Neckarpoesie in Bad Cannstatt Ironische Untertöne begleiten den Fluss

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Nicht immer wird der Neckar in der Literatur gepriesen. Thaddäus Troll zum Beispiel, der aus Bad Cannstatt stammenden schwäbische Mundartdichter, findet durchaus das ein oder andere Haar m Wasser, das er in Texten und Gedichten verarbeitet.

Thaddäus Troll alias Hans Bayer  ist in Bad Cannstatt geboren, wo auf dem Thaddäus-Troll-Platz die Entaklemmer-Statue an ihn erinnert. Foto: Baur, Archiv
Thaddäus Troll alias Hans Bayer ist in Bad Cannstatt geboren, wo auf dem Thaddäus-Troll-Platz die Entaklemmer-Statue an ihn erinnert. Foto: Baur, Archiv

Bad Cannstatt - Goethe und Hölderlin mögen ihn in schillernden Farben besungen haben, doch nicht jeder Literat ist dem Neckar so wohl gesonnen, gelegentlich muss der Fluss auch Spott und Häme einstecken. So schreibt Friedrich Haug in seiner „Glosse eines reisenden Fr.“: „Ja, ja! – Der Neckar, den Sie haben, / Ist hübsch für einen Fluss in Schwaben!“

Und noch doller beschreibt es der schwäbische Mundartdichter Thaddäus Troll, der mit bürgerlichem Namen Hans Bayer hieß, in seinem Gedicht „Immer der Nase nach“: „Do kennet Se gar net fehla / fahret Se oifach dr nos noch / glei lenks om s eck wo s so beschtialisch / schtenkt noch dr sauerkrautfabrik / ond weiter na gradaus / wo s so brenzelich schmeckt / do schtoht d gaskokerei / glei an dem schtoibruch / neba dr zementfabrik wo de ganz gegend / grau verschtaubt isch / wi-a kuacha mit puderzucker / do gohts etzt noch rechts / au wieder dr nos noch / s mäuchelet scho vo weitem noch tote fisch / ond Se sehet na glei da Necker .“

Er muss es eigentlich wissen: Der gebürtige Cannstatter hat viele Spuren rund um das Cannstatter Neckarufer hinterlassen: Sein Elternhaus stand an der Marktstraße, im Garten seines Großvaters in der Neckarvorstadt stand die Seifensiederei der Familie. Troll besuchte das Johannes-Kepler-Gymnasium und der Platz am Ende der Marktstraße, nur einen Katzensprung vom Fluss entfernt, wurde nicht nur nach ihm benannt, sondern anlässlich seines 70. Geburtstags auch mit der berühmten Enta­klemmer-Statue versehen.

„Im Gegensatz zur Donau ist er ein Proletenkind“

Der Cannstatter Schriftsteller lässt sich auch in Prosa und Hochdeutsch über den Neckar aus, mit Augenzwinkern, aber positivem Grundton: „Der Neckar bringt es relativ nicht weit“, schreibt er in „Weinfluß Neckar“. Er bleibe im Ländle und teile sich in Mannheim dem Rhein mit anstatt sich auf eigenen Füßen ans Meer zu wagen. Kürzer als die Donau erlebe der Neckar aber auf seinem Lauf doch einiges, befindet Troll: „Im Gegensatz zur Donau ist er ein Proletenkind, im Moor geboren, nahe der nüchternen und fleißigen Stadt Schwenningen.“ Er rutsche auf allen Vieren der Reichsstadt Rottweil entgegen, sammele im Lauf seines kurzen Lebens mit Esslingen, Bad Wimpfen und Heilbronn noch drei Reichsstädte zum Quartett und umarme zwei Wiegen der Weltliteratur – Schillers Geburtsstadt Marbach und Hölderlins Lauffen. „Berührt er nur die Peripherie von Stuttgart, weil er es nicht auch noch verantworten kann, daß die Teilung in eine sozialistische und eine kapitalistische Welt dort ihren Ursprung hatte?“, fragt Troll. Hegel sei schließlich Stuttgarter. Und ohne seine Philosophie hätte es keinen dialektischen Materialismus, keinen Marx, Lenin, Stalin oder Mao gegeben.

Auch Äffle und Pferdle philosophieren über den Neckar

„Zum Ausgleich für so viel Entzweiendes wurde aber in Cannstatt auch eine Erfindung gemacht, die zwei Hälften zu Schutz und Trutze brüderlich zusammenhält: der moderne Büstenhalter“, so Troll weiter. Wohl kein anderer Schriftsteller kriegt so schnell die Kurve, außer vielleicht dem Neckar selbst, der viele unterschiedliche Gesichter hat: „Vor der frommen Bischofsstadt Rottenburg nimmt er etwas Weihwasser mit, kurz vor Tübingen schon kratzt die Industrie an seiner Lieblichkeit, vor Schreck wird er jetzt evangelisch“, schreibt Thaddäus Troll. „Von Esslingen streiten sich Weinberge und Fabriken um Platz an seinen Ufern.“ Der Neckar werde dort zum Knecht und Packesel der Industrie. „Aber schon die Stuttgarter Neckarvororte wollen das nicht wahrhaben und schmücken ihren Fluß mit Wein­bergen.“ Der Fluss fresse sich durch bizarre Felsgebilde und halte sich hier und dort die Nase zu, bis die Natur ihn im Remstal wiederhabe.

Von einem stinkenden Gewässer kann heute glücklicherweise keine Rede mehr sein. Bis heute wahr, wenn auch weniger literarisch ist, was die schwäbischen Fernsehstars Äffle und Pferdle über den Fluss zu sagen haben. Pferdle: „’s lauft scho viel wasser dr Neckar nonder!“. Äffle: „Ha ja, weil’s net nufflaufa ka!“

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