InterviewMedienpsychologin zum Krimi-Hype Was ist an Verbrechen so faszinierend?

Von Sabrina Kreuzer 

Krimis werden in jeglichem Format, ob als Filme, Podcasts oder Bücher, gerne konsumiert. Wir haben die Medienpsychologin Johanna Schäwel gefragt, warum uns Verbrechen so faszinieren und warum wahre Kriminalgeschichten vor allem Frauen interessieren.

Alles Krimi oder was? Das Böse fasziniert in Büchern, Podcasts oder Filmen – und in Fernsehen zum Beispiel in „Der Pass“, „Tatort“,  „Perry Mason“, „White House Farm Murders“, „True Detective“ oder „Babylon Berlin“ (von links oben im Uhrzeigersinn).Foto:Sky (2), HBO (2), ARD, Starz Foto:  
Alles Krimi oder was? Das Böse fasziniert in Büchern, Podcasts oder Filmen – und in Fernsehen zum Beispiel in „Der Pass“, „Tatort“, „Perry Mason“, „White House Farm Murders“, „True Detective“ oder „Babylon Berlin“ (von links oben im Uhrzeigersinn). Foto: Sky (2), HBO (2), ARD, Starz

Stuttgart - Es ist Sonntagabend, die Ermittler aus Ludwigshafen, Münster oder Stuttgart gehen im Fernsehen einmal mehr einem Verbrechen auf die Spur – Zeit für den „Tatort“. Bis zu 13 Millionen Menschen zieht der ARD Tatort jede Woche vor die heimischen Bildschirme.

Doch auch andere Krimi-Formate sind beliebt: Es gibt Kriminal-Podcasts und -Magazine, vor allem Romane werden gerne gelesen. Doch woran liegt es, dass wir Menschen so sehr von Verbrechen, von Bluttaten und Intrigen fasziniert sind? Johanna Schäwel ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Kommunikationswissenschaft und Medienpsychologie an der Universität Hohenheim. Im Interview gibt die Medienpsychologin Antworten auf die Fragen zu den dunklen Vorlieben der Menschen.

Frau Dr. Schäwel, was fasziniert die Menschen an Verbrechens- und Kriminal-Formaten?

Das ist tatsächlich eine spannende Frage. Das liegt unter anderem daran, dass Unterhaltungsformate viele Emotionen in uns auslösen. Im Falle von Krimis sind es viele gegensätzliche Emotionen: Auf der einen Seite sind wir gespannt und neugierig, was passiert. Auf der anderen Seite aber auch beängstigt. Diese große Spannbreite aus Angst und Verletzlichkeit sowie Neugierde und Vergnügen fesselt uns und sorgt dafür, dass wir gerne Kriminalformate schauen.

Bedeutet das, in jedem von uns schlummert ein Mörder?

So extrem würde ich es nicht ausdrücken, nein. Erst einmal finden wir die Thematik einfach nur faszinierend und spannend. Es ist etwas, das jeden betreffen könnte. Im Falle von True Crime, also Formaten, die wahre Verbrechen wiedergeben, können wir dazu noch etwas lernen. Deswegen würde ich dazu tendieren zu sagen, dass in uns eine Art Reporter oder Ermittler steckt, der den Fall aufklären möchte. Um zu einem Täter zu werden, spielen viel mehr Dinge eine Rolle.

Wer interessiert sich mehr für Verbrechen und Krimis: Männer oder Frauen?

Im Falle der True-Crime-Formate gibt es eine klare Tendenz: Circa 70 Prozent der Rezipienten solcher Magazine und Podcasts sind Frauen. Das heißt im Umkehrschluss jedoch nicht, dass jede Frau dieses Genre mag. In der Forschung wird oft von der Annahme ausgegangen, dass Frauen mehr Angst verspüren, sich wie die Opfer fühlen und deshalb so davon fasziniert sind. Das liegt aber nicht nur daran. Frauen möchten sich durch das Konsumieren Wissen aneignen und die Taten verstehen. Bei True Crime ist das noch ein Schritt extremer: Hier erfährt man, warum jemand zum Täter geworden ist und kann die Tat daher besser einschätzen. Frauen nutzen dieses Wissen oft, um eine potenzielle Verteidigungsstrategie zu entwickeln, falls sie einmal in solch eine Lage geraten sollten. Bei fiktionalen Formaten in Deutschland, wie beispielsweise ,Tatort’ oder ,Der Staatsanwalt’, ist es eher ausgeglichen. Diese schauen Männer und Frauen gleich gerne.

Gibt es einen Unterschied zwischen der Beliebtheit fiktionalen und realen Formaten?

Der Vergleich ist zwar schwierig, man kann jedoch sagen, dass es sich um zwei unterschiedliche Dinge handelt. Im Falle von fiktionalen Formaten geht es um klassische Unterhaltungsmotive. Oft möchte der Rezipient aus seinem Alltag flüchten. Reale Formate boomen gerade. Das liegt daran, dass man ein realistisches, ungefähres Bild einer Straftat bekommt. Es herrscht mehr Schock, aber auch mehr Beteiligung. Solche Taten könnten ja immerhin auch in der direkten Nachbarschaft geschehen. Wir werden durch solche Formate zu Verbrechenslösern: Die Tat wird meist von vorne aufgerollt, die einzelnen Puzzleteile werden zu einem großen Ganzen zusammengefügt. Dadurch hat man nicht nur Mitleid mit dem Opfer, sondern entwickelt auch ein gewisses Verständnis für den Täter. Das ist wiederum eine andere Art der Befriedigung als bei fiktionalen Formaten. Es fasziniert uns einfach, am Leben anderer Menschen teilzuhaben. Dazu gibt es den sogenannten Genuss auf Meta-Ebene: Wir finden diese wahren Geschichten zwar spannend. Aber wenn wir darüber nachdenken, bewerten wir diese Geschichten anders. Wir wissen, dass sie moralisch nicht in Ordnung sind.

Was kann der übermäßige Konsum solcher Formate in uns auslösen?

Durch Studien wurde herausgefunden, dass bei zu viel Konsum von Krimi- und True-Crime-Formaten oftmals das Gefühl entsteht, es würden mehr Straftaten geschehen. Das liegt daran, dass wir uns in einer Blase befinden, in der viel über solche Taten berichtet wird. Natürlich passieren schlimme Dinge, aber man muss die Balance halten. Dabei hilft, sich zu fragen, was die Realität ist und sich aktuelle Zahlen anzusehen. Man sollte keinesfalls Angst schüren.




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