Neu in Welzheim: inklusives Café, Tourismusbüro und Rösterei in einem Kaffeerösterei als Lebensschule

Von Annette Clauß 

Das Tourismusbüro der Stadt Welzheim dürfte ziemlich einzigartig sein: dort gibt es nicht nur Ausflugstipps, sondern auch eine Kaffeerösterei und ein Café, das von Menschen mit und ohne Behinderungen betrieben wird.

Anja sortiert Foto: Stoppel
Anja sortiert Foto: Stoppel

Welzheim - Mit ihrem neuen Arbeitsplatz ist Anja rundum zufrieden. Seit knapp drei Wochen pendelt die 28-Jährige jeden Morgen von der idyllisch gelegenen Laufenmühle, wo sie in der Christopherus Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für Menschen mit geistigen Behinderungen lebt, hinauf nach Welzheim (siehe „Ein Ort für Ausflügler und Kaffeeliebhaber“). Im neu renovierten ehemaligen Schulhaus, das 1804 erbaut wurde, hat Anja alle Hände voll zu tun: Sie gibt Besuchern Tipps zu Ausflugszielen und serviert den Gästen im Café Espresso, Cappuccino, Kuchen und kleine Snacks. Sie spült das Geschirr und erhitzt Kaffeebohnen in einer Rösttrommel, bis sie leise knacken – das Zeichen, dass sie fertig geröstet sind. Und dann zieht sie weiße Stoffhandschuhe über und verliest die Bohnen von Hand.

„Mir macht alles Spaß“, sagt Anja, die schon knapp vier Jahre in der Kaffeerösterei unten in der Laufenmühle gearbeitet hat, die ebenfalls als Werkstatt für behinderte Menschen betrieben wird. Auch dort hat sie gerne geschafft, aber als sie vom neuen Standort in Welzheim hörte, hat sie sich sofort an den Rechner gesetzt und eine schriftliche Bewerbung verfasst. Was war der Anreiz? „Die Großstadt“, sagt Anja und lacht. Dann erzählt sie von ihrer Freundin, die ebenfalls in der Welzheimer Rösterei samt Tourismusbüro arbeitet und bald auch in Welzheim-City wohnt.

Denn die Pfarrstraße 6 ist künftig nicht nur ein Treffpunkt für Kaffee- und Informationsdurstige, sondern auch ein neues Zuhause für 14 Menschen im ambulant betreuten Wohnen. In Dreier-, Zweier- und Einzelapartments sollen Frauen und Männer ein möglichst selbstbestimmtes und selbstständiges Leben führen. Getreu dem Motto, das in roten Buchstaben auf Anjas T-Shirt steht: „Wer immer tut, was er schon kann, bleibt immer das, was er schon ist.“

Eberhard Buhl ist einer, der beim Vorankommen hilft. Seine Aufgabe ist die „aufsuchende Hilfe“ – sprich: der Sozialpädagoge ist zur Stelle, wenn die Bewohner der Pfarrstraße Unterstützung brauchen. „Jeder unserer Klienten hat seinen festen Termin in der Woche. Manche haben einen Hilfebedarf von drei Stunden, bei anderen sind es fünf Stunden“, sagt Buhl. Er unterstützt beim Einkaufen und Kochen, begleitet die Betreuten bei Arztbesuchen und Behördengängen und sorgt auch dafür, dass den Männern und Frauen in der Freizeit nicht die Decke auf den Kopf fällt: „Wir gehen ins Fußballstadion und auf Konzerte.“

Die Welzheimer seien sehr offen, lobt Buhl die Nachbarn. Da marschiert auch schon ein Mann ins Café und ordert einen Espresso. „Noch sind wir hier ein Geheimtipp“, sagt Daniela Doberschütz von der Christopherus-Öffentlichkeitsarbeit. „Aber am Sonntag war viel los“, erzählt Anja: „Da war ich abends richtig kaputt.“