Krimikolumne

Maurizio de Giovanni: „Das Krokodil“ Die eigentlichen Opfer

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Maurizio de Giovanni trennt die Menschheit in zwei Teile: die mit Kindern und die ohne. Vor diesem Hintergrund spielt sein unter die Haut gehender Kriminalroman „Das Krokodil“.

Ein Banker, der schreibt – und das in seiner italienischen Heimat mit beträchtlichem Erfolg: Maurizio de Giovanni. Foto: Mario Spada
Ein Banker, der schreibt – und das in seiner italienischen Heimat mit beträchtlichem Erfolg: Maurizio de Giovanni. Foto: Mario Spada

Stuttgart - Giampaolo Simi, Giorgio Fontana und jetzt der 1958 geborene Maurizio de Giovanni – Italien macht mit bemerkenswerten Krimiautoren von sich reden. Bemerkenswert, weil diese Schriftsteller etwas zu erzählen haben. Und bemerkenswert, weil nicht – oder zumindest nicht nur – der kriminelle Aspekt im Vordergrund steht, sondern weil es immer auch um Werte geht. Um die Familie, zum Beispiel. So beherrscht das Eltern-Kind-Verhältnis in de Giovannis „Das Krokodil“ neben der straff durchgezogenen Kriminalerzählung das Buch.

Ein unbekannter Killer bringt einen jungen Mann um. Am Tatort hinterlässt er neben der Hülse einer Kleinkaliberpatrone Papiertaschentücher mit seiner Tränenflüssigkeit. Das nächste Opfer ist ein junges Mädchen: gleiche Vorgehensweise, gleiche Hinterlassenschaften. Spätestens als dann noch ein Medizinstudent stirbt, befindet sich Neapel in hellem Aufruhr.

Aus Gründen der „Zweckmäßigkeit“ strafversetzt

Alle meinen, die Camorra stecke hinter den Bluttaten. Alle bis auf Inspektor Lojacono. Doch der Sizilianer hat bei seinen Kollegen nichts zu melden, er wurde nach Neapel strafversetzt, weil er die Mafia mit Informationen versorgt haben soll. Die Vorwürfe entbehren zwar jeder Grundlage. Aber aus Gründen der „Zweckmäßigkeit“, wie de Giovanni sehr schön darstellt, wurde der Beamte einfach kaltgestellt.

Doch aus reinem Zufall ist Lojacono als erster Polizist am Tatort des ersten Mordes. Und aus reinem Zufall fällt er der ermittelnden Staatsanwältin auf. Rigoros fegt sie den Widerstand der Kommissare vom Tisch und beauftragt Lojacono mir der Aufklärung der Morde. Recht zügig findet der Ispettore die Hintergründe der Serie heraus und es gelingt ihm am Ende tatsächlich, den Täter bei seinem letzten Anschlag zu stellen. Nur . . .

Mit großer Empathie und ohne Larmoyanz

Soweit die Krimihandlung. Thema des Buches ist aber, wie eingangs erwähnt, das Verhältnis von Eltern zu ihren Kindern: „Mein Kind“, heißt es an einer Stelle, „du hast mein Leben in zwei Teile geteilt, weißt du das, mein Sohn? Nachdem du geboren wurdest, war nichts mehr so wie vorher. Nichts mehr, verstehst du?“ Und an einer anderen Stelle: „Hat schon mal jemand drüber nachgedacht, dass die eigentlichen Opfer nicht die Kinder, sondern die Eltern sein könnten?“ Vor diesem Hintergrund entfaltet de Giovanni, der zwar Literatur studiert hat, im Brotberuf aber als Banker arbeitet, seine Erzählung von Schuld und Strafe. Er trennt die Menschheit in zwei Teile – die mit Kindern und die ohne –, er beschreibt ohne allzu viele Worte, was der Verlust des Kindes aus Eltern macht. Dabei nähert er sich seinen Figuren mit Empathie, aber ohne Larmoyanz.

Und am Ende, ganz am Ende, flackert für Lojaconos ruiniertes Familienleben sogar ein kleines bisschen Hoffnung auf.

Maurizio de Giovanni: „Das Krokodil.“ Roman. Aus dem Italienischen von Susanne Van Volxem. Kindler, Reinbek. 336 Seiten, 19,95 Euro. Auch als E-Book, 16,99 Euro.