Nachwuchssorgen im Wintersport Es gibt Talente auf Skiern – nur nicht genug

Emma Aicher ist erst 17 Jahre alt – und hat schon eine WM-Bronzemedaille eingefahren. Foto: imago//Thomas Bachun
Emma Aicher ist erst 17 Jahre alt – und hat schon eine WM-Bronzemedaille eingefahren. Foto: imago//Thomas Bachun

Zu wenig Schnee, zu hoher Aufwand, zu große Konkurrenz durch Computerspiele: Die Gründe, warum es im alpinen und nordischen Skisport sowie im Biathlon an leistungswilligen Nachwuchsathleten fehlt, sind vielschichtig. Nun wird nach dem Gegenmittel gesucht.

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Stuttgart - Die WM-Trilogie ist rum. Mit höchst unterschiedlichen Erfolgen – und einer Erkenntnis: die überraschend starken alpinen Skisportler, die ihre Weltmeisterschaft in Cortina d’Ampezzo versilbert haben (0 Gold/3 Silber/1 Bronze), die enttäuschten Biathleten (0/2/0 in Pokljuka) und den nordischen Bereich (2/2/2 bei der Heim-WM in Oberstdorf) verbindet die Sorge um den Nachwuchs. Ein Überblick.

Ski alpin

Eines der größten Talente heißt Emma Aicher, ist 17 Jahre alt – und schon medaillenreif. Die Tochter einer Schwedin und eines Deutschen aus Mahlstetten (bei Tuttlingen) gehörte in Cortina zum DSV-Quartett, das im Teamwettbewerb Bronze holte. Es war einer von vier unerwarteten Erfolgen bei der WM, und trotzdem (oder vielleicht auch gerade deshalb) gibt es derzeit eine interessante Diskussion.

Wolfgang Maier, der Alpinchef im Deutschen Ski-Verband, nutzt jede Gelegenheit, vor der drohenden Talfahrt zu warnen. Weil Deutschland zwar zwölf Millionen Skifahrer habe, aber viel zu wenige Leistungssportler. Und dies nicht so leicht zu ändern sei. Im Gegenteil. Maier klagt, dass es kaum noch Rennen oder Trainingsmöglichkeiten auf Naturschnee gebe, die Finanzen deshalb immer wichtiger würden: „Viele Kinder kommen aus dem städtischen Bereich, unser Sport hat einen gewissen elitären Charakter erhalten.“ Maier erklärt, dass heute fünf Einheiten wöchentlich nötig seien, um es nach ganz oben zu schaffen – ein Pensum, das viele nicht leisten wollen, die Zahlen im Nachwuchs hätten sich halbiert. Und Maier schimpft auf die Politik, die in der Corona-Pandemie die Lifte schloss: „Man hat uns die Kinder komplett aus dem Skisport genommen, während in ganz Europa intelligentere Lösungen angestrebt wurden. Ich habe die Sorge, dass die Kinder den Bewegungstrieb verlieren, denn es ist einfacher und bequemer, an der Konsole Fifa 20 zu spielen.“ Das sind Ansichten, die Skilegende Markus Wasmeier teilt. Zugleich nimmt der Doppel-Olympiasieger von 1994 aber auch den Verband in die Pflicht – weil dieser sich nicht mit genug Engagement und Empathie um die Talente kümmere. „Es wird immer nur kritisiert und angegriffen, so bekommen die Athleten kein Vertrauen zu ihren Trainern“, sagte Wasmeier gegenüber Sport 1, „in allen anderen Sportarten wird auf Motivation gesetzt, aber wenn bei den Alpinen etwas nicht funktioniert, bist du als Athlet sofort weg. Da wird nicht professionell genug gearbeitet, es fehlt das Menschliche und das Psychische, um die Leute zu halten.“

