Maybrit Illner zu Corona Söder: „Wir haben 1000 Menschenleben gerettet“

Maybrit Illner warf Markus Söder eine krasse Kehrtwende vor Foto: ZDF/ZDF
Maybrit Illner warf Markus Söder eine krasse Kehrtwende vor Foto: ZDF/ZDF

Bei Maybrit Illner sind die Corona-Beschlüsse stark angezweifelt worden. Warum wird nach Branchen geöffnet, nicht nach Hygienekonzept? Und Markus Söder klagt, Illner fahre „schweres Kaliber“ gegen ihn auf.

Politik: Christoph Link (chl)
WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Etwas naiv dürfen die Fragen von Moderatoren an Studiogäste schon sein, wirkt ja erfrischend, auch diese unschuldige Aufrichtigkeit, mit der ZDF-Moderatorin Maybrit Illner da am Donnerstagabend in ihrer Talkrunde den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) fragte, ob er und andere Landes- und Bundespolitiker wegen des Wartens der Bürger auf Impfstoffe und wegen der zögerliche Auslieferung von Tests nicht auch Schuld am Tod von vielen Menschen seien und ob sich das beziffern lasse.

Markus Söder antwortet indigniert

Hatte Illner da etwa ein Schuldeingeständnis erwartet, nach dem Muster, ja, ich habe so und soviel Menschen auf dem Gewissen? Markus Söder konterte etwas indigniert, dass Illner da jetzt aber ein Geschütz mit „schwerem Kaliber“ auffahre und seine Behörden hätten ihm gemeldet, dass Bayern „durch konsequentes Handeln und gutes Management“ rund 1000 Menschenleben gerettet hätten, etwa durch die breite Pflicht für FFP-2-Masken und dadurch, dass man im Freistaat impfe, „was das Zeug hält“.

Genervte Hallo-Rufe aus München

Zur Fragestellung der Sendung – „Lockdown bis Ostern – weil Bund und Länder versagen?“ – hatte Illner zwei Lager mit sehr gegensätzlichen Positionen eingeladen. Und dass sie Markus Söder nicht zu einem Geständnis bringen konnte, er habe sich vom Saulus (Lockdown-Hardliner) zum Paulus (Wir lockern ab Inzidenz 50) gewandelt, das war nicht weiter schlimm, auch wenn leichte atmosphärische Störungen zwischen den beiden, wie genervte „Hallo“-Rufe des aus München zugeschalteten Söder und Illners Gegenrede „Hallo zurück“ zeigten, sekundenweise unterhaltsam waren.

Warum öffnen Gartenmärkte, aber nicht botanische Gärten?

Die liberale Seite verkörperte der Bonner Virologe Hendrik Streeck, der auf den „Marathonlauf“ in der Bekämpfung des Virus hinwies, und dass man mit ihm leben müsse und auch mit der Erkenntnis, „dass er nicht weggehen wird, auch 2022 nicht“. Streeck war schon im Frühjahr 2020 für gute Testkonzepte eingetreten, und jetzt zweifelt er das Ausrichten von Maßnahmen allein an den Inzidenzwerten an, es müssten auch Faktoren wie die Belastung der Krankenhäuser und die sinkende Zahl der Neuinfektionen der über 65-Jährigen – eine Risikogruppe – mit einbezogen werden. Völlig unverständlich ist für Streeck die „branchenspezifische“ Öffnung durch die jüngsten Beschlüsse, es wäre doch besser gewesen, man hätte sich nach Hygienekonzepten ausgerichtet. „Die Leute dürfen sich Blumen in Gartenmärkten anschauen, nicht aber in botanischen Gärten“, so Streeck, das sei unverständlich und – wenn man die Menschen aktiv in die Pandemie-Bekämpfung mit einbeziehen wolle – auch kontraproduktiv. Im übrigen hätten manche Orchester und Pianisten „bessere Hygienekonzepte als der Baumarkt um die Ecke“.

