Nordische Ski-WM in Oberstdorf Warum bei Hermann Weinbuch Wehmut aufkommt

Medaillensammler als Athlet und als Bundestrainer: Hermann Weinbuch Foto: dpa/Hendrik Schmidt
Medaillensammler als Athlet und als Bundestrainer: Hermann Weinbuch Foto: dpa/Hendrik Schmidt

Keine Zuschauer, keine Stimmung: Oberstdorf wird für die nordischen Skisportler ein ganz besonderes Großereignis. Hermann Weinbuch, der ewige Bundestrainer der Kombinierer, zehrt deshalb von seinen Erinnerungen.

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Oberstdorf/Stuttgart - In schwierigen Zeiten kann es durchaus hilfreich sein, von Erinnerungen zu zehren. Sich an eigenen Erfahrungen zu orientieren. Motivation aus positiven Erlebnissen zu ziehen. Die Nordische Ski-WM, die an diesem Mittwoch in Oberstdorf beginnt, findet inmitten der Coronapandemie statt. Ohne Zuschauer, ohne die gewohnte Stimmung, ohne die erhoffte Atmosphäre. Aber nicht ohne den Anspruch, das Beste aus der Situation zu machen. Hermann Weinbuch will seinen Beitrag dazu leisten – erst recht, weil er weiß, was möglich gewesen wäre.

Weinbuch (60) ist seit 1996 der Chef der deutschen Kombinierer, eine Art ewiger Bundestrainer. Seine Athleten gewannen 19-mal Olympia- und WM-Gold, insgesamt holten sie 50 Medaillen bei Großereignissen, in unzähligen denkwürdigen Rennen. Und doch sind Weinbuch vor allem die beiden Heimweltmeisterschaften im Allgäu im Gedächtnis geblieben. Eine erlebte er als Athlet, eine als Coach. „Ich hätte meinen Jungs, der Region, Deutschland und natürlich auch mir selbst noch ein solches Ereignis gewünscht“, erklärt er, „Oberstdorf ist geradezu dafür prädestiniert, ein Riesenfest zu zelebrieren.“

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1987 reiste Hermann Weinbuch als Titelverteidiger zur WM, allerdings geschwächt durch einen Mückenstich, der sich entzündet hatte – genau dort, wo der Schuhrand drückt. Der Favorit lag zwar nach dem Springen in Führung, doch am entscheidenden Anstieg zum Burgstall ging ihm die Luft aus. Weinbuch torkelte in der Loipe, stürzte in der folgenden Abfahrt und wurde total enttäuscht Vierter (später erhielt er doch noch Bronze, nachdem der zweitplatzierte US-Amerikaner Kerry Lynch des Dopings überführt worden war). Umso größer ist die Motivation gewesen, es im Team mit Hans-Peter Pohl und Thomas Müller besser zu machen.

Eine Bar im Kurpark

Für das Trio lief es perfekt, bis zur Feier im Zielraum. Weil dort verbotenerweise reichlich Sekt verspritzt wurde („Wir wollten eine Show abziehen wie in der For- mel 1“), wäre der schwarz-rot-goldene Dreier beinahe disqualifiziert worden. Letztlich blieb es beim WM-Titel. Und bei einer ganz besonderen Erinnerung. „Wir Kombinierer fristeten damals ein Schattendasein, derart viele Fans wie in Oberstdorf waren wir nicht gewohnt“, sagt Hermann Weinbuch, „das alles haben wir extrem genossen.“ Wie auch die WM 2005.

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Der Druck war damals enorm auf Bundestrainer Weinbuch und sein starkes Team, doch ausgerechnet im Vorfeld der WM verlor Ronny Ackermann, der Star, sein Fluggefühl. Erst am Tag vor dem ersten Wettkampf fand er zurück in die Spur – dank eines riskanten Schuhwechsels. Fortan lief es. Ackermann wurde Doppel-Weltmeister, das Team holte Silber, die Erfolge der Kombinierer heizten die Stimmung im winterlichen Oberstdorf an. „Es war unglaublich, wie emotional die Zuschauer mitgegangen sind“, sagt Weinbuch, der sich bei jeder Gelegenheit unter die Fans mischte, die an der 300 Meter langen Bar im Kurpark vor allem sich selbst feierten, „es war eindeutig meine schönste WM.“ Umso größer ist die Wehmut, die jetzt aufkommt.

Die WM ist ein Privileg

Sicher kann man sich bei Hermann Weinbuch zwar nie sein, zumal sein Vertrag noch bis kurz nach den Olympischen Spielen 2022 in Peking läuft – doch es ist ziemlich wahrscheinlich, dass er in den nächsten eineinhalb Wochen seine letzte WM mitmacht. Auch diese Titelkämpfe hätte er gerne genossen, gefühlt, ausgekostet. Einerseits. Und andererseits ist der Bauchmensch Weinbuch Realist genug, um einschätzen zu können, was für ein Privileg es ist, dass die WM tatsächlich stattfindet. In einer Zeit, in der auch aus Oberstdorf deutlich vernehmbare Kritik an dem Großereignis zu hören ist, in der ganze Branchen brachliegen, in der es keinen Amateur- und Breitensport gibt. „Es tut natürlich sehr, sehr weh, dass wir nicht das emotionale Fest erleben werden, auf das wir alle gehofft und uns gefreut hatten“, sagt der Bundestrainer, „und zugleich sind wir extrem froh, überhaupt Wettkämpfe zu haben.“ Die eine neue Herangehensweise erfordern.

Es wird keine Fans geben, die ihr Team zu Erfolgen schreien. Es wird, weil die deutschen Skispringer, Langläufer und Kombinierer in ihren eigenen Blasen leben, keine mannschaftsinterne Dynamik geben. Es wird keine Möglichkeiten geben, sich außerhalb des Hotels abzulenken, sondern nur die Konzentration auf sich selbst und den Versuch, Gedanken an die äußeren Umstände erst gar nicht aufkommen zu lassen. Denn an den hohen sportlichen Zielen hat sich in der Pandemie nichts geändert. Sechs Titel gewannen die deutschen Athleten bei der WM 2019 in Seefeld, dazu drei Silbermedaillen, sie waren unangefochten die Nummer zwei hinter den übermächtigen Norwegern. In ähnlichen Sphären wollen sie sich in Oberstdorf wieder bewegen. Der Heimvorteil hätte dabei sicher geholfen. Nun muss es in diesen schwierigen Zeiten irgendwie anders gehen.

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