Nobelpreisträgertagung Sie setzen alles auf eine Karte

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Eine geniale Idee genügt nicht für den Nobelpreis. Die Preisträger brauchten auch Mut und Ausdauer. In Lindau am Bodensee treffen sich derzeit 65 Nobelpreisträger mit mehr als 650 Nachwuchswissenschaftlern aus 88 Ländern. Mit dabei ist Stefan Hell, der im Jahr 2014 den Nobelpreis für Chemie erhalten hat.

Stefan Hell im Gespräch mit einem Wissenschaftler. Foto: Veranstalter
Stefan Hell im Gespräch mit einem Wissenschaftler. Foto: Veranstalter

Stuttgart - Gibt es für Nobelpreisträger ein Geheimnis des Erfolgs? Bei ihrer Tagung in Lindau müsste man dem eigentlich näher kommen. Schließlich trifft man nirgendwo sonst so viele von ihnen auf einmal an. Doch der Chemiker Aaron Ciechanover dämpft die Erwartungen. „Tatsächlich gibt es kein Geheimnis“, schreibt er im Vorwort des Buchs „Geniale Begegnungen“, in dem der Fotograf Peter Badge aus Göttingen erzählt, wie er seit 15 Jahren Nobelpreisträger zu Fotoshootings trifft (DAAB Media, Köln 2015). Trotzdem sieht Ciechanover, der vom Nobel-Komitee 2004 ausgezeichnet wurde, eine Gemeinsamkeit unter den Preisträgern: Sie seien „Menschen, die aus purer Neugier ihrer Intuition und ihren Ideen folgten, so wie Alice dem weißen Kaninchen“.

Sind es wirklich nur Leidenschaft für die Wissenschaft und die Bereitschaft, alles auf eine Karte zu setzen, um der Wahrheit ein Stück näher zu kommen? Das wäre ein riskantes Vorhaben. In Lindau trifft man nur die, die es geschafft haben. Aber alle von ihnen dürften Kollegen kennen, die es nicht in den Forscherolymp geschafft haben, obwohl es ihnen weder an Leidenschaft noch an Fähigkeiten mangelte. Was fehlte denen? Waren sie zur falschen Zeit mit dem falschen Thema beschäftigt, oder haben sie bloß an der falschen Stelle gesucht? Es fällt auf, dass manche Nobelpreisträger von einem „random walk“ sprechen: Mit diesem Begriff bezeichnen Statistiker eine Abfolge von zufälligen Entscheidungen. Aber ist das vielleicht nur Understatement?

Leidenschaft und Bereitschaft zum Risiko

So wie Stefan Hell seinen Weg beschreibt, waren es tatsächlich Leidenschaft und die Bereitschaft zum Risiko. Hell ist im vergangenen Jahr mit dem Chemie-Nobelpreis ausgezeichnet worden, weil er in den 90er-Jahren ein Lichtmikroskop entwickelt hat, dessen Auflösung ausreicht, um Nanostrukturen innerhalb einer Zelle sichtbar zu machen. Bis dahin galt 120 Jahre lang eine Grenze, die der Physiker Ernst Abbe entdeckt hatte. Die Grenze der kleinstmöglichen Auflösung ist ein physikalisches Gesetz. Doch Stefan Hell erzählt in Lindau, dass er sich gedacht habe: Seit den Zeiten von Abbe ist in der Physik so viel geschehen, dass etwas dabei sein müsste, um die Grenze zu unterschreiten und eine bessere Auflösung zu erreichen. Hell arbeitete damals in einer Heidelberger Mikroskopiefirma und sehnte sich nach einer wissenschaftlich interessanten Aufgabe. Nur Geräte zu optimieren habe ihn nicht gereizt. Für ihn sei klar gewesen: „Die Beugungsgrenze zu brechen – das wäre cool.“

In Deutschland habe er niemanden gefunden, der ihn mit diesem Projekt fördern wollte, sagt Hell. Dafür im finnischen Turku. Und dort stieß er an irgendeinem Samstag in einem Buch über Quantenphysik auf die stimulierte Emission. „Ich war sofort elektrisiert“, sagt er. Die stimulierte Emission war die physikalische Erkenntnis, auf die er gehofft hatte. Seine Idee war, zwei Laser auf eine Zelle unter dem Mikroskop zu richten. Der erste Laser regt Farbmoleküle in der Zelle zum Leuchten an und der zweite bringt die meisten Moleküle dazu, das Leuchten wieder einzustellen. Es bleiben nur wenige leuchtende Moleküle in der Mitte der Laserstrahlen übrig, und wenn man deren Leuchten registriert, hat man einen ersten feinen Bildpunkt der hochaufgelösten Mikroskopaufnahme im Kasten. Dann rückt man die Laser ein Stück zur Seite und nimmt den nächsten Bildpunkt auf.