Die Kanzlerin wird bald die Notbremse ziehen

Im FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner hatte Streeck einen natürlichen Verbündeten. Man könne nicht wegen einzelner Virusausbrüche „die ganze Republik in den Stillstand versetzen“, so Lindner und die 50er-Inzidenz sei eine rein „verwaltungstechnische Zahl“ und eigentlich sage die Inzidenz angesichts von einer hohen Durchimpfung bei den Ältern „gar nichts mehr aus“. Lindner plädierte für eine Betrachtung nicht nur der Risiken des Virus, sondern auch der sozialen Risken – gerade für Kinder – sowie der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gefährdungen durch den anhaltenden Lockdown. „Beim Handel, Sport, körpernahen Dienstleistungen und der Kultur muss eine Öffnung gedacht werden“, so Lindner, und dazu bedürfe es kreativer Lösungen und innovativer Hygienekonzepte.

Die Gegenrede zu Lindner kam von der „Spiegel“-Journalistin Melanie Amann, die es für aberwitzig hielt, in einer Zeit von wieder ansteigenden Infektionszahlen eine Lockerung „aus rein politischen Gründen“ zu beschließen, schon jetzt machten neue Virusmutanten 45 Prozent der Neuinfektionen aus und die Beschlüsse der Ministerpräsidenten seien „ein Plan für die Tonne“, denn die Bundeskanzlerin werde sehr bald wieder die vereinbarte Notbremse ziehen müssen.

Der Grüne Habeck fährt seinem Duzfreund Lindner in die Parade

Und auch der Grünen-Parteichef Robert Habeck musste seinem Duz-Freund Christian Lindner in die Parade fahren: „Ich verstehe nicht, wie man bei einer ansteigenden Kurve öffnen kann.“ Die politisch Verantwortlichen hätten nach dem Prinzip der „Unvorsicht“ gehandelt, das könne sich in den nächsten Wochen noch „bitterlich rächen“.

Eine Mittelposition nahm Manuela Schwesig (SPD), Ministerpräsident aus Schleswig-Holstein ein, die ja die Corona-Beschlüsse vom Mittwoch mit getragen hatte. Der zweite Lockdown habe ja „schon etwas gebracht“, so Schwesig, und es sei jetzt darum gegangen, den Menschen auch wieder eine Perspektive zu geben. Kritik äußerte Schwesig allerdings auch, erstens daran, dass die Europäische Union so wenig und so spät Impfstoffe bestellt habe – „das fällt uns jetzt auf die Füße“. Aber auch – ohne den Namen zu nennen – an Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU). Da seien Lieferungen von Schnelltests zugesagt worden, die kämen jetzt auch, „aber statt in den Kitas und Schulen landen die bei Aldi“.

Didi Hallervorden ist 85 – und schon geimpft

Einen bitter-ironischen Akzent gab der Kabarettist Didi Hallervorden der Runde: der Besitzer des Schlosspark-Theaters in Berlin sagte, er sei ja bereit für die besten Hygienekonzepte, Tests in Zelten vorm Theater, Anfahrt nur mit Taxis – aber die Politik gebe ihm keine Chance. Nach der Lektüre der Corona-Beschlüsse habe er den Wunsch verspürt, die Bundesregierung als „Kabarettisten“ zu gewinnen, denn es sei drunter und drüber gegangen mit 35er und 50er Inzidenzen, so dass er den Eindruck gewonnen habe, die politisch Handelnden hätten soviel Ahnung von Organisation „wie die Heuschrecke vom Dressurreiten“. Vertrauen der Bürger in die Politik lasse sich so nicht gewinnen, glaubt Hallervorden, und leider sei es mit dem Vertrauen so wie mit dem Eiswürfel – einmal geschmolzen, komme das nicht zurück. Immerhin hat der 85-Jährige schon eine Impfung erhalten. Dafür habe er aber lange telefonieren müssen, besser gesagt, jemanden telefonieren lassen müssen.




Unsere Empfehlung für Sie