Nach dem verheerenden Brand Keine Experimente am Dach von Notre-Dame

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Fast 15 Monate nach dem verheerenden Brand in der Pariser Kathedrale hat nun auch Präsident Macron einem Wiederaufbau des eingestürzten Spitzturms im historischen Stil zugestimmt

Seit über einem Jahr wird an Notre-Dame gearbeitet. Nun steht fest: die Kirche wird in Zukunft so aussehen wie vor dem Brand im April 2019. Foto: AP/Thibault Camus
Seit über einem Jahr wird an Notre-Dame gearbeitet. Nun steht fest: die Kirche wird in Zukunft so aussehen wie vor dem Brand im April 2019. Foto: AP/Thibault Camus

Paris - An grandiosen Ideen herrschte kein Mangel. Eine gigantische Flamme sollte aus Notre-Dame hoch in den Himmel über Paris steigen, schlug ein Architekt vor. Ein Kollege präsentierte einen Turm aus Kristallglas oder Titan, ein anderer wollte in schwindelnder Höhe über der Île-de-la-Cité einen ganzen Eichenwald wachsen lassen. Schon wenige Tage nach dem Brand in der Kathedrale im April 2019 fand eine Art inoffizieller Ideen-Wettlauf statt, angefacht vom Präsidenten Emmanuel Macron. Er wollte, dass nach dieser nationalen Katastrophe etwas Neues, Zukunftsweisendes aus der Asche entstehen solle.

Ein Fest für Architekten und Fotoshop-Künstler

Für die Architekten dieser Welt war das Ansporn genug, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. Also schwirrten die wildesten Vorschläge durch das Internet, wie das zerstörte Dach der mehr als 850 Jahre alte gotische Kathedrale gestaltet werden sollte. Nun ist knapp über ein Jahr vergangen und die hochtrabenden Ideen sind an der harten Realität zerschellt.

Eine Kommission, die sich mit dem Aufbau befasst, war in diesen Tagen zu einem Treffen ins Kulturministerium nach Paris gerufen worden. Dort mussten die Verantwortlichen von Notre-Dame ihre Sicht der Dinge darlegen: soll der Dachstuhl aus Holz sein, aus Stahl oder aus Beton? Welche Rolle spielt der Brandschutz? Bekommt die Kathedrale wieder ihr ursprüngliches Dach aus Blei? Wie getreu wird man sich an der Form orientieren, die in Flammen aufgegangen ist.

Der Chef-Architekt ist gegen Experimente

Ein sehr gewichtiges Wort bei der Suche nach einer Lösung hat natürlich der Chef-Architekt Philippe Villeneuve. Er hat der Kommission in Paris ein Exposé von über 3000 Seiten übergeben und darin verschiedene Machbarkeitsstudien präsentiert. Villeneuve hat aber auch nie mit seiner Meinung hinter dem Berg gehalten, dass er es für die beste Lösung hält, das Dach in der letzten bekannten Form mit dem markanten, über 90 Meter hohen Turm aufzubauen. Das heißt, in der Art des legendären Architekten Eugène Viollet-le-Duc, der im 19. Jahrhundert das heutige Aussehen von Notre-Dame mit seinen Umbauarbeiten prägte. Auch aus dem französischen Kulturministerium ist zu vernehmen, dass der Wiederaufbau des eingestürzten Spitzturms im historischen Stil eine sehr gute Lösung wäre. Dafür gebe es einen „breiten Konsens“, sagte die neue Kulturministerin Roselyne Bachelot dem Radiosender France Inter.

Bereits Ende Juni hatten sich rund ein Dutzend hochgestellte Wissenschaftler und Historiker für eine konservative Lösung starkgemacht. In einem offenen Brief haben sie sich dahingehende geäußert, dass Paris seine in der ganzen Welt bekannte ikonische Silhouette mit der Kathedrale von Notre-Dame nicht verlieren dürfe. Veröffentlicht in der Tageszeitung „Le Figaro“, wurden danach mehrere Umfragen unter der Bevölkerung durchgeführt, die deutlich machen, dass auch die Mehrheit der Franzosen „ihre Kathedrale“ nicht verlieren möchten.

Der Einfluss der Geldgeber ist groß

Natürlich haben auch die großen Geldgeber einen nicht geringen Einfluss auf den Lauf der Dinge. Sie steuern einen wesentlichen Teil der Summe von rund einer Milliarde Euro bei, die nach dem Brand in nur wenigen Wochen für den Wiederaufbau gespendet wurde. „Das Hause Pinault kann sich nicht dazu äußern, in welcher Weise das Monument restauriert wird, das ist nicht seine Rolle“, bemerkte Jean-Jacques Aillagon, Berater des Multi-Milliardärs François Pinault. Dann fügte er allerdings vielsagen hinzu, die Arbeiten an Notre-Dame sollten die Menschen einen und nicht spalten, vor allem da es sich um ein Wahrzeichen von nationaler Größe handle. Die Entscheidung für eine eher traditionelle Lösung scheint also gefallen, zumal mit den ersten Arbeiten bald begonnen werden soll und die Zeit für einen groß angelegten, internationalen Architektenwettbewerb damit reichlich knapp wäre.

Präsident Macron macht einen Rückzieher

Als letzte und entscheidende Instanz hat sich nun auch Präsident Emmanuel Macron noch einmal zu Wort gemeldet. Der Präsident war es, der noch in der Brandnacht, als die Flammen aus dem Dachstuhl in den Nachthimmel über Paris schlugen, der entsetzten Welt eine „viel schönere Kathedrale als zuvor“ versprach – und durchblicken ließ, dass für ihn „schöner“ auch „moderner“ heißt. Spötter unkten nach dieser Ankündigung, er wolle sich damit vor allem selbst eine Art Denkmal setzten. Nach der Sitzung der Notre-Dame-Kommission ließ er am späten Donnerstag allerdings verkünden, dass er seine Idee eines internationalen Architektenwettbewerbes fallenlasse. Er wolle den „Fortgang der Arbeiten nicht verzögern“, zudem sehe auch er, dass sich bereits ein Kompromiss abzeichne. Grund für diesen Meinungswandel ist auch die Tatsache, dass der Staatschef mit seiner ursprünglichen Idee einer modernen Dach-Variante plötzlich in den eigenen Reihen alleine dastand. Alle eifrigen Verfechter einer kühnen Lösung in Sachen Notre-Dame sind in diesen Tagen bei der Regierungsumbildung vom Präsidenten ausgetauscht worden. Macron hat sich in diesem Fall selbst ein Bein gestellt.




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