Missbrauchskandal bei Jesuiten Die Unkultur des Wegsehens

Berlin, St. Blasien, Hamburg – der Missbrauchsskandal zieht weite Kreise. Es stehen viele Fragen im Raum, die es zu beantworten gilt.

Im Kloster von St. Blasien ist das Jesuitenkolleg untergebracht, an dem einer der wegen sexuellen Missbrauchs in Verdacht geratenen Patres tätig war. Foto: dpa
Im Kloster von St. Blasien ist das Jesuitenkolleg untergebracht, an dem einer der wegen sexuellen Missbrauchs in Verdacht geratenen Patres tätig war. Foto: dpa
Berlin - Normalität, sagt Jonas. Ein bisschen wenigstens, das wünsche er sich. Er stellt seinen Rucksack in den Schnee vor dem Schultor. Jonas heißt nicht wirklich so, aber er will seinen Namen nicht nennen. Es ist ihm zu peinlich. Denn hier, im Berliner Canisius-Kolleg, ist seit einer Woche nichts mehr so, wie es sein soll. Die feine Eliteschule im Berliner Diplomatenviertel, geführt vom Jesuitenorden, ist nun bundesweit bekannt. Aber in der öffentlichen Wahrnehmung ist aus dem Gymnasium für höhere Töchter und Söhne ein Ort geworden, an dem einmal der Missbrauch zu Hause war. Auch wenn das lange her ist - im Moment fällt es den Schülern nicht leicht, wie früher mit lässigem Stolz zu sagen: "Ich geh ins CK."

Dieser Montag ist der Tag fünf im Skandal um sexuellen Missbrauch durch zwei Jesuitenpatres an der Schule. Alle wissen um die Fakten: Zwei Patres sollen von 1975 bis 1982 systematisch eine große Zahl von Schülern missbraucht haben. Öffentlich wurde das jetzt, weil der Schulleiter einen Brief an alle betroffenen Jahrgänge schrieb, nachdem sieben Opfer sich an ihn gewandt hatten. Seitdem überschlagen sich die Nachrichten.

Seit dem Wochenende ist auch klar, dass dies kein lokal begrenzter Skandal ist. Es ist einer, dem es die Strukturen im Jesuitenorden erlaubt haben, weite, zerstörerische Kreise zu ziehen: Während der eine Pater später auch in Göttingen zum Täter wurde, war der andere ungehindert im vornehmen Kolleg in St. Blasien im Hochschwarzwald und im Hamburger Gymnasium Sankt Ansgar als Lehrer und Missbraucher tätig. Dass auch an diesen beiden Institutionen Schüler zu seinen Opfern geworden sind, dafür spricht ein Geständnis des Mannes selbst.

Sankt Blasien, die Domstadt im tief verschneiten Schwarzwald, sieht derzeit aus wie ein Postkartenidyll. Die 4000 Einwohner haben nun die weniger schönen Neuigkeiten aus Berlin zu verkraften: Den Pater hat der heutige Leiter des Kollegs, Pater Johannes Siebner, persönlich gekannt, als er in den 70er Jahren selbst Canisius-Schüler in Berlin war. "Er war sehr beliebt." Dass der Lehrer dunkle Geheimnisse hatte, war ihm nicht bekannt. Musste der Pater damals aus Berlin nach St. Blasien wechseln, weil ruchbar geworden war, dass er seine Schützlinge sexuell missbraucht hatte? Das ist die Frage, die im Raum steht.

Schüler klagten schon 1981 über die "Sexualpädagogik"


In dem Privatgymnasium wird an diesem Montag eine Schulversammlung abgehalten. Alle seien aufgewühlt, sagt Siebner. Sie wollten Genaueres wissen, auch, ob die Gefahr gebannt sei. "Meine Botschaft ist: Ihr dürft darüber reden", sagt Siebner. "In aller Ernsthaftigkeit", wolle er mit den Kollegen und den Schülern durch dieses "schwierige Terrain" gehen. Denn Übergriffe sind das eine, "man kann sie letzten Endes nie ganz ausschließen", sagt Siebner. "Aber eine Atmosphäre schaffen, wo das nicht verheimlicht wird, aus Scham und dem falschen Gefühl der Mitschuld", das sei möglich.

