Murrhardts Alleinstellungsmerkmal Der lange Weg zur neuen Pilgerstaffel

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Der Murrhardter Rolf Schweizer setzt sich seit Jahrzehnten für den Wiederaufbau der Pilgerstaffel ein, er ist fast am Ziel. Als Bub hat er einst von den Stufen der alten Staffel aus in Richtung Himmel geschaut – nicht aus religiösen Gründen.

Rolf Schweizer vor der neuen  Pilgerstaffel, die voraussichtlich im November eröffnet werden soll. Foto: Gottfried Stoppel
Rolf Schweizer vor der neuen Pilgerstaffel, die voraussichtlich im November eröffnet werden soll. Foto: Gottfried Stoppel

Murrhardt - Rolf Schweizer ist alt geworden und nicht mehr so gut zu Fuß. Der 87-jährige Mann, der das private Carl-Schweizer-Museum in Murrhardt leitet, ist aber zuversichtlich, dass er die neue Pilgerstaffel demnächst noch ohne die Hilfe eines Rollators erklimmen kann. Sagt’s und lacht. Im November soll das Bauwerk fertiggestellt und feierlich eingeweiht werden. Dabei sieht die Staffel für den Laien aus, als ob sie schon in den nächsten Tagen eröffnet werden könnte.

Die neue Staffel führt hinauf zur altehrwürdigen Walterichskirche. Der Heimatkundler und ehemalige Stadtrat kennt die Murrhardter Lokalhistorie wie kaum ein zweiter. Rolf Schweizer ist in Murrhardt groß geworden, und er erinnert sich noch an die alte Pilgerstaffel, die Ende der 1940er-Jahre wegen Baufälligkeit abgebrochen worden ist. Anno dazumal, erzählt er, seien insbesondere zur Osterzeit (aber auch an vielen anderen Tagen) mitunter tausende Pilger und Büßer nach Murrhardt gekommen. Manche fromme Seele sei sogar auf den Knien die Treppe hinauf gerutscht. Gut 900 Jahre lang habe die alte Pilgerstaffel eine ganz wichtige Funktion in der Stadt gehabt. Die Staffel habe symbolisch in den Himmel geführt. Der Künstler Reinhold Nägele hat das bildlich dargestellt: Auf einem seiner Werke stehen links und rechts der Treppe Engel Spalier.

Das imposante Luftschiff Hindenburg über Murrhardt

Als Rolf Schweizer ein kleiner Bub war, Ende der 1930er-Jahre, hat er auf den damals schon maroden Pilgerstufen gesessen und ehrfürchtig in Richtung Himmel geschaut – allerdings nicht wegen der Gottesboten. Über der Stadt schwebte das imposante Luftschiff Hindenburg. Schweizer erzählt an diesem grauen, regnerischen Sommertag, dass die Gläubigen noch bis in die 1960er-Jahre am Karfreitag aus nah und fern über die Staffel zur Kirche gepilgert seien – auf den Spuren des legendären Abts Walterich, dem Namensgeber der Kirche. Murrhardt, sagt er, sei über viele Jahrhunderte hinweg Pilgerstätte für alle Gläubigen gewesen, für katholische und für evangelische, für alle, „die es nicht bis nach Rom schafften“.

Die Stadt sei einst „eine Art evangelisches Lourdes“ gewesen. Das Treiben der Besucher der Stadt Murrhardt, die glaubten, ihr Heiliger könne in der Not helfen, sei vielerorts im Land mit Verwunderung zur Kenntnis genommen worden. Die Pilgerstaffel habe sogar die kirchenfeindliche NS-Zeit überlebt. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg indes wurde der Abbruch verfügt. Die alten Stufen wurden verwendet, um die marode Kirchenmauer zu flicken.

Rund 20 Jahre nach dem Abbruch hätten zwei ältere Bürgerinnen verfügt, dass ihr Nachlass zum Wiederaufbau der Pilgerstaffel verwendet werden soll, so Schweizer. Doch die Zeit sei damals wohl noch nicht reif gewesen. Am Pfingstmontag 1998 dann das Déjà-vu: damals sei wieder „eine namhafte Summe“ gespendet worden. Seither hat Rolf Schweizer mit Akribie weiter Geld gesammelt. Zusammengekommen sind rund 96 000 Euro.

Wiederaufbau kostet fast 300 000 Euro

Der Wiederaufbau kostet indes fast 300 000 Euro. Bürgermeister Armin Mößner sagt, die Bürgerstiftung beteilige sich an dem Projekt mit 50 000 Euro. Ferner fließen über die sogenannte Leader-Förderung fast 150 000 Euro. Das ist viel Geld für ein Projekt, das sicherlich nicht unbedingt benötigt wird. Der Schultes spricht mit Blick auf die Staffel von „einer neuen Sehenswürdigkeit“ für die Stadt, für die Bürger wie für die Besucher. Schwäbisch Hall, sagt Mößner und grinst, habe eine Freitreppe, und Murrhardt demnächst wieder eine fast ebenso imposante Pilgerstaffel, auf der kleinere Musikaufführungen und andere Veranstaltungen stattfinden könnten.

Rolf Schweizer steht am Fuße der Staffel, blickt hinauf zur Walterichskirche und sagt: „So toll habe ich es mir nicht vorgestellt. Wir haben ein Alleinstellungsmerkmal.“ Eins, das es ohne sein Zutun sicherlich nicht geben würde.




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