Nico Schoch alias der „12. Mann“ Corona bremst Backnang-Ultra aus

Von red/dpa 

Nico Schoch fährt zu jedem Spiel der TSG Backnang. Der größte Fan der TSG gilt auch als einziger Ultra des Fußball-Sechstligisten. Wenn die TSG spielt, trommelt und singt er oft alleine. Was treibt so jemanden an? Und wie kommt der 23-Jährige mit der fußballfreien Zeit klar?

Wünscht sich zurück ins Stadion: Nico Schoch – Ultra der TSG Backnang. Foto: dpa/Jan-Philipp Strobel 7 Bilder
Wünscht sich zurück ins Stadion: Nico Schoch – Ultra der TSG Backnang. Foto: dpa/Jan-Philipp Strobel

Backnang - Lautes Trommelgetöse, Sprechgesänge und eine dröhnende Ratsche - auf der einen Seite des Spielfelds stehen zahlreiche Fans des Fußball-Oberligisten SSV Reutlingen beim Pokalspiel 2019 gegen die TSG Backnang. Allerdings kommt der Lärm an diesem Tag eher vom Gegner aus Backnang - genauer gesagt von Nico Schoch, der als einziger Ultra des schwäbischen Amateurclubs seine Mannschaft lautstark unterstützt. Reutlingen besiegt Backnang später mit 1:0. Doch nach dem Spiel heißt es, wie Schoch sagt, man hätte nur die Sprechchöre aus Backnang gehört.

Schoch ist der größte Fan der TSG. Meistens feuert er sein Team bis zur Heiserkeit an. Der 23-Jährige, der in Backnang als „12. Mann“ bekannt ist, kann es kaum abwarten, wenn er seine Wochenenden endlich wieder mit Fußball füllen kann. In der Unterbrechung, sagt er, haben sich die ersten fußballfreien Wochen „leer“ angefühlt. Er konzentrierte sich auf das Studium, das er „nebenher“ mache, wie er beiläufig erwähnt, so als ob er hauptberuflich Fußballfan wäre.

„Support your local team“

Aber seitdem die Coronavirus-Pandemie den Amateursport lahmlegt, fehlt Schoch der Rhythmus. An den freien Wochenenden widmet er sich nun Büchern oder erledigt liegen gebliebene Aufgaben. „Ich freue mich auf den Moment, wenn ich das Etzwiesenstadion betrete. Das wird sich anfühlen wie Heimkommen“, sagt er.

Für Schoch beginnt ein Spieltag lange vor dem Anpfiff: Zwei Stunden vor Spielbeginn trifft er im Stadion ein - dann begrüßt er die Mannschaft, räumt seine Sporttasche aus und stellt die Trommel auf. Darin befinden sich etliche Banner, die er an den Werbebanden befestigt: „Der 12. Mann für die TSG“ oder „Support your local team“. Beim Amateurfußball gefällt ihm vor allem die Nähe zur Mannschaft. „Ich brauche diesen Wohlfühlcharakter“, sagt Schoch. Neulich durfte er bei einem Videochat der Mannschaft dabei sein - und nach Spielen sitzt er manchmal in der Kabine. Bundesligaspiele reizen ihn nicht.

Schoch ging als Kind nicht mit seinem Vater ins Stadion wie andere Gleichaltrige. Mit 11 Jahren besuchte er auf eigene Faust ein Spiel vom FC Normannia Gmünd in seinem Heimatort. Einige Jahre unterstützte er die Mannschaft mit anderen Fans. Irgendwann spürte er vom Vorstand des Vereins nicht mehr die Wertschätzung, die er sich gewünscht hätte. Der damalige Trainer von Gmünd wechselte nach Backnang und Schoch folgte ihm 2017 dorthin.

Fans aus der Bundesliga

Ein-Mann-Ultras sind laut des Fanforschers Jonas Gabler eher unüblich. Ultras schätzten vor allem das Gruppengefühl - bei Schoch fiele das zumindest auf die Gruppe bezogen weg. Ähnlich wie bei großen Ultra-Gruppen gehe es Schoch aber auch um Choreographie und Inszenierung.

Das mit dem einzigen Ultra von Backnang werde hochgespielt - bei Heimspielen seien ein, zwei andere dabei, sagt Schoch: „Aber ich bin auswärts oft alleine unterwegs.“ Einsam fühle er sich nicht. Andere Backnanger, die lieber etwas ruhiger ein Spiel schauen, stünden meist 20 Meter von ihm entfernt. Die Reaktionen seien aber positiv.

Selbst in der Bundesliga ist Schoch bekannt. Verteidiger Keven Schlotterbeck von Union Berlin, der früher für Backnang spielte, weiß um die außergewöhnliche Unterstützung von Schoch. „Es ist überragend, was er bei den Spielen abzieht, er hat immer fünf oder sechs Fahnen dabei, eine Trommel und auch ein paar Unterstützer beim Anfeuern“, erzählt der 23-Jährige.

Dass ein Spieler seine Mannschaft in der Verbandsliga derart unterstützt, hält Schlotterbeck nicht für normal. Wenn Schoch sich auf dem Weg zum Stadion befindet, fällt er oft schon in der Bahn auf. Hin und wieder wurde er von anderen Reisenden angesprochen, ob er zum VfB Stuttgart wolle. Er winkt dann ab: „Ne, ich fahre nach Backnang.“

Geschenk vom Verein

Vielen anderen wäre die Aufmerksamkeit als einziger Ultra wohl unangenehm. „Richtig nervös bin ich nicht. Ich ziehe mein Ding durch und ich stehe ja nicht alleine da, ich habe doch die Mannschaft hinter mir.“ Wenn die eigene Mannschaft ihn als „Idioten“ abstempeln würde, dann würde er die Unterstützung lassen.

Als er 2017 zum ersten Mal bei einem Spiel auftauchte, hat TSG-Geschäftsführer Janos Kovac den „12. Mann“, wie er ihn nennt, misstrauisch beäugt: „Im ersten Moment dachte ich: Was ist das denn für ein Spinner? Ich dachte echt, der hat sich im Stadion verirrt“. Mit der Zeit ändert Kovac seine Meinung: „Er hat eine sympathische Art, ich mag ihn sehr.“ Der Verein hat ihm ein Trikot und eine Jahreskarte für die Heimspiele geschenkt.




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