Neues Duo im Göttingen-„Tatort“ Nein, Florence, du musst nicht dauerlächeln!

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Florence Kasumba spielt die erste schwarze „Tatort“-Kommissarin. Einige Zuschauer sind entsetzt von der neuen Figur und schalten lieber ab. Dabei ist die Rolle herrlich klischeefrei, kommentiert unser Autor Sascha Maier.

Das neue Ermittler-Duo, gespielt von Maria Furtwängler (rechts) und Florence Kasumba. Letztere ließ laut manchen Netzreaktionen „sympathische“ Charakterzüge vermissen, wie sie einer Frau gut anstehen. Foto: NDR Presse und Information
Das neue Ermittler-Duo, gespielt von Maria Furtwängler (rechts) und Florence Kasumba. Letztere ließ laut manchen Netzreaktionen „sympathische“ Charakterzüge vermissen, wie sie einer Frau gut anstehen. Foto: NDR Presse und Information

Göttingen - Jan Josef Liefers wird vom Publikum gefeiert, wenn er im „Münster“-Tatort den Rechtsmediziner und Unsympath Friedrich Boerne mimt. Vom herablassenden Tonfall gegenüber Untergebenen bis zu seinen superexklusiven Marotten (unvergessen, mit welchem Habitus er in „Fangschuss“ das Hobby der Jagd für sich entdeckt), kann die Figur dem Publikum, Pardon, gar nicht „Arschloch“ genug sein.

Aber er ist ja auch ein weißer Mann. Das Debüt von Florence Kasumba in der Rolle der Anaïs Schmitz, der ersten schwarzen „Tatort“-Kommissarin, löste zum Teil Netzreaktionen aus, die nachdenklich machen. Nicht etwa wegen ihrer Hautfarbe. Sondern weil sie ihre Rolle als Frau nicht so verkörpert, wie das offenbar ins Weltbild mancher Männer passt.

Diese Diskussion hat sich auf der „Tatort“-Facebook-Seite entfacht.

Die Kritik in den Kommentarspalten: Kasumba komme „mega unsympathisch rüber.“ Ein anderer Nutzer schreibt: „Die neue Kommissarin, absolut unsympathisch und ein Grund umzuschalten.“ Oder: „Arme Charlotte Lindholm (die andere Ermittlerin, Anm. d. Red.), so eine Kollegin braucht kein Mensch! Wer denkt sich denn so einen Charakter aus?“

Auch auf Twitter gibt es ähnliche Wortmeldungen:

Ob die Filmfigur Anaïs Schmitz über die Qualitäten eines Friedrich Boerne verfügt, darüber lässt sich streiten. Aber die Kommentatoren bewerten eben nicht die Qualität des Schauspiels oder die Ausarbeitung der Figur, sondern die Veranlagung der Rolle. Und da liegt das Problem.

Die Ermittlerin Anaïs Schmitz ist eine kratzbürstige Frau, keine Frage. Sie lässt den Autoschlüssel vor ihrer neuen Partnerin, der nach Göttingen strafversetzten Charlotte Lindholm, gespielt von Maria Furtwängler, vor deren Füßen auf den Boden fallen, knallt ihr später sogar eine. Die Rolle des Good Cop scheint Schmitz in Verhören fremd zu sein. Und sie lächelt fast nie.

Lächelnde Superhelden

Da werden Erinnerungen an Reaktionen zum ersten Trailer des US-Blockbusters „Captain Marvel“ wach, als sich auf Darstellerin Brie Larson die Twitter-Gülle ergoß. Männliche Nutzer machten sich über Larsons ernsten Gesichtsausdruck lustig, die in dem Film eine Superheldin aus dem Marvel-Comic-Kosmos verkörpert.

Die Schauspielerin konterte gewieft und verpasste ihren männlichen Superhelden-Kollegen auf Postern via Photoshop breite Grinsegesichter. Der Spott auf Twitter kehrte sich um; Helden lächeln nun mal nicht immer – schon gar nicht, wenn Gefahr im Verzug ist.

Die Fälle zeigen, dass die Vorstellungen von Frauen in der Film- und Fernsehlandschaft in einigen Männerköpfen mittelalterlich sind. Die Erwartung von vielen ist offenbar auch noch 2019, dass Stereotype bedient werden. Frei nach dem Quark: Wenn Frauen schon Superheldinnen oder Polizistinnen sein dürfen, dann aber bitte mit sensibler Seite und einem charmanten Lächeln. Und wenn schon eine neue Kommissarin eingeführt wird, dann bitte keine Zicke.

Zum Glück gibt im Netz auch Gegenwind für diejenigen, die sich eine handzahmere Anaïs Schmitz gewünscht hätten:

Oder, mit etwas weniger Pathos:

Bleibt also zu hoffen, das Florence Kasumba mit ihrer neuen Rolle deutsche Drehbuchschreiber animiert, Frauen auch im Sonntagabendkrimi etwas mehr Eigensinn zuzugestehen, als dass es männlichen Zuschauern mit dem Adjektiv „sympathisch“ kategorisieren. Eine Jana Josef Liefers in der Rolle einer Friedericke Boerne würde deutschen Fernsehlandschaft nämlich ganz vorzüglich stehen.




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