Neu im Kino: „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ Die arabische Patin

Isabelle Huppert als Patience und Rachid Guellaz als Scotch in einer Szene des Films Foto: dpa/Neue Visionen Filmverleih
Isabelle Huppert als Patience und Rachid Guellaz als Scotch in einer Szene des Films Foto: dpa/Neue Visionen Filmverleih

Die großartige Isabelle Huppert schlüpft in die Rolle einer falschen Araberin im Meltingpot von Paris. Ist das lustig oder eher zu viel des Guten?

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Paris - Das Leben in Paris ist hart, wenn man arm ist. Das erfährt Patience Portefeux (Isabelle Huppert) tagtäglich. Als Polizeidolmetscherin für Arabisch verdient sie eigentlich nicht genug, um sich das teure Heim für ihre demente Mutter leisten zu können. Ihr krimineller Gatte, der ihr und den mittlerweile erwachsenen Töchtern einst ein komfortables Auskommen ermöglichte, ist tot, das Vermögen ihres ebenfalls verstorbenen, nicht immer ehrlichen Vaters längst verprasst.

Doch Patience ist eine patente Frau; als sie ein Gespräch zwischen Dealern belauscht, fasst sie den Plan, selbst ins Drogengeschäft einzusteigen. Einer der Dealer ist der Sohn von Heimpflegerin Khadidja (Farida Ouchani), die sich liebevoll um Patiences Mutter (Liliane Rovère) kümmert. Zwar wird Khadidjas Sohn erwischt, die Drogen konnte er zuvor aber verstecken. Nun wirft sich Patience in die Rolle einer feinen arabischen Dame, die, unterm Hidjab getarnt, den Stoff in der arabischen Szene von Paris vertickt. Das Geld soll ihr und Khadidja das Leben erleichtern, doch die Polizei und mächtige Gangster wollen der arabischen Patin das Handwerk legen.

Zwischen Altenheim und Polizeipräsidium

Jean-Paul Salomés „Eine Frau mit berauschenden Talenten“ bietet alles, was einen spannenden, witzigen Film auszeichnen sollte: eine prominent besetzte Protagonistin, einen interessanten Konflikt, zeitgemäßes Sozialkolorit und komische Nebenfiguren für die humorvollen Aspekte.

Und trotzdem läuft Salomés Film nicht rund. Ein Problem ist sicherlich, dass sich viele französische Komödien nach wie vor am Mega-Erfolg der „Monsieur Claude“-Filme messen lassen müssen. Der Fokus des ausländischen Publikums auf die französische Kinoproduktion hat sich stark verengt; die bevorzugte Stimmungspalette reicht von beschwingt-heiter mit sozialer Grundierung („Monsieur Pierre geht online“, „Das Leben ist ein Fest“) bis zum rustikalen, politisch bewusst inkorrekten Schenkelklopfer-Humor („Verstehen Sie die Béliers“, „Hereinspaziert“). Eine Erwartung, die vielleicht auch Jean-Paul Salomé gespürt hat.

Realitätsnah schildert er zunächst das Milieu, in dem sich Patience bewegt; zwischen Altenheim mit hauptsächlich migrantischem Pflegepersonal und dem Polizeipräsidium mit hauptsächlich männlichem Kollegium, in dem die zierliche Frau die Männer im Griff hat, weil sie als einzige des Arabischen mächtig ist. Doch genau aus diesem multikulturellen Umfeld mit seinen sozialen Bedingungen hätte Salomé mehr machen können. Stattdessen verzerrt er bestimmte Figuren zur Karikatur und greift auf unangenehme Stereotype zurück.

Madame Fo kann auch Tote verschwinden lassen

Patience lebt Tür an Tür mit ihrer chinesischen Vermieterin Madame Fo (Jade Nadja Nguyen), die im Gegensatz zu ihrem Sohn (in der Synchronfassung) ein grammatikalisch niedlich verwurstetes Deutsch spricht und mit der rein chinesischen Nachbarschaft krumme Dinger dreht. Man lernt hier, dass chinesische Hochzeitsgäste stets mit blutigen Überfällen rechnen – weil dort viel Geld fließt – und Schusswaffen deshalb als vernünftiges Geschenk gelten. Zudem zeigt Madame Fo ein besonderes Talent, Dinge verschwinden zu lassen, sogar Tote.

Auch die arabische Community kommt nicht gut weg; die beiden Kleindealer Scotch (Rachid Guellaz) und Chocapic (Mourad Boudaoud) sind nicht die Hellsten und noch dazu machistische Großmäuler. Nur im Beisein der imposanten arabischen Patin werden sie winzig klein mit Hut.

Diese stereotype Sichtweise auf unterschiedliche Kulturräume verflacht die im Kern sozial verpflichtete Geschichte, auch der Polizeialltag wird allzu oberflächlich abgehandelt. Aus welcher Gemengelage sich die Drogenproblematik in bestimmten Pariser Bezirken speist und unter welchen Bedingungen Polizeibeamte dort arbeiten, spielt keine Rolle.

Es scheint, als wolle dieser Film zwar ein an sozialen Themen interessiertes Publikum bedienen, die Fans des derberen Humors aber nicht verprellen. Ein schwieriger Akt, der so nicht aufgeht.

Ab 8. Oktober im Kino: Eine Frau mit berauschenden Talenten. Frankreich 2020. Regie: Jean-Paul Salomé. Mit Isabelle Huppert, Farida Ouchani, Jade Nadja Nguyen. 106 Minuten. Ab 12 Jahren.




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