Mercedes im Rennsport Die Übermacht der Sterne

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Lewis Hamilton kann am Sonntag Formel-1-Weltmeister werden – zum zweiten Mal nacheinander in einem Mercedes. Doch auch andere Rennserien hat die Marke gewonnen. So erfolgreich wie 2015 waren die Stuttgarter noch nie.

Lewis Hamilton kann am Sonntag in einem Mercedes Formel-1-Weltmeister werden. Foto: StZ
Lewis Hamilton kann am Sonntag in einem Mercedes Formel-1-Weltmeister werden. Foto: StZ

Stuttgart - Toto Wolff schwächte diese Woche eine Grippe. Deshalb ist er erst am Freitag in die texanische Hauptstadt Austin gereist. So spät hat sich der Mercedes-Sportchef noch nie an der Rennstrecke blicken lassen. Es nervt ihn etwas. Doch eine anstrengende Saison kann den Körper auch mal etwas anfällig machen. Im Prinzip ist aber alles ganz fabelhaft verlaufen, der Dauerstress hat sich gelohnt – also ist der grippale Infekt nur eine Petitesse. Denn unterm Strich steht eines: So erfolgreich wie in diesem Jahr war Mercedes im Motorsport noch nie. 2015 läuft es prächtig.

Die Trophäen, sie purzeln, die Mercedes-Riege organisiert eine Party nach der anderen. Vor zwei Wochen gewann das Formel-1-Team die Konstrukteurs-WM, sieben Tage später holte Pascal Wehrlein den Gesamtsieg in der DTM und stellte damit auch den Teamwertungserfolg des Rennstalls HWA sicher. Und es geht weiter: Der Mercedes-Pilot Felix Rosenqvist wurde Formel-3-Europameister, und in der Rennserie ADAC GT Masters waren Luca Ludwig und Sebastian Asch siegreich, die Söhne der Exrennfahrer Klaus Ludwig und Roland Asch. Der Titelgewinn ist für die Marke überdies auch noch in der Nachwuchsserie GP 3 möglich. Wenn das klappt und am Sonntag Lewis Hamilton beim Großen Preis der USA zum zweiten Male nacheinander in einem Mercedes Formel-1-Weltmeister wird, dann hat die Motorsportabteilung von Daimler in allen Rennserien gewonnen, an denen sie 2015 beteiligt war.

Geht mehr? Nein, mehr geht nicht. Am Sonntag könnte das muntere Pokalsammeln also seinen Gipfel erreichen. Wenn Hamilton gewinnt und sein Teamkollege Nico Rosberg als Zweiter den Ferrari-Mann Sebastian Vettel auf Distanz hält, dann knallen auch in Austin die Korken. Klappt es noch nicht in Texas, stehen dem Briten drei weitere Rennen zur Verfügung, um den Elfmeter zu verwandeln. „Die Wahrscheinlichkeit ist hoch“, sagt Wolff und übt sich – unbegründet – in Vorsicht.

Die Siege sollen erst der Anfang sein

Aber auch darin ist er gut: Der Erfolg wird im stillen Kämmerlein genossen. Es soll im Hinblick auf die Erfolgsgeschichte jetzt bloß keiner abheben. „Das gestrige Ergebnis hat heute keine Priorität mehr, es zählen immer die kommenden Aufgaben. Und wenn ich die eigenen Erfolge als Meilenstein bezeichne, würde das bedeuten, den Boden unter den Füßen zu verlieren“, sagt Toto Wolff. Die Siege kurz genießen, Mund abwischen, weitermachen. Die beiden gewonnenen Formel-1-Weltmeisterschaften sollen erst der Anfang einer modernen Silberpfeil-Ära werden. Denn die Konkurrenz, sie schläft nicht. Ferrari hat mächtig aufgeholt in diesem Jahr. Das aus dem Fiat-Chef Sergio Marchionne und dem Rennstallboss Maurizio Arrivabene bestehende Führungsduo der Scuderia habe „Power“, sagt Wolff, „und Sebastian Vettel hat in das Team Motivation gebracht“.

