Neu in den Kinos: „Frantz“ von François Ozon Nur die Liebe lässt sich nicht verführen

Von Bernd Haasis 

In schwarz-weißen Zwischentönen erzählt François Ozon von einem deutsch-französischen Drama im Jahr 1919, das kluge Schlaglichter auf die Gegenwart wirft.

Der Blick so unbestimmt wie ihr Ziel: Paula Beer als Anna in  „Frantz“ Foto: X-Verleih
Der Blick so unbestimmt wie ihr Ziel: Paula Beer als Anna in „Frantz“ Foto: X-Verleih

Paris -

Ohne deutsch-französische Übereinkunft wäre eine europäische ­Einigung kaum zu denken. Von „Freundschaft“ war die Rede, nachdem Charles de Gaulle und Konrad Adenauer auf den Trümmern des Zweiten Weltkriegs die Versöhnung verfeindeter Nachbarn ­gewagt hatten. Nun bröckelt Europa unter Globalisierungsdruck, Digitalisierung, Migrationskrise und Rechtspopulismus. Da kommt ein Film gerade recht, der daran erinnert, welch weiter Weg es war, bis der Kontinent nach Jahrhunderten des Schlachtens endlich zu einem Frieden fand, der nun mehr 71 Jahre währt.

Der französische Regisseur François Ozon („Swimming Pool“, „8 Frauen“) widmet sich in Schwarzweiß der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, als Franzosen und Deutsche noch glaubten, einander sehr fremd zu sein. Anna ist in Trauer, ihr Verlobter Frantz dem Grauen zum Opfer gefallen. Täglich geht sie zum Grab und beobachtet dort einen scheuen jungen Mann, der ­offenbar ebenfalls trauert, sogar weint. Sie spricht ihn an, er offenbart sich als Franzose namens Adrien – und als alter Freund ihres Frantz aus dessen Pariser Zeit vor dem Krieg. In Rückblenden teilen die beiden jungen Männer ihre Liebe zur Kultur, gehen ­gemeinsam durch den Louvre und ergötzen sich an ­Musik.

Bald gehen Anna und Adrien spazieren, offenbaren sich einander. Sie spricht fließend französisch, er leidlich Deutsch, doch die eigentliche Barriere ist nicht die Sprache: Die Etikette der Zeit zwingt sie dazu, heikle Themen mühevoll in Floskeln einzukreisen und viel zwischen den Zeilen zu lassen. Ozon und seine Darsteller spielen den Subtext und seine Wirkung bewusst voll aus, manchmal ein wenig theatralisch, wie es üblich war, als es Filmbilder nicht anders gab als in Schwarzweiß.

In Paris erscheint zunächst alles anders

Mit starker Präsenz verkörpert Paula Beer (21) eine junge Deutsche ohne Vorbehalte, mit flüchtigem Charme Pierre Niney (27) den rätselhaften Franzosen, dessen wahre Motive Ozon lange im Dunkeln lässt. Er führt die Zuschauer zunächst auf falsche Fährten und spannt sie gehörig auf die ­Folter, ehe er eine schockierende Wahrheit offenbart.

Vorher haben Anna und Adrien beim Dorffest zur Blasmusik getanzt, zum Entsetzen der engstirnigen deutschen Männlichkeit. Besonders der derbe Prolet Kreuz, der bereits vergeblich um Annas Hand angehalten hat, zeigt mit markigen Sprüchen die hässliche Fratze deutscher Selbstüberhöhung. Johann von Bülow aber gibt dem cholerischen Eiferer eine zweite Ebene, er lässt die Verletzungen durchscheinen, die hinter diesem Verhalten stehen, und die Sehnsucht nach Reue.

Ozon nimmt konsequent die deutsche Perspektive ein, er bleibt bei Anna, als Adrien schließlich Abschied nimmt und als sie ihm später mit dem Zug nachreist nach Paris, um ihn zu suchen. Dort erscheint ihr zunächst alles anders, feiner, stilsicherer – bis sie in einem Café Zeugin wird, wie die Gäste einander in einer Art kollektiver Selbstvergewisserung geistig zusammentreiben aus vollem Hals die Marseillaise anstimmen, ein zutiefst patriotisches, martialisches, blutiges Lied. Ozon hätte kaum besser ­zeigen können, wie die Menschen auf beiden Seiten des Rheins nach dem vergifteten Versailler Friedensschluss in den Schützengräben ihrer Einfalt verharrten.

Ozon gewährt seinen Figuren Rückzugsräume

Was die Bildgestaltung angeht, arbeitet Ozon vor allem mit dem Schwarzweiß-Kontrast: Trauerfloriges Dunkel durchzieht die Nachkriegsbilder, nur vereinzelt blitzt es Weiß wie die Verheißung einer besseren Zeit – dazwischen aber nistet als ­Metapher viel Grau, das die Bilder mitunter flächig verwässert. Die visuelle Kraft, die etwa Michael Haneke in seinem Vorkriegsfilm „Das weiße Band“ entfaltete, erreicht Ozon nicht; während Haneke seinen gestochen scharfen Charakteren kein Entrinnen ließ und sie unter dem Brennglas seiner ­Kamera regelrecht entblößte, gewährt Ozon seinen Figuren Rückzugsräume in den Zwischentönen, während sie einander umkreisen.

Am Ende wird klar, dass Nationen nur Konstrukte sind, die Menschen eine bequeme Verortung bieten in einer unübersichtlichen Welt – nicht umsonst erlebt der rückwärtsgewandte Hurra-Patriotismus derzeit eine ungeahnte Wiederauferstehung vor allem bei jenen, die sich überfordert fühlen von den Umbrüchen der Gegenwart.

Sobald Menschen einander offen begegnen, frei von Vorurteilen und Vorfestlegungen, verblasst das Trennende, offenbart sich auf magische Weise das Verbindende, das zeigt Ozons Film sehr anschaulich. Die Irrungen und Wirrungen der Liebe tangiert das freilich nicht, sie lässt sich nicht verführen und einhegen, sondern gehorcht ihren eigenen Gesetzen. Wer sollte das besser wissen als ein Franzose – sagt ein beliebtes Stereotyp.