Miniserie: „Catherine the Great“ bei Sky Die männerfressende Zarin

Von Jan Freitag 

Die Schauspielerin Helen Mirren hat ein Talent für gekrönte Häupter. Im sehenswerten opulenten Vierteiler „Catherine the Great“ bei Sky spielt sie die legendäre russische Zarin.

Helen Mirren spielt die Zarin Katharina die Große würdevoll und energisch. Foto:Sky UK/Hal Shinnie Foto:   16 Bilder
Helen Mirren spielt die Zarin Katharina die Große würdevoll und energisch. Foto:Sky UK/Hal Shinnie

Stuttgart - Es gibt gewiss schwerere Aufgaben für eine Schauspielerin von Rang, als mit zehn Kilogramm Samt und Seide, Brokat und Rüschen am kaiserlichen Leib spätbarocke Majestät auszustrahlen. Aber Helen Mirren könnte vermutlich auch in Jeans und T-Shirt vor der versammelten Oberschicht des zaristischen Russland stehen und liberales Teufelszeug wie allgemein verbindliche Rechtsstaatlichkeit oder gar die Abschaffung der Leibeigenschaft propagieren: Man würde es der Herrschaftsdarstellerin schlechthin wohl trotzdem abkaufen.

Zwölf Jahre nach ihrer viel umjubelten TV-Rolle als Tudor-Königin „Elizabeth I.“, der nur Monate später ein Oscar fürs Biopic „The Queen“ folgte, steigt die englische Shakespeare-Veteranin russischen Ursprungs abermals auf den TV-Thron. Und das ist nicht nur deshalb so glaubhaft, weil der diesmal im Land ihrer Eltern steht. Es hat vor allem mit Helen Mirrens unfassbarer Bildschirmpräsenz zu tun, die sie als „Catherine the Great“ nach Herzenslust zelebrieren darf.

Leichtigkeit statt Kostümwahn

In der Gemeinschaftsproduktion von HBO und Sky spielt sie nämlich Katharina II. auf deren steinigem Weg, als „Große“ in die Geschichtsbücher einzugehen. Wie im Genre historischer Melodramen üblich, geht es allerdings nicht um geschichtlich überlieferte Herrschaftspolitik allein. Im vorderen Hintergrund handelt der Vierteiler von Katharinas spätherbstlicher Liebe zum berühmten Feldmarschall Grigori Alexandrowitsch Potjomkin. Mit dem unterhält die Kaiserin gegen Ende ihrer Regentschaft eine leidenschaftliche, aber illegitime, also äußerst komplizierte, dafür umso spannendere Liebesbeziehung. Im Kostümierungswahn telegener Kulissenschieberei verkommt so etwas schnell zur opulenten Nummernrevue.

Hier jedoch degradiert fast das gesamte Ensemble die Ausstattung auf erfrischende Art und Weise zu dem, was sie eigentlich immer sein sollte: zum Bühnenbild. Und vor dem agiert es mit einer Leichtigkeit, die man sich im deutschen Historytainment oft vergebens wünscht. Die In­trigen von Katharinas Sohns Paul (Joseph Quinn) zum Beispiel sind nahezu frei von jener verschwörerischen Mimik, unter der hiesige Geschichtsfiktion so schwer leidet.

Ohne Pathos

Wenn Katharinas Ex und späterer Kriegsminister Grigory Orlov (Richard Roxburgh) trotzig unterm Abservieren leidet, verkörpert er sein Leid mit dezenter statt wütender Inbrunst. Selbst das dynastische Parallelschlachtfeld eines potenziellen Mitbewerbers um die Krone, der seit Kindesbeinen im Kerker schmort, kommt praktisch ohne Pathos aus.

All dies wird noch dadurch verstärkt, dass Showrunner Philip Martin die meisten Charaktere nach Nigel Williams’ Drehbuch nicht wie im Metier üblich nach Attraktivitäts-, sondern nach Authentizitätskriterien besetzt hat. Ein optisch gewöhnlicher Jason Clarke („Brotherhood“) jedenfalls wäre als ZDF-Liebhaber schlicht undenkbar. Im Mittelpunkt dieser theatralischen Realitätsoffensive steht allerdings Helen Mirren.

Mehr als 20 Affären

Ihre Zarin verströmt eine Gravität, die selbst im albernsten Jagdkostüm ähnlich würdevoll wirkt wie im zeremoniellen Ornat. Ihr Vokabular ist vielleicht ein bisschen zu vulgär für die Etikette jener höfischen Zeit. Aber mit mehr als 20 Affären, von denen Fürst Potemkin trotz ihres fortgeschrittenen Alters Ende des 18. Jahrhunderts nur die drittletzte war, gilt sie schließlich als veritable Männerfresserin.

Auch „Catherine the Great“ verliert sich zwar gelegentlich im Sog akribisch ausgestatteter Effekthascherei vor der Fototapete des baltischen Drehorts, dessen Natur fraglos spektakulär ist. Dazwischen allerdings ist der Co-Produzentin Helen Mirren eine Miniserie mit Fortsetzungspotenzial gelungen, die unterhaltsam zwischen der verspielten Dekadenz von „Gefährliche Liebschaften“ und der brutalen Intriganz von „Game of Thrones“ mäandert. Beide Hauptfiguren beweisen, dass Intelligenz, Humor und Esprit für echte Leidenschaft wichtiger sind als äußerlicher Schein. Und für gelungenes Fernsehen sowieso.

Verfügbar: bei Sky, alle vier Folgen auch über skyticket.de abrufbar