„Der Medicus“ gehört zu den Bestsellern, die fast jeder mal gelesen hat. Der Autor Noah Gordon ist nun im Alter von 95 Jahren gestorben.

Kultur: Thomas Klingenmaier (tkl)

Stuttgart - Was alle lesen, ist feineren Literaturkennern von vornherein suspekt. Sie vermuten in Bestsellern gedankliche und sprachliche Dürftigkeit, vielleicht gar Zynismus. Erfolgsliteratur ist für sie nur das Fließbandprodukt einer Konfettimaschine. Wie wenig dieses Vorurteil oft mit der Realität zu tun hat, lässt sich gut am Werk des nun am Dienstag (23.11.2021) im Alter von 95 Jahren gestorbenen Noah Gordon zeigen.

Gordon hat mit „Der Medicus“ 1986 eines jener seltenen Bücher vorgelegt, über die sich Wildfremde in der Straßenbahn gut miteinander unterhalten können, weil fast jeder die im Mittelalter spielende Geschichte des Arztes Rob Cole kennt. Aber der Amerikaner hat nicht Roman um Roman vorgelegt, um einen guten Namen zu kapitalisieren. Er hat Rob Coles Kampf gegen die medizinische Unwissenheit im Europa des 11. Jahrhunderts mit „Der Schamane“ (1992) und „Die Erben des Medicus“ (1995) zwar zu einer Familiensaga ausgebaut, aber in gemessenem Abstand und nach ausgiebigen Recherchen. Gründlichkeit, bekannte er dabei offen, stelle für ihn auch eine Anstrengung dar. Er litt am Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Vertiefte Recherche war für Gordon auch der Beweis, dass man die eigenen Schwächen in den Griff bekommen und den eigenen Werten unterordnen konnte.

Journalist oder Arzt werden?

Gordons Werte: Sorgfalt, Stimmigkeit, Aufrichtigkeit. Er wollte seinen Lesern eben kein nach momentanen Plotbedürfnissen schrill zusammengezimmertes Fantasy-Mittelalter bieten, sondern eine historisch korrekte Welt. Er hat über das geschrieben, was ihn interessierte, wofür er sich verbürgen konnte, und ansonsten die Finger von der Tastatur gelassen. Millionen Leser wussten das sehr zu schätzen.

Ursprünglich hatte der 1926 in Worcester, Massachusetts, geborene Gordon im Einklang mit den Wünschen seiner Eltern selbst Arzt werden wollen. Aber so sehr ihn die Medizin interessierte, während des Studiums merkte er, dass ihn das Schreiben noch mehr reizte. So wurde er Journalist mit dem Schwerpunkt auf Naturwissenschaften und Medizin.

Erst mal ging er unter

Weil er nicht nur oberflächlich begreifen wollte, worüber er schrieb, und weil ihm der Unterschied zwischen Forschungslabor und Praxisanwendung immer klar war, absolvierte er nebenbei Praktika und Weiterbildungen, wurde chirurgischer Techniker und Notfallassistent. Die Praxis, die er bei Einsätzen im ländlichen Raum in der Gegend von Boston sammelte, floss in seine späteren Romane ein.

Gut und gerne hätte es den Bestseller-Autoren Gordon aber auch nicht geben können. Sein Romandebüt „Der Rabbi“ von 1965 war zwar kurz mal erfolgreich und wurde in den USA auch angeregt diskutiert. Gordon, selbst Jude, griff darin ein Reizthema jener Jahre auf, die Durchlässigkeit ethnischer Schranken in einer liberalen Gesellschaft, die Durchmischung von Wertesystemen und das Konfliktpotenzial unterschiedlicher Prägungen. „Der Rabbi“ erzählt von der Ehe eines Rabbiners mit einer Christin. Aber alles, was Gordon danach schrieb, ging ziemlich unbemerkt unter. Schreiben lohnte kaum, er hätte aufgeben können. Als er die Recherchen zum „Medicus“ begann, musste er davon ausgehen, dass er diese Arbeit hauptsächlich für sich selbst betreiben würde. Mit einem Bestseller war nicht mehr zu rechnen.

Interessanterweise trifft dieser Pessimismus auf Gordons Heimatland bis heute zu. Dort kennt man Gordons Namen und Bücher kaum, der Ruhm der Cole-Trilogie war ein europäisches Phänomen. Dafür gibt es mancherlei Erklärung, aber im Kern dürfte das Interesse an Gordons Büchern mit einem Bewusstsein für die Dringlichkeit eines besseren Verständnisses zwischen Christen und Muslimen zu tun haben. Für die meisten Amerikaner war das in den 90er Jahren noch kein Thema. Nach den Terrorattacken vom 11. September 2001 ging es dann um Abgrenzung und Feindbilder, nicht um Verständnis und Lernbereitschaft.

Umkehr der Weltordnung

Letztere aber steht im Zentrum des 2013 auch verfilmten Romans „Der Medicus“. Rob Cole lernt im London seiner Zeit das, was als gut christliche Heilkunst gilt, ein Mix aus Pfuscherei und Empfehlungen ans Himmelreich. Das ist, wie er im Kontrast zu den Fähigkeiten des jüdischen Medicus Benjamin Merlin deutlich sieht, keinesfalls alles, was Menschen möglich ist. Nur darf ein Jude damals nicht der Lehrer eines Christen sein, eine vernagelte Idiotie, die Rob Cole auf der Suche nach Wissen und Fertigkeiten schließlich in Verkleidungen bis nach Persien weitertreibt, wo er mehr über Medizin lernt, als sich Europäer träumen lassen können.

Im Reich des Islam herrscht zeitweilig vergleichbare Forschungsfreiheit, im christlichen Europa fundamentalistische Wissenschaftsfeindlichkeit. Diese Umkehr dessen, was viele für die natürliche Weltordnung halten – fortschrittlicher, aufgeklärter christlicher Westen hie, umnachtete Mullah-Tyranneien im Schatten der Minarette da – macht einen großen Reiz des „Medicus“ und der Folgebände aus.

Immer noch an Rosen schnuppern

In der Vergangenheit trafen Islam und Christentum am schärfsten, aber auch am produktivsten in Spanien aufeinander. Hier ging aus militärischen Konflikten und Eroberungszügen auch Wissensübertragung hervor, hier stellte der Osten den Westen nicht nur mit dem Krummsäbel in Frage. Wenn Noah Gordons Bücher irgendwo auf der Welt mehr geliebt werden als in Deutschland, dann in Spanien, wo im 15. Jahrhundert auch „Der Medicus von Saragossa“ spielt. Für den leicht nach Abkoche klingenden Titel konnte Gordon nichts, im Original heißt das Buch „The last Jew“.

Ein Jahr Recherchearbeit benötige er pro Buch, vier Jahre, um es zu schreiben, benannte Gordon sein Tempo. Er protzte da nicht mit seinem Sorgfaltsanspruch. Es klang eher bescheiden, als wolle er den Kopf angesichts eigener Trödeligkeit schütteln. Überhaupt scheint er ein abgeklärter, uneitler Autor gewesen zu sein, der sich weder als Massenverzücker noch als Welterklärer begriff. Und den Erfolg hat Noah Gordon sehr schön definiert: Er müsse jetzt aufpassen, neben dem Schreiben eines nächsten Buches noch genügend Zeit für seine Familie und das Schnuppern an Rosen zu finden.