Neues von Udo Lindenberg Panikrocker plant Platte und Tournee

Freunde: Udo Lindenberg (links) und Daniel Wirtz im Backstage-Bereich des Live-Clubs Große Freiheit 36 in Hamburg Foto: Tine Acke 8 Bilder
Freunde: Udo Lindenberg (links) und Daniel Wirtz im Backstage-Bereich des Live-Clubs Große Freiheit 36 in Hamburg Foto: Tine Acke

Udo Lindenberg lässt nicht locker: Gerade hat der 71-Jährige seine Panik City in Hamburg eröffnet, jetzt plant der Rockstar ein neues Album und seine nächste große Konzert-Tournee im Sommer 2019. Eine Begegnung im Hotel Atlantic und im Live-Club Große Freiheit 36.

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Hamburg - Endlich leuchten Telefone so quietschbunt, wie seine Welt schon immer war: Per Whatsapp arrangierte Verabredungen mit Udo Lindenberg (71) können jede Menge Zylinder-Emojis beinhalten, aber auch Raketen, Daumen und, wenn’s gut läuft, ein Herz. Per Whatsapp ausgemacht war eine Interview-Viertelstunde um 18.45 Uhr an einem Ort, den Udo Lindenberg Hotello nennt, inklusive dreier Raketen-Emojis. Als Deutschlands größter Rockstar zehn Minuten später aus dem Aufzug des Hamburger Atlantic-Hotels zur Bar schwebt, hat er aber keine Zeit. Gleich ist Aufbruch, sagt er. Außerdem findet er es ein bisschen zu früh am Tag, um Fragen zu seinem neuesten Projekt, der Panik City in St Pauli, zu beantworten. Stattdessen fragt er: „Erzähl du doch mal, wie hat’s dir denn gefallen?“

Okay, das Malen macht Spaß in der multimedialen Udo-Entertainment-Welt auf der Reeperbahn: Ein abgefilmter Udo Lindenberg mit Hut schwadroniert dort zum Beispiel aus einem magisch-virtuellen Raum heraus über Farben auf Basis von Eierlikör und anderen Alkoholika. Währenddessen ertappen sich auch distanzierte Zeitgenossen dabei, wie sie Lindenbergs Strichzeichnungen mit dem Zeigefinger auf Glas digital kolorieren und das chaotische Ergebnis an sich selber mailen. Die Panik City, die Udo Lindenberg nicht Museum nennen will, ist ein hochtechnisiertes Erlebnislabor zum lustvollen Ausleben eigentlich längst begrabener Kinderträume auf der Basis von Lindenbergs Leben. Das wiederum mündet seit Jahren in einen der wenigen komplett wahr gewordenen Kindheitsträume weltweit, da schließt sich der Kreis.

In der „Udo Lindenberg Experience“ (Untertitel) kann man also in einem nachgebauten Tonstudio mit dem virtuellen Udo seinen Hit „Mein Ding“ total selbstbestimmt ins Mikrofon krächzen und bekommt die Film-und-Ton-Aufnahme hinterher von engagierten Panik-Stadtführern überreicht, sofern nicht gerade Feueralarm ist und alle sofort aus dem Gebäude stürmen müssen. Dazu ein Gronau-Raum (Kindheit, früh abgehauen) und ein DDR- Zimmer mit Lindenbergs vergoldeter Trabi-Attrappe und der einst von ihm an Erich Honecker verschenkten „Gitarren-statt-Knarren“ E-Gitarre der Marke Ibanez. Ebendort schlussfolgert ein virtuell zugeschalteter Gregor Gysi messerscharf: „Die Sympathie für Lindenberg färbte nicht auf Honecker ab!“ Und das Beste: mithilfe einer Virtual-Reality-Brille wähnt man sich schlussendlich mit Udo auf der Bühne und kann wechselweise in seine verletzlichen kajalumrandeten Augen und in die verzückten Gesichter seiner Fans am Bühnenrand gucken. DigitaleTraummomente für Unverzagte! Sehnsüchtige Entdeckungsreisen für verhinderte Popstars. „Das hat Suchtpotenzial“, knurrt im Atlantic-Hotel ein Udo Lindenberg auf dem Sprung, der vor allem wissen will, was man zwei Stunden zuvor in der Panik City nicht so toll fand.

