Neuer Pfarrer Alt-Katholisch bedeutet nicht altmodisch

Pfarrer Christopher Sturm vor dem Portal seiner Alt-Katholischen Kirche. Foto: Martin Haar
Pfarrer Christopher Sturm vor dem Portal seiner Alt-Katholischen Kirche. Foto: Martin Haar

Der neue Pfarrer der Alt-Katholiken war Hirte der römisch-katholischen Kirche und ging wegen des Zölibats. In seiner neuen Gemeinde im Leonhardsviertel schließt sich für Christopher Sturm der Kreis seines Lebens.

Lokales: Martin Haar (mh)
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Stuttgart - Die Wege des Herrn sind unergründlich, heißt es. Was das konkret bedeuten kann, erlebt Pfarrer Christopher Sturm (56) immer wieder – auch durch tiefe Einschnitte in seinem eigenen Leben.

Beispielsweise im Jahr 2012. Damals quittierte Sturm sein Priesteramt der römisch-katholischen Kirche in Stammheim. „Es geht nicht mehr“, sagte er Bischof Gebhart Fürst in einem „guten und sehr persönlichen Gespräch“. Das zölibatäre Leben war nicht mehr mit seinem Leben in Einklang zu bringen. Sturm war in eine Frau verliebt und wollte heiraten. Er wollte diese Liebe nicht heimlich und versteckt leben. „Das wäre ein Leben wie durch eine Glasscheibe gewesen.“

Heute ist Christopher Sturm vielleicht sogar noch mehr davon überzeugt, dass es der richtige Weg war, auf den ihn Gott geführt hat. Denn er ist in einer Kirche gelandet, „in der jeder auf der Welt willkommen ist“. Sturm ist nach einem Intermezzo in Offenbach seit dem 25. Januar neuer Pfarrer der Alt-Katholischen Gemeinde in Stuttgart und löst damit nach 19 Jahren Pfarrer Joachim Pfützner ab. In dieser Kirche wird all das schon umgesetzt, worum in der römisch-katholischen derzeit hart gerungen wird – sei es das Thema Frauen in Kirche oder den Zölibat. „Auch wenn wir Alt-Katholiken sind, ist diese Kirche nicht altmodisch, sondern sehr liberal, offen und modern“, sagt Sturm.

Keine Konfrontation mit der römisch-katholischen Kirche

Auch in diesem Satz vermeidet er die Konfrontation zu den römisch-katholischen Glaubensbrüdern. Das mag auch daran liegen, dass er den Stuttgarter Stadtdekan Christian Hermes sehr schätzt. Ihm gefällt, mit welchem Mut Hermes für Reformen in der Kirche eintritt. Natürlich fällt auch jedem ins Auge, mit welcher Transparenz und Klarheit der Stadtdekan das Thema Missbrauch in der katholischen Kirche angeht. Damit zeigt Hermes etwas, was auch Christopher Sturm wichtig ist: im Dialog bleiben. „Deshalb bemühe ich mich jetzt um Gesprächstermine mit Christian Hermes und dessen evangelischen Amtskollegen Søren Schwesig sowie mit der Bezirksvorsteherin von Stuttgart-Mitte, Veronika Kienzle.“

Allen drei Gesprächspartnern wird er dann wahrscheinlich erzählen, was ihm und seiner Kirchengemeinde zwischen Olga- und Katharinenstraße wichtig ist – nämlich ein Teil in dieser Stadt und diesem Quartier zu sein, der Verantwortung übernimmt. „Wir stellen uns die Frage: Was braucht die Stadt? Wir versuchen, diesen Prozess zu begleiten und wollen Offenheit leben.“ Mit diesem Ansatz will er auch predigen: immer authentisch und am Puls der Menschen. Obwohl die 500 Gemeindeglieder teilweise aus ganz Baden-Württemberg kommen, hat Sturm natürlich auch Gäste aus dem Bohnen- und Leonhardsviertel. Er nennt sie „Pilger“, die vermutlich aus anderen Kirchen kommen, aber nicht weniger willkommen seien.

Ur-Großvater war „Brunnenwirt“

Darin zeigt sich das Selbstverständnis von Sturm und seiner Alt-Katholischen Kirche: „Wir verstehen uns als Teil der Kirche Christi. Mein Bild von Kirche ist eine Gemeinschaft von Gemeinschaften.“ Daher schätzt er es, dass es unterschiedliche Formen von Kirchen gibt. „Wir können uns doch gegenseitig befruchten und uns die blinden Flecken zeigen“, sagt er, ohne Namen zu nennen. Darin steckt auch der Gedanke der Ökumene, den die Alt-Katholiken gerne pflegen, wie auch das Verhältnis zur Anglikanischen Kirche zeigt, die an der Olgastraße Heimat findet. Heimat ist ein wichtiges Stichwort für Christopher Sturm. Obwohl ihn Gott auf unergründliche Wege geschickt hat, „schließt sich für mich nun der Kreis“. Er fühlt sich nicht nur in der Alt-Katholischen Kirche angekommen, sondern auch in diesem Quartier. „Hier liegen meine Wurzeln; mein Ur-Großvater Rupert Weiß hatte in der Pfarrstraße das Lokal Brunnenwirt. Das bewegt mich sehr.“

Es scheint, dass alles irgendwie seinen Sinn hatte.




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