Die Vertreter des Jesuitenordens, allen voran der Berliner Schulleiter Pater Klaus Mertes, geben sich seit dem vergangenen Donnerstag als brutalstmögliche Aufklärer ihrer eigenen, dunklen Geschichte, die versichern alle Fragen beantworten zu wollen. Als wichtigste Frage kristallisiert sich heraus, wieso die Übergriffe über solch einen langen Zeitraum passieren konnten. Wer hat wann wovon gewusst? Wieso wurde nicht reagiert? Und wurden Schüler an anderen Schulen - wie St. Blasien - zum Opfer, weil die Berliner Schulleitung still und leise ein Problem loswerden wollte? Wer hat wann wen und aus welchen Gründen versetzt? Wenn man von all diesen Dingen schon so lange weiß, wie kann es sein, dass bis heute nicht geklärt ist, wer im Orden was vertuscht hat?

Die Suche nach Antworten ist nicht leicht


Der Jesuitenobere, Pater Provinzial Stefan Dartmann, steht am Montagnachmittag im Veranstaltungsraum Pamplona des Canisius-Kollegs und sucht nach Antworten. Bitter bilanziert er: "Was wir jetzt tun, ist: wir lernen Verantwortung."

Wer die Informationen zusammenträgt, die seit Donnerstag bruchstückweise bekannt werden, der erhält eine Chronologie des Missbrauchs und des Verschweigens, eine Dokumentation des Wegschiebens und Nichtwissenwollens: Mehr als 20 Opfer berichten, wie sie zwischen 1975 und 1982 von zwei Lehrern, Pater R. und Pater S., in Berlin missbraucht wurden. Viele Taten fanden im Freizeitclub der Gemeinschaft Christlichen Lebens statt, deren Leiter R. war. Wolfgang S. war in dieser Zeit Lehrer für Sport, Deutsch und Religion.

Er verließ das Kolleg 1979 und ging an die Schule St. Ansgar in Hamburg. Dort sei er viermal die Woche zur Psychoanalyse gegangen, berichtet Dartmann. Inzwischen haben sich mehrere Missbrauchsopfer aus dieser Zeit gemeldet. 1982 wechselte der Lehrer ans Kolleg in St. Blasien - die Gründe dafür stehen nicht in den Akten. Auch dort missbrauchte er Jugendliche, so Dartmann.

Nach einem Auslandsaufenthalt in Mexiko 1985 bleibt S. in einer Pfarrei in Chile. Es gebe einen klaren Hinweis, dass S. auch dort sowie in Spanien Jugendliche sexuell missbraucht habe, sagt Dartmann. Das Papier, um das es sich dabei handelt, ist ein Fragebogen, den S. ausfüllte, weil er 1991 sein Priesteramt niederlegen wollte. In diesem vertraulichen Schreiben an den Vatikan habe er den Missbrauch dargelegt. Im November 1991 trat S. aus dem Orden aus. Er arbeitet heute in Chile. In dem Papier schreibt S., es sei "eine traurige Tatsache, dass ich jahrelang Kinder und Jugendliche unter pseudopädagogischen Vorwänden missbraucht und misshandelt habe."

Auch Mädchen wurden missbraucht


Pater R. verließ 1981 Berlin. In diesem Jahr schrieben acht Schüler einen Brief an die Diözesanleitung, die Schulleitung, den Orden. Direkt wird darin Missbrauch nicht angesprochen - aber die Schüler klagen über die Sexualpädagogik im Freizeitclub. Kein Mensch reagierte. Aber in den Akten steht als Grund für R.s Weggang sein Konzept bei der Jugendarbeit. R. ging nach Göttingen und machte dort überpfarreiliche Jugendarbeit. 1986 folgte ein heftiger Einschnitt: Auf R. wurde ein Mordanschlag verübt, den er leicht verletzt überlebt - der Täter soll eines seiner Opfer sein. 1988 bis 1989 ging R. zu einem Auslandsaufenthalt - nach Mexiko. Da melden sich Opfer, die er in Göttingen missbraucht hat - diesmal sind es Mädchen.

