Nach dem missglückten Warntag Die Sirene soll wieder heulen

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Hersteller der Geräte erleben eine ungeahnte Nachfrage. Doch flächendeckend wird das Warnsystem wohl nicht mehr eingesetzt. Das Land bietet nun den Gemeinden an, die Anlagen zentral anzusteuern.

Der bundesweite Warntag ist im September zwar missglückt, doch in den  Kommunen steht der Bevölkerungsschutz seither wieder stärker im Fokus – hier eine Sirenenanlage. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd
Der bundesweite Warntag ist im September zwar missglückt, doch in den Kommunen steht der Bevölkerungsschutz seither wieder stärker im Fokus – hier eine Sirenenanlage. Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

Stuttgart - Der Lärm um den bundesweiten Warntag vom 10. September, als der geplante Probealarm spektakulär misslang, hallt noch nach. Bund, Länder und Gemeinden versuchen gerade, Lehren aus dem Fiasko zu ziehen, weil weder die WarnApps wie „Nina“ und „Katwarn“ noch andere Instrumente ihren Auftrag pünktlich erfüllt haben. Weil die Gefahrenabwehr letztlich in der Verantwortung der Kommunen liegt, dort aber eine gewisse Ernüchterung über die digitalen Warnmethoden eingekehrt ist, erlebt zurzeit eine Totgesagte ihre Wiedergeburt: die Sirene.

„Wir hatten noch nie so viele Aufträge wie jetzt und kommen nicht mal dazu, alle Angebote zu schreiben“, sagt Sebastian Fischer, Inhaber der Firma Sirenenbau Fischer im bayerischen Freudenberg. Zwei bis drei Tage nach dem Warntag habe der Boom angefangen, denn plötzlich hätten viele Gemeinden festgestellt, dass sie ihren Auftrag zur Warnung der Bevölkerung im Ernstfall nicht erfüllen können. „Da sind einige Räte ins Nachdenken gekommen“, sagt Fischer. Andere Hersteller berichten Ähnliches: „Der bundesweite Warntag hat das Thema verstärkt in das öffentliche Interesse gerückt, somit erwarten wir in den nächsten Jahren, dass bestehende Systeme modernisiert und erneuert werden“, sagt Matthias Müllner, Geschäftsführer der Hörmann Warnsysteme in Kirchseeon. Er rechnet auch damit, dass neue Sirenen gekauft werden.

Heidelberg rüstet auf

In Heidelberg zum Beispiel hat der Gemeinderat Anfang Oktober den Wiederaufbau des Sirenennetzes an 25 Standorten beschlossen. Kosten: 410 000 Euro. Dies sei ein „effektives Medium zur Alarmierung der Bevölkerung bei größeren Schadenslagen wie Umweltkatastrophen oder terroristischen Anschlägen“, lautet die Begründung. Deshalb wolle man die Sirene „ergänzend zu den empfohlenen elektronischen Medien“ anschaffen. Den Trend gibt es bundesweit. Ob in Böblingen, Mainz oder Wuppertal – die nach dem Kalten Krieg verschrotteten Heuler (es gab einmal rund 100 000 davon) sind wieder gefragt. Ein flächendeckendes Netz wie vor Jahrzehnten wird allerdings nicht mehr entstehen – zumindest nicht in Baden-Württemberg. Die eine oder andere Kommune rüste zwar nach, heißt es beim Städte- und beim Gemeindetag, doch zunächst müsse der Bund nacharbeiten. Zurück ins analoge Zeitalter will also niemand – zumal die meisten Feuerwehren längst über Funk und nicht mehr über Sirenen alarmiert werden.

„Die Anschaffung von Sirenen ist eine Risikoabwägung“, sagt Hermann Schröder, Leiter der Abteilung Bevölkerungsschutz und Krisenmanagement im Stuttgarter Innenministerium. „Wir sagen nicht: Baut überall Sirenen auf! Jede Gemeinde muss selbst entscheiden, ob sie diese benötigt“, empfiehlt der oberste Katastrophenschützer im Land. Warum auch sollte eine kleine Wohn-Kommune auf der Schwäbischen Alb fernab von Autobahn und Gefahrgutbetrieb das Geld dafür ausgeben? Dort, wo schnell und intensiv gewarnt werden muss, können Sirenen helfen. Im Umkreis von Kernkraftwerken beispielweisen. Der klassische Heulton habe ohnehin nur eine Weckfunktion, sagt Schröder: „Die Sirene teilt mir nur mit: Informiere dich, schalte Radio, Fernsehen oder Internet ein.“ Hinzu kommt: In Zeiten von Lärmschutzfenstern wird sie längst nicht mehr überall gehört.

Warnen bald Straßenlaternen?

Baden-Württemberg setzt jedenfalls weiterhin auf einen Mix von Instrumenten – und zwar rund um das sogenannte Modulare Warnsystem (MoWaS). Dies ist ein vom Bund entwickeltes und auf Satelliten gestütztes technisches System, das allen Lagezentren der Länder und vielen Integrierten Leitstellen zur Verfügung steht. Warn-Apps wie Nina sind ebenso angeschlossen wie der private und öffentlich-rechtliche Rundfunk. Hätten nicht beim bundesweiten Warntag alle angeschlossenen Katastrophenschützer gleichzeitig auf den Alarmknopf gedrückt, hätte MoWaS nach Schröders Überzeugung auch brav seinen Dienst versehen – anstatt unter der Überlastung in die Knie zu gehen. Auch die Warn-Apps zieht er keinesfalls in Zweifel: „Nina funktioniert gut“, sagt er, „fast jeden zweiten Tag geht eine Warnmeldung raus. Der Vorteil von Nina ist, dass sie sowohl über einen Weckeffekt verfügt als auch die notwendigen Informationen und Handlungsempfehlungen liefert.“

Die Gefahrenwarnung der baden-württembergischen Bevölkerung wird also auch künftig auf MoWaS basieren. Und die Sirenen? Die könnten Teil des multimedialen Warnnetzes werden. Schröder: „Bund und Länder wollen die Sirenen künftig auch über MoWaS zentral ansteuern.“ Während bisher im Notfall noch der Feuerwehrkommandant auf den Knopf drückt, könnten die Sirenen an MoVaS angeschlossen werden. Und nicht nur das: Auch die digitalen Stadtinformationstafeln lassen sich einbinden. Nicht zuletzt haben sich auch die guten alten Sirenen weiterentwickelt. „Die neuen Geräte heulen nicht nur, sie können auch sprechen und Nachrichten weitergeben“, erklärt Fischer. Immer vorausgesetzt, MoWaS funktioniert.

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