Die Mercedes-Erfolge sind kein Zufallsprodukt. Die ersten drei Jahre von 2010 bis 2012 als reines Markenteam waren bittere Lehrjahre. Die Weltmeistermannschaft Brawn-GP zu kaufen, es entpuppte sich zunächst als Mogelpackung. In diesen drei beschwerlichen Jahren haben die detailversessenen ehemaligen Ferrari-Dauersieger Michael Schumacher und Ross Brawn den Grundstein gelegt für den Aufwärtstrend. „Wir dürfen Ross jetzt nicht vergessen“, sagt Hamilton und erinnert im Hinblick auf die letzten beiden goldenen Silberpfeil-Jahre, in denen stramme 29 Siege und 32 Pole-Positionen eingefahren wurden, an den Mitbegründer dieses positiven Trends.

Toto Wolff erntet nicht nur die Früchte. Der 2013 als Teamchef installierte Österreicher hat mit veränderten Strukturen in der Formel-1-Mannschaft, aber auch im DTM-Team für frischen Wind gesorgt und den Leuten das Gefühl gegeben, dass jeder einzelne seinen Anteil an den Titeln hat. Er hat ihnen aber auch einen für den Erfolg nötigen Arbeitsethos eingeimpft, wonach jeder alles für die Mannschaft geben muss – bedingungslos. So weiß auch Hamilton, dass er ohne die 1300 Menschen im Rücken kein einziges Rennen gewinnen könnte. „Wenn ich sehe, wie viel Einsatz aufgebracht wird, um uns an die Spitze des Feldes zu bringen, dann macht mich das sehr stolz auf jeden Einzelnen, der daran beteiligt ist“, sagt der britische Rennfahrer, der in diesem Jahr keine Gelegenheit ausließ, das Team hinter sich zu loben.

Alonso ist zu einem Hinterherfahrer mutiert

Großen Anteil an der Erfolgen hat aber auch der Entwicklungsvorsprung, den das in Brackley und Brixworth beheimatete Team im Hinblick auf die Hybridsysteme hat. Der hoch komplexe Antrieb ist noch immer das Maß der Dinge, auch wenn Ferrari aufgewacht ist und nachlegen konnte in diesem Jahr. Wie schwer es ist, den Motor mit zum Beispiel beim Bremsen frei gewordener Energie zusätzlich zu befeuern, zeigt das Beispiel Honda: Die Neueinsteiger aus Japan erleben mit dem Partner McLaren ein Fiasko. Die Weltmeister Fernando Alonso und Jenson Button sind zu trostlosen Hinterherfahrern mutiert.

Weit entfernt von Mercedes. „ In diesem Jahr können wir behaupten, die Besten auf der Welt zu sein. Aber keiner von uns ist so selbstgefällig, zu glauben, dass wir uns davon etwas in der Zukunft kaufen könnten. Wenn wir uns erneut Weltmeister nennen wollen, müssen wir für 2016 noch härter und besser arbeiten“, sagt Toto Wolff. Er weiß auch, dass die Erfolge von 2015 besonders für die Historiker bemerkenswert sind. Denn vor exakt 60 Jahren waren die Silberpfeile ebenfalls nicht aufzuhalten. 1955 gewann die argentinische Rennfahrerlegende Juan Manuel Fangio im Mercedes W 196 die Formel-1-Weltmeisterschaft, und auch in der Sportwagen-WM fuhr die Marke den Konkurrenten auf und davon. Stirling Moss holte sich bei den drei Rennklassikern Mille Miglia, RAC Tourist Trophy und Targa Florio den Hauptpreis ab.

Allerdings hatte Mercedes damals bereits vor diesen Erfolgen beschlossen, sich mit allen Teams aus dem Motorsport zurückzuziehen – und war fast 40 Jahre nicht mehr auf der Formel-1-Bühne präsent. Grund für den Rückzug soll nach Angaben des Herstellers zwar nicht der verheerende Unfall 1955 in Le Mans gewesen sein, bei dem der Mercedes 300 SLR von Pierre Levegh nach einer unverschuldeten Kollision mit einem Austin über die Absperrung schleuderte und mehr als 80 Menschen tötete. Doch dürfte die bis heute größte Tragödie des Motorsports die Mercedes-Benz-Führung darin bestätigt haben, dass der Zeitpunkt für die Beendigung aller Aktivitäten genau der Richtige war.

Teamchef war damals übrigens Alfred Neubauer. Ein Österreicher wie Toto Wolff.