Der Pater sei zur Rede gestellt worden, sagt Dartmann. Er ließ sich für drei Jahre beurlauben und arbeitete im Bistum Hildesheim. Auch dort beschwerte sich eine Mutter, der Pater habe ihre Tochter sexuell berührt. R. schied 1995 aus dem Orden aus und kam im Bistum Hildesheim unter. "Wir wissen nicht, was dann passierte und das ist so gesehen auch nicht in unserer Verantwortung."

Auch über die Art des Missbrauchs macht Dartmann Angaben: Die Opfer schilderten Übergriffe, keine Vergewaltigungen. Es sei um sexuelle Berührungen gegangen, um Masturbation vor den Augen der Patres, um exzessive körperliche Bestrafung. Es gibt Opfer, die sagen es sei über Masturbation gesprochen worden, dabei hätten sie sich auf den Schoß eines Paters setzen müssen. Andere erzählen, sie hätten sich entkleiden müssen und seien an den Geschlechtsteilen berührt wurden. Einige Opfer berichten, dass es ein Belohnungs- und Erpressungssystem gegeben habe.

"Wie konnte das passieren?"


In den Jahren 2004 und 2005 wenden sich zwei Betroffene an den Rektor des Canisius-Kollegs, Klaus Mertes. Sie bitten um Diskretion. Erst dieser Tage - 19 Jahre nachdem der geständige Pater sich seinem Orden und dem Vatikan offenbart hat - schreibt Mertes, mit Datum vom 20. Januar 2010, seinen Brief an die Ehemaligen.

Er wird deutlich: Er schreibt von einer "Kultur des Wegschauens" in den eigenen Reihen. Dieser Struktur will auch die Berliner Rechtsanwältin Ursula Raue auf die Spur kommen. Sie ist Beauftragte der Jesuiten für die Aufklärung von Missbrauchsfällen. Im aktuellen Fall ist es Raue, die mit den Opfern spricht und auch mit den beiden Tatverdächtigen. Diese Woche will sie im Archiv der Jesuiten in München Antworten finden. "Es geht darum", sagt Ursula Raue, "dass wir herausfinden, welche Strukturen das Wegsehen so lange ermöglicht haben."

Aber wenn die Analyse abgeschlossen ist, was passiert dann? Strafrechtlich sind die Taten vermutlich verjährt, ob Verantwortliche Konsequenzen spüren werden, ist fraglich. Und die Opfer? "Die haben unterschiedliche Bedürfnisse", sagt Ursula Raue. "Manche können nun, da sie ihr Schweigen brechen konnten, mit der Geschichte abschließen. Andere wünschen sich ein Gespräch mit den Tätern. Wieder andere eine Entschuldigung." Alle wünschen sich, dass keinem Kind mehr so etwas passieren kann, ohne dass dies Konsequenzen hat.

Nottelefone der katholischen Kirche


In der katholischen Kirche glaubt man, dass dafür Vorkehrungen getroffen worden sind. "Man hat gelernt", sagt Annegret Laakmann von der Reformbewegung "Wir sind Kirche". Ihre Gruppe hat bereits 2002, als der Missbrauchsskandal in den amerikanischen Bistümern Wellen schlug, ein Nottelefon eingerichtet. Dort können sich Betroffene melden, die Opfer von Priestern geworden sind. Anfänglich gab es rund 100 Kontaktaufnahmen im Jahr. Heute aber bleibt das Telefon oft still. "In der Regel betreuen wir nur noch Altfälle", berichtet Laakmann. Die Bistümer haben mittlerweile Leitlinien für den Umgang mit sexuellem Missbrauch verabschiedet. Laakmann bezweifelt, dass es einen Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch gibt, den Kritiker oft herstellen.

"Wie will man dann erklären, dass sich vor allem Väter, Brüder, Onkel an ihren Schutzbefohlenen vergreifen?", sagt sie. Tatsächlich geschehen 90 Prozent der Übergriffe im familiären Umfeld. Nach Zahlen aus den USA haben zwei Prozent der Geistlichen pädophile Neigungen. "Der Prozentsatz liegt bei Lehrern oder anderen Berufsgruppen, die im Kontakt mit Jugendlichen sind, vermutlich höher", sagt ein Experte.