Es braucht immer auch einen Geldgeber

Als er diese Idee 1994 in einem Fachjournal beschrieb, erzählt Hell, habe sich kaum jemand dafür interessiert. „Sowohl finanziell als auch wissenschaftlich war es schwer zu überleben“, sagt er. Rund 25 Bewerbungen habe er geschrieben und war glücklich, dass ihm das Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen die Chance gab, seine Idee auszuprobieren. Fünf Jahre bekam er dafür Zeit. Es braucht also immer auch einen Geldgeber, der an eine abenteuerliche Idee glaubt.

In seinem Buch beschreibt Peter Badge ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Da gibt es zum Beispiel die Macher, die jeden Tag von früh bis spät im Labor stehen und immer wieder neue Versuche starten, und die Denker, die ihre Probleme rein gedanklich durchdringen wollen. Es gibt die, die auch im Rentenalter vor Ideen sprühen, und solche wie Frederick Sanger, der sich – nach zwei Nobelpreisen für Chemie – mit 65 Jahren überraschend aus der Forschung zurückzog. „Ich war nicht mehr so schnell im Kopf wie vorher“, sagt er dem Fotografen. Dass es vor allem Männer sind, ist den alten Zeiten geschuldet, in denen Frauen in der Wissenschaft noch deutlich schlechtere Chancen hatten als heute.

Stefan Hell gehört zu den Machern der Branche. Am Ende seines atemlos gehaltenen Vortrags zeigt er Fotos seiner früheren und aktuellen Mitarbeiter. „Wir haben im Labor viel Spaß zusammen“, sagt er. Seine fünf Jahre am Max-Planck-Institut hat Hell gebraucht, um erstmals zu zeigen, dass seine Theorie im Labor funktioniert. Über diese Zeit, die ihm viel Ausdauer und Zuversicht abverlangt haben dürfte, sagt er in Lindau nichts, stattdessen zeigt er Vorher-Nachher-Bilder: verschwommene Mikroskopaufnahmen von früher und hochaufgelöste Aufnahmen mit seiner Technik. Wie bedeutend seine Entwicklung ist, leuchtet so auch jedem Laien ein. Die Aussicht auf diesen Erfolg hat Hell nicht aufgeben lassen. Zwei Jahre nach dem experimentellen Nachweis machte ihn das Max-Planck-Institut zu einem Direktor.

Unkonventionelle Projekte fördern

Eric Betzig, der unabhängig von Hell die Mikroskopie voranbrachte und zusammen mit Hell ausgezeichnet wurde, schlägt bei seinem Vortrag in Lindau eine ähnliche Saite an. Er hat zwei Mal den Job gewechselt, hat es auch ohne Erfolg in der Maschinenfabrik des Vaters versucht, um dann zur Forschung zurückzukehren. Drei Monate habe er damals seine Physikkenntnisse aufgefrischt, die er in der Industrie nicht gebraucht hatte. Heute sagt er: „Für mich war entscheidend, dass ich nicht im akademischen Business war – dass man mich in Ruhe ließ, um an meiner Aufgabe zu arbeiten.“ Sowohl Betzig als auch Hell zeigen, dass es sich lohnen kann, unkonventionelle Projekte zu fördern. Viele werden zu nichts führen, aber einige eben schon.

Mit der Risikobereitschaft der Forscher scheint auch eine große Offenheit für Neues einherzugehen. Denn manchmal erwecken Nobelpreisträger den Eindruck, als hätten sie bloß genauer hingesehen, wo andere weggeschaut hätten. Andre Geim zum Beispiel hat gerade dem Science Museum in London erzählt, dass man früher im Labor mit Tesafilm Grafitproben gesäubert habe: Streifen draufkleben und abziehen – fertig ist die glatte Kohlenstoffoberfläche. „Was die Leute nicht erkannt haben, ist, dass sie mit dem Tesafilm auch den Nobelpreis wegwarfen“, wird Geim zitiert. Denn einige der Grafitmoleküle auf dem Tesafilm können Graphen sein: eine Schicht aus Kohlenstoffatomen, die nur eine Lage dick ist und über so viele gute Eigenschaften für die Elektronik verfügt, dass Geim mit seinen Kollegen 2010 den Nobelpreis bekam.

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