Michael Sanderling beim SWR-Symphonieorchester Es muss nicht immer Currentzis sein

Von Frank Armbruster 

Michael Sanderling hat in Stuttgart das SWR-Symphonieorchester dirigiert.

Exzellente Solistin in Prokofjews zweitem Klavierkonzert: Anna Vinnitskaya Foto: Megrelidze
Exzellente Solistin in Prokofjews zweitem Klavierkonzert: Anna Vinnitskaya Foto: Megrelidze

Stuttgart - Es ist eine schöne Idee von Anna Vinnitskaya, beim Konzert mit dem SWR-Symphonieorchester als Zugabe nach Prokofjews zweitem Klavierkonzert den Lyrischen Walzer aus Schostakowitschs „Tanz der Puppen“ zu spielen: eine elegant-charmante Überleitung zum zweiten Teil des Konzerts mit Schostakowitschs zehnter Sinfonie. Nun gilt die 35-jährige Russin trotz ihrer zierlichen Statur als Spezialistin für das hochvirtuose russische Repertoire. Rachmaninows zweites Klavierkonzert hat sie ebenso bravourös eingespielt wie die beiden Konzerte von Schostakowitsch, und auch bei Prokofjew bewies sie ihre außergewöhnlichen Qualitäten. Man braucht schon eine exzellente Technik und gute Nerven, um in dem Hochgeschwindigkeitsparcours und den perkussiven Schlachten des zweiten Konzerts nicht unter die Räder zu kommen: tückisch etwa der Von-Null-auf-Hundert-Start im Scherzo, einer Art Perpetuum mobile, bei dem sogar das von Michael Sanderling dirigierte Orchester zwischendurch mal leicht wackelte, aber sofort wieder in die Spur fand. Grandios gelangen die Haltungswechsel dieser fast karrikaturhaft zugespitzen Musik, die kein Espressivo, dafür aber vielfältigste Facetten kühler Brillanz kennt. Meisterhaft.

Und so ging es nach der Pause weiter. Dass es nicht unbedingt der umschwärmte Teodor Currentzis als Dirigent sein muss, um das SWR-Symphonieorchester zu Höchstleistungen anzutreiben, zeigte Sanderling mit einer vom ersten bis zum letzten Takt fesselnden, beklemmenden und aufpeitschenden Deutung von Schostakowitschs Zehnter. Die Schrecken des Stalinterrors hallen noch nach in diesem Werk, das für Sanderling – dessen Vater, der Dirigent Kurt Sanderling, Schostakowitsch persönlich kannte – ganz offenbar eine Herzensangelegenheit ist. Sanderlings Dirigat war von unerbittlicher rhythmischer Strenge, blieb aber elastisch und ließ vor allem den Holzbläsern genügend Freiheit für ihre aberwitzigen Kapriolen. Vor allem der fabelhafte Soloklarinettist nutzte diese Möglichkeiten mit Aplomb.




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