Minimal Music an der Staatsoper Stuttgart Die Nacht, in der die Zeit verschwand

Von Susanne Benda 

Die Staatsoper Stuttgart hat einen Minimal-Music-Marathon veranstaltet

Anne Teresa de Keersmaeker setzte Steve Reichs „Piano Phase“ 1999 in Bewegung um – das Video der Aufführung ergänzte die Stuttgarter „Nacht der Minimal Music“ Foto: Stephanie Berger/Ensemble Rosas
Anne Teresa de Keersmaeker setzte Steve Reichs „Piano Phase“ 1999 in Bewegung um – das Video der Aufführung ergänzte die Stuttgarter „Nacht der Minimal Music“ Foto: Stephanie Berger/Ensemble Rosas

Stuttgart - Wiederholungen gehören seit jeher zur Musik. Sie appellieren an die Erinnerung des Zuhörers, der zuvor schon Gespieltes wiedererkennt, und helfen so, das Erklingende zu strukturieren. Musik, die auf Wiederholungen kurzer Abschnitte gründet, gab es in der Volksmusik schon immer. In der Kunstmusik jedoch haben sich, je komplexer die Stücke wurden, die wiederholten Teile immer weiter voneinander entfernt oder auch immer unkenntlicher gemacht – bis, wie immer in der Musikgeschichte, eine starke Gegenbewegung entstand. John Adams’ Oper „Nixon in China“ ist ein spätes Stück der US-amerikanischen Minimal Music, und vor dessen Premiere am 7. April hat die Staatsoper Stuttgart am Samstagabend schon mal ein wenig eingestimmt – nein, wohl eher eingegroovt. „Die lange Nacht der Minimal Music“ fand als Kooperationsprojekt in der Staatsgalerie, im Kunstverein und im Schauspielhaus statt: Besser, betonte eingangs der Opernintendant Viktor Schoner betonte, ließe sich sich kaum beweisen, dass das zurzeit so heiß diskutierte Kulturquartier schon gelebte Realität ist.

Auch wer nicht die gesamten neun Stunden des Events durchhielt, auch wer am Ende die popkulturellen Seiten des musikalischen Minimalismus versäumte, bekam einen guten Überblick über die Klangwelten, die sich in den 1960er und 1970er Jahren aus dem Streben nach Reduktion, Einfachheit, nach Wiederholung und nach der Auflösung fester Zeitstrukturen entstanden. Steve Reichs „Pendulum Music“ von 1968, bei der Mikrofone an Kabeln über Lautsprechern baumeln und aus den Rückkopplungssignalen langsam eine faszinierende Struktur entsteht, gehörte ebenso zu den vorgeführten Werken wie der beeindruckende Versuch Anna Teresa de Keersmakers, die kleinen Verschiebungen und auch das Spielerische von Reichs „Piano Phase“ in Bewegungen zu übersetzen – ihre Choreografie von 1999 war als Video zu sehen. Wie sehr Rhythmus und Klangfarbe in der Minimal Music ins Zentrum der Wahrnehmung rücken, hörte man bei Louis Andriessens „Workers Union“ ebenso wie bei einem der zentralen Werke der Minimal Music, Terry Rileys „In C“, in dem die Musiker 53 vorgegebene Patterns auswählen dürfen, was sie wie lange spielen. Zurecht bejubelte das Publikum die mit viel Kunst und Engagement agierenden Musiker des Staatsorchesters – sogar bei technischen Pannen (in Vykintas Baltakas’ „Sandwriting I“ für zwei Keyboards und Live-Elektronik musste Improvisation die Vorgaben des Bildschirms ersetzen) und sogar bei „White Man Sleeps“, einem enervierend überlangen Stück, in dem Kevin Volans mithilfe zweier afrikanisch gestimmter Cembali und einer Gambe zwei Kulturen zusammen zwingen will. Ein schöner, bereichernder Abend; geht es nach den Besuchern, sollte es unbedingt – nein, keine Wiederholung, wohl aber eine zweite Auflage geben.