Neu im Kino: „Quartett“ Alt werden mit Verdi

Wenn die grauen Panther singen – Szene aus “Quartett“ Foto: Verleih
Wenn die grauen Panther singen – Szene aus “Quartett“ Foto: Verleih

Mit 75 fängt die Karriere erst an: Der Hollywoodstar Dustin Hoffman ist unter die Regisseure gegangen und legt sein Regiedebüt vor. In „Quartett“ erzählt er von fidelen Alten in einem Seniorenheim. Am Donnerstag läuft seine Komödie in den Kinos an.

WhatsApp E-Mail LinkedIn Flipboard Pocket Drucken

Stuttgart - Ein wunderbarer englischer Landsitz! In den hellen Sälen von Beecham House sitzen gut gekleidete Herrschaften an sauber gedeckten Tischen und führen eine mit netten Sticheleien durchsetzte Konversation. Auf dem Rasen vor dem schlossartigen Anwesen wird Croquet gespielt und dabei auch mal ein bisschen geschummelt. Und bei den Spaziergängen im Park besprechen Cecily (Pauline Collins), Reginald (Tom Courtenay) und Wilfred (Billy Connolly) die alljährliche Aufführung zu Verdis Geburtstag. Denn dieses vornehme Haus mit seinem eifrigen Personal ist gar kein Adelssitz, sondern ein Seniorenheim für Musiker und Sänger.

Der 75-jährige Schauspielstar Dustin Hoffman gibt mit diesem Film sein Regiedebüt. Er hat sich dafür ein Theaterstück von Ronald Harwood ausgesucht, das seinerseits inspiriert wurde von der real existierenden Casa Verdi in Mailand und dem Dokumentarfilm „Il Bacio di Tosca“, den Daniel Schmid 1984 über diese Institution gedreht hat. Das Alter, so wird in dem gemächlich dahinfließenden „Quartett“ suggeriert, lässt sich mit Kultur nicht nur besser ertragen, sondern sogar bezwingen: Die aus allen Räumen klingende Musik hält die fleißig übenden Bewohner jung. Dass Cecily Probleme mit dem Kurzzeitgedächtnis hat und beantwortete Fragen ein paar Minuten später wiederholt, wird nicht verschwiegen, ist zunächst aber nur Anlass für nette Verwicklungen. Und dass Wilfred die nachsichtige junge Ärztin mit anzüglichen Bemerkungen eindeckt oder in jeder möglichen und unmöglichen Situation an Bäume pinkelt, macht ihn nicht zum „dirty old man“, er bleibt ein charmanter älterer Herrn mit rustikalen Marotten.

Auf das feine britische Ensemble ist Verlass

Als schließlich die verbitterte Jean Horton (Maggie Smith) einzieht, die den Qualitätsverlust ihrer Stimme nicht verwinden kann, wird der heitere Ton des Films zwar nicht verdrängt, aber doch ergänzt durch ein kleines Drama: Die Ex-Diva war mal mit Reginald verheiratet, der sich nun in seinem ruhigen Single-Dasein gestört fühlt: „Ich wollte in Würde senil werden!“ So geht es nun um die Frage, ob Jean nicht doch, so wie damals, mitsingen wird beim Quartett „Bella figlia dell’ amore” aus Verdis „Rigoletto“ – und ob sie und Reginald doch noch einmal zusammenfinden.

Der Jungregisseur Dustin Hoffman hat seine Theateradaption als bürgerlich-klassisches, man könnte auch sagen: altmodisches Schauspielerkino inszeniert. Er weiß, dass er sich auf sein feines britisches Ensemble verlassen kann, er zeigt die Gesichter von Collins, Courtney, Connolly und Smith deshalb immer wieder in Großaufnahme. Und wenn man sich dieser Geschichte überlässt, wenn man sich quasi in sie einschließt, fühlt man sich gut unterhalten. Man darf bloß nicht aus ihr heraustreten und mal einen anderen Blickwinkel ausprobieren. Denn dann wird „Quartett“, in dem viele ehemalige Musikstars in Nebenrollen zu sehen und zu hören sind, schnell zur Selbstfeier der Mittel- und Oberschichtskultur. Wenn etwa sehr gesittete Schüler die Opern-Vorlesung von Reginald besuchen und einer von ihnen dann ein bisschen rappen darf, gerinnt diese Sequenz zur ebenso herablassenden wie lächerlichen Bildungsbürgervorstellung von proletarischer Jugendkultur.

Überhaupt darf am Status quo nicht gerüttelt werden. Ein Orchestermusiker will sich im Speisesaal mal ans Fenster setzen und wird von den auf ihren Privilegien beharrenden Solisten vertrieben – solche Kämpfe nimmt der Film nicht ernst. Was in einem Schauspieler-Melodram wie „Alles über Eva“ (1950), das hier sogar herbeizitiert wird, noch als bösartige Intrigen vorgeführt wird, zeigt sich in „Quartett“ nur noch als skurrile Animositäten, die mit dem Alter einhergehen. Mit etwas bösem Willen kann man dies auch als Entmündigung begreifen. Dafür zeigt sich Beecham House als saubere Welt, in der die Alten von größeren Zumutungen verschont bleiben. Krankheiten bitte nur dezent zeigen! Und der Tod hat Hausverbot. So dass sich „Quartett“ auch für das Personal in echten Seniorenheimen eignet: Er ist so beruhigend weit weg vom Alltag.




Unsere Empfehlung für Sie