Viel spricht dafür, dass dies die erste Zuckerwatte-Komödie des Kinosommers sein möchte. Auf den zweiten Blick wächst diese Liebesgeschichte eines Beinahe-Autisten über das Märchenhafte hinaus.

Stuttgart - Auf dem Papier klingt zunächst alles wie aus dem Samstagabendprogramm des ZDF: Eine charmante Landwirtin fährt auf dem Heimweg zufällig den Mann ihrer Träume über den Haufen, lädt den Verletzten in ihr noch charmanteres Anwesen ein, wo er die Herzen ihrer Kinder im Sturm erobert und sich schließlich Hals über Kopf in sie verliebt. Damit das auch über anderthalb Stunden trägt, streut man dann noch ein paar Existenzängste und Hindernisse ein, und die Kitsch-Romanze ist servierfertig.

Doch obwohl sie alle Zutaten nach altbewährtem Muster kombiniert, sprengt die französische Sommerkomödie „Birnenkuchen mit Lavendel“ das rosarote Kitsch-Klischee zielsicher. Denn Pierre (Benjamin Lavernhe), jener Traumtyp, den Louise (Virginie Efira) zu Beginn des Films anfährt, entpuppt sich als Sonderling: Erst räumt er über Nacht kurzerhand ihr Wohnzimmer um, dann vergrault er mit seinen allzu ehrlichen Statements ihre Kunden auf dem Wochenmarkt, und schließlich kneift er sie als Liebesbekundung auch noch ungefragt in den Arm. Keine idealen Voraussetzungen für die große Liebesgeschichte also.

Die kluge Variante einer Pilcher-Geschichte

Doch nicht nur Louise wird bald klar, wie positiv Pierre, dessen Verhaltensweisen sich immer deutlicher zwischen Autismus und dem Asperger-Syndrom einordnen lassen, ihr Leben beeinflusst. Auch dem Zuschauer öffnet sich ein einfühlsamer Blick auf den Protagonisten.

Natürlich gibt es dabei Handlungsstränge, die man so oder in leicht variierter Form in jedem Rosamunde-Pilcher-Film findet. Louise steht zum Beispiel davor, die Birnenplantage ihres verstorbenen Mannes zu verlieren und kann sie schließlich nur mit Pierres ungewöhnlicher Hilfe retten. Doch das bleibt stets zweitrangig. Denn was „Birnenkuchen mit Lavendel“ zu einem jener klugen, sensiblen Sommerfilme macht, die das französische Kino in letzter Zeit hat vermissen lassen, ist sein Umgang mit Pierre und dessen Krankheit.

In der Ecke des Buchladens

Anstatt die Hindernisse und Alltagsquälereien in den Mittelpunkt zu stellen, mit denen dieser dank seiner autistischen Veranlagung zu kämpfen hat – so lebt er zum Beispiel zurückgezogen in der Ecke eines Buchladens, mag Zahlen lieber als Menschen und stößt mit seiner direkten Art immer wieder auf entrüstete Reaktionen – wird er zum positiven Alternativmodell jenes Lebensstils, den die andere Figuren des Films praktizieren. Statt durch den Alltag zu hetzen und Probleme zu wälzen, verliert Pierre sich in der verqueren Schönheit eines Moments und wird so zum Ausdruck einer verträumten, fast stillstehenden Realität, die für den Rest der Figuren unzugänglich ist.

Mehr als ein Märchen

Ja, natürlich könnte man hier einwerfen, dass diese sonnendurchtränkten, entschleunigten Hochglanzbilder der Lebenswirklichkeit eines Autisten in all ihren Ausprägungen nicht gerecht werden. Und ja, den Andersartigen als Heilsbringer zu inszenieren, wäre ohne Gegengewicht zwar ein schönes Märchen, aber mehr eben auch nicht. Doch „Birnenkuchen mit Lavendel“ gibt sich nicht mit dem verzauberten „Im Grunde ist der Kranke glücklicher als der Gesunde“-Topos zufrieden.

Fort vom Abschreckenden

Der Regisseur Eric Besnard hält zwar durchweg den leichten, fast märchenhaften Ton der typischen Zuckerwatte-Sommerkomödie, verharmlost die Krankheit seines Protagonisten dabei jedoch nicht. Stattdessen verändert er nur dessen Kategorisierung: Was zu Beginn als krank und abschreckend gilt, wird im Laufe des Films weicher und liebevoller – bis Pierre schließlich zu einer Art alternativer Identifikationsfigur für Louise und den Zuschauer wird.

Besnard bricht so mit der Pathologisierung der Andersartigkeit und stellt den scheinbar Kranken als denjenigen dar, der eigentlich unverbraucht, gut und ehrlich ist. Als eine Alternative, vielleicht sogar eine Bereicherung zu dem, was für den Durchschnittszuschauer als normal gilt.

Birnenkuchen mit Lavendel. Frankreich 2015 Regie: Eric Besnard. Mit Virginie Efira, Benjamin Lavernhe. 97 Minuten. Ohne Altersbeschränkung.