Nach dem Coup bei Borussia Dortmund Darum beendete der 1. FC Köln seine schwarzen Serien

Die Freude des Doppeltorschützen: Ellyes Skhiri (rechts)  bejubelt eines seiner Tore beim BVB Foto: dpa/Martin Meissner
Die Freude des Doppeltorschützen: Ellyes Skhiri (rechts) bejubelt eines seiner Tore beim BVB Foto: dpa/Martin Meissner

Der 1. FC Köln gewinnt erstmals seit mehr als 29 Jahren wieder bei Borussia Dortmund – und erstmals nach 18 sieglosen Partien ein Bundesligaspiel. Warum ist das so?

Sport: Marco Seliger (sem)

Stuttgart/Dortmund - Wenn jahrzehntelange Serien reißen, schlägt die Stunde der lustigen Zeitgenossen, die dann herausfinden, wie die Lage damals war, als es ein Ereignis zum bisher letzten Mal gab. Der 1. FC Köln hat am Samstagmittag bei Borussia Dortmund gewonnen und durchbrach damit, genau, eine lange Serie. Denn den bisher letzten Auswärtssieg des FC beim BVB hatte es am 13. April 1991 geben. Und damals, so lernten es nun nach dem frischen Kölner 2:1-Auswärtssieg alle Hobbyhistoriker, wenn sie im Netz oder vor dem Fernsehbildschirm Lust darauf hatten, war der 1. FC Kaiserslautern auf dem Weg zur Meisterschaft und die SG Wattenscheid 09 auf selbigem zum späteren Klassenverbleib (beide in der Bundesliga!). Und auch die politisch besonders bewanderten Freunde der runden Kugel, die damals noch aus Leder war, bekamen eine kostenlose Fortbildung: Helmut Kohl war damals Bundeskanzler.

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Kein Politikum beim FC war damals im April 1991 die Auswechslung von Horst Heldt. Der heutige Kölner Sportvorstand verließ den Platz in Minute 72, ohne zu murren. Michael Zorc, heute BVB-Sportvorstand, spielte dagegen durch und konnte die Dortmunder 1:2-Niederlage nicht verhindern. Ebenso wenig wie der legendäre Teddy de Beer im Tor sowie die anerkannten und nicht weniger legendären Wadenbeißer Michael Schulz und Günter Kutowski in der Abwehr, die den Kölner Offensivstrategen Heldt und Pierre Littbarski damals womöglich tatsächlich bis auf die sprichwörtliche Toilette gefolgt sind. Man weiß es nicht.

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Horst Heldt weiß es auch nicht mehr. Er sollte nun vor und nach der Partie am Samstag als Zeitzeuge des Tages vor den Mikrofonen wieder und wieder die Geschichten von damals aus dem April 1991 erzählen. Heldt aber sagte den armen Reportern immer das Gleiche: Er könne sich an das Spiel nicht mehr erinnern.

Wie gut aus Kölner und aus Reportersicht, dass der jüngste Auftritt in Dortmund nun genügend Stoff für schöne neue Geschichten bot. Da war zum einen die quälende jüngere Kölner Vergangenheit, an die sich Heldt zuletzt allein qua seines Amts täglich oder wohl eher stündlich erinnerte – und die nun ein Ende nahm. Denn nach saisonübergreifend 18 sieglosen Bundesligaspielen gewann der FC jetzt erstmals wieder. Und dass er das in Dortmund tat, überraschte auch den BVB-Sportvorstand Zorc, der hinterher – womöglich auch deshalb, um von den vielen Dortmunder Unzulänglichkeiten abzulenken – Komplimente an die Kölner verteilte: „Sie haben sich das ja nicht ermauert, sie haben sehr gut gespielt“, sagte Zorc. „Wenn ich die so sehe, kann ich nicht verstehen, dass sie 18 Spiele hintereinander nicht gewonnen haben. Das war eine erstklassige Leistung.“

Erleichterung pur

Dem wollte der Kölner Trainer Markus Gisdol nicht widersprechen. Denn entgegen aller Prognosen ging sein Team beim großen Favoriten nicht unter, sondern sorgte für den Befreiungsschlag. Hinterher schien der Coach noch gefangen zu sein in seinen Emotionen, als er davon sprach, dass das Spiel „eine Schlacht“ gewesen sei. Gisdol ergänzte, dass sein Team eine „abartige Laufleistung“ absolviert habe und Dinge leisten könne, „die man ihr nicht zugetraut hat“.

Gisdol war erleichtert. Er wusste, dass ihm vorerst weitere Schlagzeilen über einen drohenden Rauswurf erspart bleiben dürften. „Diese Serie, die unendlich schien, ist endlich vorbei“, sagte er und schüttelte, offenbar noch immer ungläubig, den Kopf.

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Nach dem Schlusspfiff schon schien aller Druck von Gisdol abgefallen zu sein. Erleichtert brüllte der Trainer seine Freude heraus – ebenso wie seine Spieler, die auch während der Partie laut waren. Endlich, wie es die Kölner hinterher betonten. Denn eines der Hauptprobleme war ja die Stille auf dem Platz. Kaum einer gab Kommandos, kaum einer unterstützte den Kollegen. Das ging so weit, dass der verletzte Kapitän Jonas Hector beim vergangenen Heimspiel gegen Union Berlin in der Pause zum Team sprach und sagte, dass ihm das alles viel zu leise sei.

Schwere Gegner

Auch Trainer Gisdol thematisierte das vor der Partie in Dortmund – offenbar mit Erfolg. Die Kölner unterstützten sich lautstark, was dem Keeper Timo Horn gefiel. „Wie die Jungs sich reingehängt haben, das war sensationell“, sagte er. Zum Schluss gab sich auch Gisdol am Samstag nochmals pathetisch. Der Mann, über den nicht nur der berüchtigte Kölner Boulevard vor der Partie geschrieben hatte, dass er bei einer hohen Niederlage entlassen werden würde, sagte, dass „wir trotz des Drecksvirus nicht verflucht sind und Spiele gewinnen können“.

Das kann mit Blick auf das Programm bis Weihnachten nur von Vorteil sein: In den kommenden Wochen warten unter anderem der VfL Wolfsburg und Bayer Leverkusen als Gegner auf den FC. Und es wartet RB Leipzig – ein Club also, über den damals, im April 1991, noch nicht nachgedacht wurde.




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