„Betrug!“, faucht der Künstler

Es gibt da tatsächlich was: Der Euro, den man in den Schlitzt des Schließfaches für die Taschen wirft, kommt anders als im Schwimmbad niemals wieder heraus. „Das wollte ich nicht“, nuschelt Udo Lindenberg, „das müssen wir sofort ändern. Wir sind ja keine Abzocker, hähähähä.“

Er macht sich an der Bar des Hotels, in dem viele seiner Bilder hängen, eine digitale Smartphone-Notiz: „Betrug!“, faucht er. Aber betrogen wird niemand, denn in ihren stärksten Momenten nimmt die Panik City auf berührende Weise auf, was Udo Lindenberg vor zwei Jahren live In den Fußballstadien der Republik zelebrierte: Da teilt ein Glückspilz sein Glück lustvoll mit seinen Fans, denen er das Gefühl schenkt, seine Freunde sein zu dürfen. Alles easy. Man hat sein Quasi-Wohnzimmer, die Bar des Hotels Atlantic, in dem er seit zwei Jahrzehnten dauerhaft wohnt, in der Panik City mit lederbespannten Originalmöbeln nachgebaut; es laufen Gänsehaut-Filmausschnitte von der Tournee 2016. Zur Mittagsstunde dieses schönen Hamburger Frühsommertages zwei Jahre später wurde von der Konzertagentur übrigens bekanntgegeben: Im Sommer 2019 geht Udo Lindenberg erneut ganz groß auf Tournee. Was macht er da? Wird es ein neues Album geben?

„Kommste mit“? fragt Udo Lindenberg kurz nach 19 Uhr in der realen Bar des Atlantic Hotels.

Die Panikfamilie in der Großen Freiheit

Sogleich füllen sich zwei auf magische Weise herbei gerauschte Taxis mit diesem unerschütterlichen Traumtänzer und Mitgliedern seiner riesigen Entourage, die er Panikfamilie nennt. Doris Decker, die geniale Saxofonistin steigt ein, Pascal Kravetz, der Alleskönner am Keyboard, Ole Feddersen, der vergnügte Background-Sänger, einige schöne Frauen in unbekannter Mission. Wenig später großes Hallo im Backstage-Bereich des Live-Clubs Große Freiheit 36, wo Lindenbergs Kumpel Daniel Wirtz mit seiner Band ein intensives Klassekonzert gibt, während Lindenberg auf dem Vip-Balkon inmitten seiner Begleiter mit einem Sammelsurium an E-Zigaretten und Aroma-Wässerchen experimentiert: „Das hier ist ohne Nikotin. Nur oral und so.“ Statt Zigarren. Er will hundert werden. Er hat noch so viel vor: Klar, die neue Tournee. Fitness und so. Ja, es wird vorher ein neues Album geben. „Das Cousinchen ist auch dabei“ verrät Udo Lindenberg auf dem VIP-Balkon der Großen Freiheit.

Ina Bredehorn mit Band alias Deine Cousine ist die Vorband und zugleich die Attraktion des Abends im Live-Club. Überzeugungstäterinnen-Stimme, kluge Texte, verführerisch dosierte Brachialenergie, überschäumende Power: „Küss mich!“ singt die Gewinnerin von Udo Lindenbergs Panikpreis anno 2014, die im weiteren Verlauf eines soghaften Kurzkonzertes existenzielle Fragen stellt: „Kiez oder Kinder, ist es wirklich schon so weit?“ Udo Lindenberg übt sich derweil in begeisterter Lufttrommelei, dann innige Umarmungen mit seiner musikalischen Entdeckung. Die Fans von Wirtz und Deine Cousine jubeln dem blauen Leuchtpunkt seiner E-Zigarette auf dem Balkon zu.

Der Sympathieträger des Abends, der Panik-Pate, hat seine eigene Lebensentscheidung früh getroffen: Kiez global mit allen Risiken! Als er viele Umarmungen, noch mehr Küsschen und etliche Zeitreisen mit seinen Verbündeten später (in die Vergangenheit, aber mehr noch in die Zukunft) die improvisierte Backstage-Feier seines Freundes Wirtz verlässt, fläzt sich Udo Lindenberg in ein Taxi und nuschelt dem Fahrer zu, dass er eigentlich „Straßenmanager“ sei. Zurück im „Atlantico“ strebt er zur Bar, wo ein Freund von ihm am Vorabend das veranstaltet hat, was Lindenberg „Exzess“ nennt. Sowas kennt er von früher, beinahe bis zum Säufertod, bevor er vor rund einem Dutzend Jahren dem Alkohol entsagte und seine Genialität wiederfand. Womöglich ist niemandem außer Udo Lindenberg in der Lage, ohne jeden Anflug von Großkotzigkeit eine Menge 50-Euro-Scheine an jene Angestellten zu verteilen, die am Vorabend den Dreck des Exzesses wegräumen mussten.

