Mini-Wasen in Stuttgart „Die Leute sind hungrig nach guter Laune“

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Ist’s Zufall oder gar eine Warnung an die Gäste? Die Almhütte des Mini-Wasens steht im Schlossgarten direkt neben der Corona-Teststation. Quer durch die Stadt wird in Tracht gefeiert. Ein Wasenrundgang in der Pandemie.

So sieht’s aus, wenn in der Pandemie in Dirndl und Lederhosen gefeiert wird:  Fiebermessen beim Mini-Wasen. Foto: Lichtgut/Julia Schramm 27 Bilder
So sieht’s aus, wenn in der Pandemie in Dirndl und Lederhosen gefeiert wird: Fiebermessen beim Mini-Wasen. Foto: Lichtgut/Julia Schramm

Stuttgart - Sollte man Cordula Grün nicht besser nach Hause schicken? In bestimmt jedem Bierzelt, ob auf dem Wasen oder der Wiesn, hat man sie schon tanzen gesehen. Und das seit Jahren! Der Partyhit gibt alles – und lässt sich auch vom Virus nicht stoppen.

Wer quer durch die Stadt beim Mini-Wasen vorbeischaut, beim Volksfest-Ersatz im Corona-konformen Format, das eher an die Seitenlogen eines Zeltes erinnert, nicht ans gewohnte Massenspektakel, kann sicher sein: Eine ist immer schon da – die Cordula Grün! Ihr Lied wird überall mit Inbrunst gesungen, obwohl die Gute doch diesmal gar nicht tanzen darf!

„Die Leute sind hungrig“, sagt Almklausi

Sollte gute Laune verboten werden, wenn die Infektionszahlen ansteigen? „Die Leute sind hungrig“, sagt Wasenstar Almklausi. In normalen Zeiten tritt er vor 6000 Leuten im proppenvollen Festzelt auf. Am Samstagabend singt er vor 100 Gästen in der extra aufgebauten Almhütte von Festwirtin Sonja Merz im Schlossgarten. „Das ist fast noch anstrengender“, verrät der 50-jährige Partyheld „man muss ständig aufpassen, dass nix passiert.“

Sein größter Hit heißt „Mama Lauda“. Doch zu laut darf er seine Musik jetzt nicht machen. Das neue Motto lautet: Mama, mach’ leiser! „Laute Musik und Alkohol wirken enthemmend“, wird später auch Festwirt Michael Wilhelmer sagen.

Almklausi, ein Profi durch und durch, versucht, die richtige Balance zwischen Einheizen und Dämpfen zu finden.

Direkt neben der Almhütte ist die Corona-Teststation

Seit über 25 Jahren ist Sonja Merz als Wirtin in verschiedenen Zelten und Funktionen auf dem Wasen aktiv. Dass ihr die Pandemie zum ersten Mal die rote Karte zeigt, trifft sie hart. Schon allein für ihre Mitarbeiter, die nicht alle in Kurzarbeit sein wollen und das Trinkgeld vermissen, hat sie, um die Sehnsucht nach unbeschwerten Wasentagen zu erfüllen, eine gemütliche Hütte gemietet. Die steht – ist’s Zufall oder gar eine Warnung an die Gäste? – quasi Rücken an Rücken ans Corona-Testzentrum des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Schlossgarten. So also sind sie nun in vertrauter Nachbarschaft: Menschen in Dirndl und Lederhosen neben Menschen in weißen Schutzanzügen.

Zum Stuttgarter Herbst gehört ein Wasen-Rundgang. Kann es Wasenstimmung ohne Wasen geben? Wir sind am Samstag zum Mini-Wasen-Rundgang aufgebrochen. Dafür braucht man gutes Schuhwerk und öffentliche Verkehrsmittel. Denn das „Festgelände“ breitet sich quer durch die Stadt aus. Wir starten auf der Königstraße beim „Zuckerlädle“. Wie immer hängen an der bunten Volksfestbude Lebkuchenherzen – doch nun auch Schilder mit der Aufschrift: „Bitte Abstand halten.“ Fahrgeschäfte können wir auf unserer Tour nicht finden. Die sind, ebenso wie Schießbuden, nicht erlaubt worden von der Stadt.

Der SWR hat gleich zwei Fernsehteams geschickt

Bei Sonja Merz ist der Medienandrang fast so groß wie beim normalen Volksfest. Vier Fernsehteams, davon zwei in voller Besetzung vom SWR (eines für Live-Schalte in den Nachrichten, eines für den Nachbericht von Volksfestexpertin Sonja Faber-Schrecklein), filmen, wie mit Fieberpistolen auf Gäste gezielt wird. In der Hütte sorgen Pferdesattel, Reisigbesen und Maiskolben an der Decke für eine urgemütliche Atmosphäre. Die Tische stehen weit auseinander. In der Ecke befindet sich die Attraktion: ein Luftreiniger, wie er in Operationssälen verwendet wird, soll Viren ausfiltern. Die Stimmung ist gut, fast trotzig gut.

„Prost ihr Säcke“, ruft bei unserer nächsten Station Patrick Schmidt von der Wasenband Alarm seinem in Tracht erschienen Publikum entgegen. „Prost du Sack“, hallt es im Tempus zurück. Tim Töpfer von der gemeinnützigen Gesellschaft für Schulung und berufliche Reintegration, die das Lokal am Haus der Geschichte betreibt, ist Cannstatter. Als Kind war er Schildträger beim Festumzug. Ohne Volksfeststimmung geht’s nicht, findet er, und hat deshalb den Mini-Wasen an der Kulturmeile ins Leben gerufen. Im Tempus können sich die Gäste eines Tischen gemeinsam vor der Fotowand mit Fruchtsäule fotografieren lassen. Eine kleine Fruchtsäule gibt es draußen.

„Die Menschen brauchen einen Aufschwung der Moral“

Hoch die Krüge! Michael Wilhelmer betreibt auf dem Wasen das größte Festzelt. Jetzt lädt er an drei Standorten zur „kleinen Schwabenwelt“ ein, etwa am Schlachthof. „Die Menschen brauchen einen Aufschwung der Moral“, sagt er, „etwas, was sie aufrichtet.“ Aufpassen muss Wilhelmer, dass die Gäste ihre Grenzen nicht überschreiten. Alle Wirte sagen, dass sie sich streng an Corona-Gesetze halten. In den sozialen Medien sieht man dann aber Videos und Fotos mit allzu großer Nähe. „Die Bilder können täuschen“, erklärt Wilhelmer, „die Distanz sieht oft kleiner aus als sie ist.“ Der Festwirt weiß: Das Volksfest im kleinen Format steht unter strenger Kontrolle. Die Ordnungsbehörde entsendet nämlich auch Besucher.

Lebensfreude ist wichtig, Gesundheit noch wichtiger. Lebensfreude tötet keine Viren. Vom Mini-Wasen hängt viel ab. Wenn die Sache vermasselt wird und die Infektionszahlen steigen, ist der Weihnachtsmarkt in Gefahr.




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