Nach der Bluttat von Orlando Was, wenn es ganz anders gewesen ist?

Von , Orlando 

Was aber, wenn es ganz anders gewesen ist? Was, wenn der Attentäter gar kein vom Hass auf Schwule und Lesben getriebener Mensch mit islamistischen Neigungen gewesen ist? Was ist, wenn stimmt, was Carl Clay von Freunden gehört hat? Clay sitzt am Montagmittag auf einem Stuhl im „Center“, einer Anlaufstelle für Schwule und Lesben an der Mills Avenue in Orlando. Der 43 Jahre alte Mann hat sich als Freiwilliger gemeldet, um den Angehörigen und Freunden der Opfer aus dem „Pulse“ Rat und Trost zu geben. Die Hilfsbereitschaft ist enorm. Ständig werden neue Lieferungen an Wasser und Snacks in das Gebäude getragen. Aus Chicago sind am Morgen sogar zwölf Hunde eingeflogen worden. Wer mag, kann die Golden Retriever streicheln und Ruhe finden. Clay beugt sich nun weit über den Tisch und sagt, Omar Mateen sei sich womöglich seiner eigenen sexuellen Identität nicht sicher gewesen. Das zumindest schließe er aus Erzählungen von Freunden, sagt Clay, die den späteren Attentäter vor einiger Zeit im „Pulse“ gesehen haben wollen. „Ist aber nur Hörensagen“, sagt Clay, „wirklich nur Hörensagen.“

Auf der Suche nach dem Motiv für das Massaker verfolgt die Bundespolizei FBI alle erdenklichen Ermittlungsstränge. Eine direkte Verbindung des Attentäters zum„Islamischen Staat“ haben die Behörden bislang nicht gefunden. Der Schütze habe sich sogar, sagt FBI-Chef James Comey, zu mehreren islamistischen Organisationen bekannt, die miteinander verfeindet sind. Ein vom IS direkt gesteuerter Attentäter würde das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht machen.

Mateen war mehrfach im Club „Pulse“

Mehrere Medienberichte erweitern am Dienstag die Palette möglicher Motive. Im „Orlando Sentinel“ sagt ein Augenzeuge des Massakers, er habe den Schützen mindestens ein Dutzend Mal im „Pulse“ gesehen. Ein anderer Mann erklärt, Mateen sei in den vergangenen drei Jahre regelmäßig in dem Club aufgetaucht. Andere Zeugen geben an, mit Mateen Kontakt über eine Dating-App gehabt zu haben. In der „Palm Beach Post“ sagt ein früherer Mitschüler des Schützen, Mateen habe ihn einmal um ein Date gebeten.

Es lässt sich noch nicht sagen, welchen Wahrheitsgehalt diese Aussagen haben. Sie tragen allerdings zur Schwierigkeit bei, das wahre Motiv zu finden. Vielleicht hat der Vater des Attentäters sogar recht, wenn er sagt, sein Sohn sei nicht von islamistischen Motiven getrieben worden. Vielmehr habe er Schwule nicht gemocht. Sein Sohn habe sich entrüstet gezeigt, als er einmal in Miami gewesen sei und gesehen habe, wie sich zwei Männer auf offener Straße küssten. „Er sagte: Schau Dir das an, die machen das vor meinem Sohn.“

Und wieder debattiert Amerika über die Waffengesetze

Vielleicht mochte Mateen Schwule nicht, weil er selbst homosexuelle Neigungen hatte und sie sich nicht eingestehen wollte? Wenn das stimmt, dann hätte vor allem Donald Trump Unrecht gehabt. Der Präsidentschaftsbewerber der US-Republikaner steht am Montag an einem Rednerpult in einer Universität im Neuengland-Staat New Hampshire und weiß schon mehr als alle anderen zusammen, die an der Aufarbeitung der Tragödie von Orlando beteiligt sind. Der Attentäter sei ein Afghane, sagt Trump und erwähnt nicht, dass der 29 Jahre alte Mann ein US-Staatsbürger ist, weil er in New York zur Welt kam, Sohn afghanischer Einwanderer, die wiederum vor mehr als drei Jahrzehnten in die USA gezogen sind. Trump zeichnet in seiner Rede ein Bild von einem Land, das von Tausenden islamistischen Terroristen bedroht ist, die nur darauf warten, in die USA reisen zu können, um dort Anschläge zu verüben.

Auf der Wiese in Orlando verlangen die trauernden Demonstranten etwas scheinbar Einfaches: die Verschärfung der laxen Waffengesetze. Dazu wird es aber aller Voraussicht nach nicht kommen. Nach jeder Massenschießerei kommt diese Debatte in den USA auf – und erstirbt meist schnell wieder. Bald sind Wahlen und Kandidaten wie Trump haben eine einfache Lösung für das Gewaltproblem: Wer in die Kneipe gehe, solle sich doch bewaffnen.




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