Nationalmannschaft tut sich schwer Kein Frischeschub beim Flick-Debüt

Hansi Flick hatte sich einen torreicheren Einstand gewünscht. Foto: dpa/Sven Hoppe
Hansi Flick hatte sich einen torreicheren Einstand gewünscht. Foto: dpa/Sven Hoppe

Der lange erwartete Neustart unter Bundestrainer Hansi Flick beginnt mit einem zähen 2:0 gegen Fußball-Zwerg Liechtenstein. Für das Spiel am Sonntag in Stuttgart gegen Armenien gibt es viel Verbesserungspotenzial.

Sport: Marco Seliger (sem)
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St. Gallen - Mit ernster Miene schüttelte Hansi Flick nach den 90 Minuten seinem Trainerkollegen Martin Stocklasa die Hand. Mit 2:0 (1:0) hatte die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gegen Liechtenstein zwar gewonnen, aber wie ein Sieger sah der Bundestrainer nicht aus. Ein paar Minuten später wirkte er bei seiner ersten Analyse schon etwas gefasster: „Am Ende haben wir zu wenig aus unseren Chancen gemacht, aber ich sehe es positiv, wir haben gewonnen.“

Für den Deutschen Fußball-Bund (DFB) war nach der 15 Jahre langen Ära Joachim Löw eine neue Zeitrechnung angebrochen. Der ehemalige „Bundes-Jogi“ hatte seinem Nachfolger in der Qualifikation für die WM 2022 in Katar nicht nur ein 3:0 gegen Island und ein 1:0 in Rumänien hinterlassen, sondern eben auch diese 1:2-Heimniederlage gegen Nordmazedonien. Es war nicht die einzige Enttäuschung der vergangenen Jahre, deshalb hieß der Plan jetzt: Raus aus dem Stimmungstief, hin zum Spaß- und Offensivfußball, mit Leidenschaft, Wille, Begeisterung, hoher Einsatzbereitschaft, mit frühem Pressing und schnellem Spiel nach vorne. So sollten die Fans mitgerissen werden.

Joshua Kimmich Kapitän

Liechtenstein, das zuvor in den Qualifikationsspielen gegen Armenien (0:1), Nordmazedonien (0:5) und Island (1:4) verloren hatte, sollte der richtige Sparringspartner für diesen Neustart sein, den Flick auch mit der Aufstellung dokumentierte. Etwas überraschend startete der gebürtige Tübinger Thilo Kehrer (24) im Abwehrzentrum, und der erst 18-jährige Jamal Musiala kam im offensiven Mittelfeld zu seinem ersten Startelfeinsatz. Keine Sensation war dagegen, dass Joshua Kimmich (26) das Team als Kapitän aufs Feld führte und von der Sechser-Position aus dirigieren sollte.

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Doch die DFB-Elf tat sich beim Debüt ihres neuen Chefs schwer. Sehr schwer sogar. Nach einer flotten Anfangsphase mit zwei vergebenen Großchancen durch Kimmich (4.), Timo Werner (7.) und einem Lattenkopfball von Robin Gosens (16.) war nichts mehr vom neuen Fußball „made by Hansi Flick“ zu sehen. Reichlich planlos, viel zu statisch, ohne Zug zum Tor und Tempo präsentierte sich das Team. Zum Teil tummelten sich sechs Mann ganz vorne auf einer Linie, aber die Durchschlagskraft fehlte komplett. In ihrer Verzweiflung begannen die Spieler Mitte der ersten Halbzeit schon permanent Flanken aus dem Halbfeld zu schlagen, die der Keeper Benjamin Büchel locker herunterpflückte.

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Es fehlten auch die Ideen und die Bewegung ohne Ball. Mit Einzelaktionen blieben die DFB-Profis immer wieder an ihren Gegenspielern hängen. Und das alles gegen einen Fußball-Zwerg, der in der Weltrangliste hinter Bangladesch und vor dem Sultanat Brunei auf Platz 189 platziert ist. Gegen ein Team aus einem 38 000-Einwohner-Land, in dem die meisten Nationalspieler in der vierten Schweizer Liga am Ball sind, oder wie der Mittelfeldmann Aron Sele sogar nur in der fünften Liga bei Chur 97.

Timo Werner trifft

Es dauerte bis zur 41. Minute, ehe die Bemühungen des haushohen Favoriten von Erfolg gekrönt waren. Musiala flitzte endlich einmal mit Tempo von links nach innen und steckte den Ball durch in den Lauf von Werner, der noch einen Gegenspieler überlief und dann durch die Beine des herausstürzenden Keepers Büchel zum 1:0 traf.

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War der Bann gebrochen? Kommt es nun nach der Pause zum standesgemäßen Schützenfest, fragte man sich zur Halbzeit. Die Antwort: Nein. Der durch Flick erhoffte Frischeschub blieb weiter aus. Klar war es nicht leicht, gegen den tief stehenden Abwehrverbund der couragiert, diszipliniert und aufopferungsvoll verteidigenden Liechtensteiner zum Abschluss zu kommen. Gegen eine Truppe, die mit elf Mann einen Bus vor und in den Strafraum parkt. Aber dass die Mannschaft derart einfallslos, langsam, träge und ohne Esprit auch in den zweiten 45 Minuten auftrat, war schon sehr enttäuschend. „Wir hatten uns vorgenommen, mehr Tore zu machen, wir haben uns schwer getan“, räumte Kimmich ein.

Am Sonntag in Stuttgart

Immerhin zum 2:0 reichte es noch, Leroy Sané schloss eine schöne Einzelaktion mit einem satten Flachschuss ab (77.). Weiter geht es am Sonntag (20.45 Uhr/RTL) in Stuttgart gegen Armenien. „Wir müssen die Dinge verbessern, die nicht so gut waren“, sagte Flick. Ansätze wird er viele finden.

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