustiger an: „Schauen Sie mal beeese!“

Immer wieder lässt Adorf im Näselton auch sein Idol, den Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner, zu Wort kommen, der einem Schauspieler mal beschied: „Ich habe den scharfen Verdacht, Sie schwänzen einen anderen Beruf!“ Gerne hätte er, Adorf, auch den Shylock gespielt, aber es sei schwer, dabei aus Kortners Schatten herauszutreten. Dann deklamiert er den berühmten Monolog („Wenn ihr uns stecht, bluten wir nicht?“), setzt sich wieder hin und konstatiert: „Immer noch zuviel Kortner!“

Von Texthängern, offenen Hosenställen oder vom Lachen auf der Bühne ist noch die anekdotische Rede. Keine Theorie, bitte! Alles bloß Handwerk. „Heute scheint im Theater Deutlich-Sprechen aus der Mode zu sein,“ merkt Adorf missbilligend an. Am Ende erzählt er vom lernend-verwertenden Schauspielerblick beim Tod seiner Mutter, vom „distanzierten Beobachten ihrer letzten Stunden“. Da sei er selber erschrocken, sagt Adorf – und findet schon im nächsten Satz zurück ins Harmlos-Humoristische.




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