Große, fette Alternativen

In den Händen dieses Meisters der Leichtigkeit scheinen sich die Scheine in Spielgeld zu verwandeln. Bunt bedrucktes Papier in einer Abenteuerwelt, die mit Haltung zu durchschreiten und idealerweise zu verändern ist: Völlig entspannt lebt Udo Lindenberg die moralische Selbstverständlichkeit, die man Barack Obama zuweilen als Weltsensation attestiert hat: Er behandelt Service-Mitarbeiter mit demselben Respekt, den er Popstar-Kollegen oder Präsidenten entgegenbringt. In seiner ganz eigenen Welt des Lindiismus gerät das notorische Du zum Ausdruck höchster Wertschätzung allen gegenüber. Oder fast allen: In seinem Song „Kosmosliebe“ ist von „teuren Bomben, reichlich Blut“ die Rede, „und den Schampus säuft die Waffenindustrie“. Die nächste E-Zigarette: „Du kannst Dein Aufnahmegerät jetzt einschalten.“

In der Straße, die Udo Lindenberg als „geile Meile“ besingt, steht seit ein paar Wochen ein quietschbuntes Rock’n’Roll-Selbsterfahrungszentrum, das „Spiegel Online“ als „begehbaren Nachruf auf Lindenberg zu Lebzeiten“ bezeichnet. Wenn man den seit seinem 70. Geburtstag unablässig Gefeierten fragt, wie es ihm damit geht, dass es eine solche Einrichtung für ihn, mit ihm und über ihn gibt, dann bekundet er zunächst, dass er sich „sehr geehrt“ fühle. Er sei ja auch Zeitzeuge sagt er, „in Trümmern herumgekrabbelt in Gronau.“ Und weiter: „Es ist schön, dass auch junge Leute die Möglichkeit haben, sowas zu kieken: Wo kommen wir her, wo gehen wir hin? Visionen für diese bunte Republik, in der schon vieles gut ist und vieles noch besser werden kann – auch durch schlaues Entertainment.“ Er locke Leute, sagt er. Die Panik City verabreiche „Udopium“ und bringe die Gäste auf einen Trip, auf dem sie erführen, dass es nicht nur „Schlagerkram“ gebe: „Die Leute haben einen Anspruch darauf, dass sie von den großen, fetten Alternativen erfahren, die wir im Angebot haben.“ Dann lugt er unter seiner Schirmmütze hervor und sagt: „Aber wir sind ja mitten in unserem Flug drin und so. Deshalb ist ,Nachruf‘ nicht passend.“

Der Flug: Udo Lindenberg geht nächstes Jahr wieder auf Tournee. Noch weiß er nicht genau, wie das rund 30 Lieder umfassende Programm aussehen wird. „Es entstehen jetzt gerade neue Songs“, sagt er, „auf Bierdeckeln und indem ich mich selber anrufe und draufsinge“. Ja, es wird ein neues Album geben. Mögliches Thema: „Wir haben jetzt seit zehn Jahren diese Erfolgsstory laufen. Ich bin ein Glücksvogel mit gutem Schutzengel und gutem Genieblitzableiter, der mir die Blitze zuleitet, die ich dann abfange vom Himmel mit blanker, bloßer Hand. Das ist schon eine Art Auserkorenheit: Ich habe so den Eindruck, dass dieses ganze Ding von höheren Sphären gesegnet ist. Das kann nicht nur ein kleiner Mensch mit Hut sein.“ Er wolle sich auf „neue, geile Abenteuer“ einlassen. Mit seiner Panik-Familie unterwegs zu sein, sagt er, sei das „schönste, das es für mich gibt.“ Er freue sich auf die „Rennerei auf der Bühne“. Seine „kardiologischen Berater“ würden ihm versichern: „Alter, weitere 30 Jahre kriegen wir hin, so, dass es abgeht wie ein Zäpfchen.“

Bitte noch einen Astronauten

Die beiden Studenten, die seit 20 Uhr in der Lobby des Atlantic Hotels gewartet haben, schleichen sich eher an. Sie siezen den Mann, der betont, einfach Udo zu heißen, und sie entschuldigen sich dafür, Deutschlands wirkmächtigsten Rockstar um 2.30 Uhr morgens an der Hotelbar mit Autogrammwünschen zu behelligen. Sie haben Plattencover mitgebracht, CD-Hüllen, zwei kleine Leinwände und jede Menge Edding-Stifte. Sie wünschen sich Männchen mit langen Nasen und Widmungen. „Wäre es sehr vermessen, wenn ich Sie noch um einen Astronauten bitte?“, fragt einer der beiden um 2.45 Uhr. Udo Lindenberg zeichnet auch den noch. Seinen „Kundendienst“, wie er das nennt, verrichtet er mit echter Zuwendung und einer Engelsgeduld und verwickelt die beiden vor Begeisterung glühenden jungen Männer anschließend in ein Gespräch über Bob Dylan, freie Liebe und den neuen deutschen Film. Um 3 Uhr morgens bekundet er höflich, dass er nun noch gerne mit seinem Gast schnacken würde. Er sagt dann, dass alles gut wird, und natürlich glauben wir ihm auch das.




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