Biathlon

Dass die Skijäger ein Nachwuchsproblem haben, ist nicht neu – dieser Winter aber hat die Misere verdeutlicht. Die Frauen haben nach acht von zehn Weltcup-Stationen sowie der WM keinen Sieg auf dem Konto. Viermal stand eine Deutsche nach Einzelrennen auf dem Podium, zweimal Franziska Preuß, die in wenigen Tagen 27 Jahre alt wird, und zwei Mal Denise Herrmann (32). Dazu kommt Staffel-Silber bei der WM. In Nove Mesto feierte Vanessa Voigt zuletzt ihr Weltcup-Debüt. Sie zählt zwar im zweitklassigen IBU-Cup zu den Top Ten, doch in Tschechien erreichte die 23-Jährige im Sprint nur den ernüchternden 64. Platz. Bei den Männern ist die Situation noch dramatischer. In der Bilanz stehen fünf Weltcup-Podestplätze sowie WM-Silber. Mit Ausnahme des Einzels zum Saisonauftakt, als Erik Lesser Rang drei belegte, durfte indes nur Arnd Peiffer zu Siegerehrungen. Er ist mit 33 Jahren der Oldie im Team – und es ist keiner unter 25 in Sicht, der an die Tür zum Weltcup klopfen würde. „Natürlich würde man sich freuen, auch mal einen Jungen zu haben, der durchstarten kann. Aber den gibt es nicht“, sagt Bundestrainer Mark Kirchner.

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Die nötigen Veränderungen wurden bereits eingeleitet. „Es ist klar, dass wir spätestens 2023, eventuell auch schon 2022, einen Umbruch haben werden“, erklärt Bernd Eisenbichler, der Sportdirektor Biathlon, „denn derzeit haben wir sehr viele erfahrene Athleten im System.“ Deshalb wurde Zibi Szlufcik als Nachwuchschef geholt, Engelbert Sklorz ist als Schießtrainer der Spitzenathleten auch bei jedem Nachwuchslehrgang dabei. Dazu wurde der Perspektivkader verjüngt, im IBU-Cup sollen vermehrt 20- bis 24-Jährige eingesetzt werden, um sie früh an die internationale Konkurrenz heranzuführen. Neben Ski- und Schießtechnik werden Themen wie Ernährung, Psyche und Athletik stärker berücksichtigt. „Die Schritte greifen nicht innerhalb eines Jahres“, sagt Eisenbichler, „aber ich glaube, wir sind auf dem Weg, es besser zu machen.“

Ski nordisch

Langläufer Friedrich Moch (20), Skispringer Constantin Schmid (21) und Kombiniererin Jenny Nowak (18) zählten in Oberstdorf zum WM-Team. Alle haben schon Medaillen bei Junioren-Weltmeisterschaften geholt, alle gelten als große Talente. Und gehören damit zu einer seltenen Spezies. „Die Auswahl wird immer dünner und dünner“, sagt der frühere Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle, „wir werden in Deutschland in allen Ausdauersportarten Probleme bekommen. Es gibt, auch aufgrund der schulischen Belastung mit dem vielen Nachmittagsunterricht, nicht mehr genügend Jugendliche, die diese trainingsintensiven Fleiß-Disziplinen ausüben wollen.“ Die Folge? „Wir sind schon in jungen Jahren zu weit weg von der Weltspitze“, meint Hermann Weinbuch, Chefcoach der deutschen Kombinierer, dessen Stars Eric Frenzel (32), Johannes Rydzek (29) und Fabian Rießle (30) bereits über ein Jahrzehnt im Weltcup unterwegs sind. „Es fehlt am Druck von unten.“

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Das könnte bald auch im Skispringen passieren. „Momentan sind wir in allen Altersbereichen bis zu den 15-Jährigen hinunter international nicht konkurrenzfähig. Das ist Fakt“, sagte Martin Schmitt der „FAZ“. Der Olympiasieger bringt seine Expertise beim DSV als Talentscout ein. Er sieht das Problem allerdings nicht darin, dass zu wenige Kinder mit dem Springen beginnen würden: „Trotzdem sieht es nicht rosig aus“ – auch weil wir in Deutschland nicht genug Schneetage haben, an denen man auf Schanzen springen kann.“

Die Lösung

Bleibt die Suche nach den Lösungen. Die Verantwortlichen des DSV erklärten zuletzt bei jeder Gelegenheit, sich im Frühjahr bei Klausurtagungen intensiv mit dem Nachwuchsproblem beschäftigen zu wollen. Klar ist schon jetzt, dass es nötig sein wird, mehr Geld in die Talentförderung zu stecken. Für gute Trainer, für mehr Betreuungspersonal, für Schneedepots, um weitere Schanzen und Loipen präparieren zu können, für mehr Trainingslehrgänge, für eine bessere Infrastruktur in den Leistungszentren. „Wenn wir sportlich den Status von heute halten wollen“, sagte Horst Hüttel, Teamchef der Skispringer und Kombinierer, in Oberstdorf, „dann müssen wir deutlich mehr investieren als in den vergangenen zehn Jahren.“

Auch das verbindet alle Wintersportarten.

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